Allianz: Kann Bäte das verlorene Jahr 2020 noch retten?

Oliver Bäte. Quelle: Allianz

Allianz-Vorstandschef Oliver Bäte gilt im Konzern als harter Macher. Verschlanken, modernisieren, Gewinne einfahren, lautet die Devise. Dann kam Corona und nichts ist mehr wie es war. Heute legt der deutsche Branchenprimus seine Bilanz für das erste Halbjahr 2020 vor. Analysten haben im Vorfeld bereits mit einem deutlichen Rückgang gerechnet.

Demnach sank das operative Ergebnis in den ersten sechs Monaten 2020 im Jahresvergleich erwartungsgemäß um 19 Prozent auf knapp 2,6 Mrd. Euro. Der Gewinn brach um 29 Prozent auf rund 1,5 Mrd. Euro ein. Eine konkrete Gewinnprognose für 2020 wollte Allianz-CEO Oliver Bäte nicht abgeben. Die Allianz begründet den Gewinnrückgang vor allem mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das versicherungstechnische Ergebnis. Die Schaden-Kostenquote stieg allerdings nur leicht auf 95,5 Prozent.

„Wir haben es mit einer gewaltigen Pandemie zu tun und, bedingt dadurch, mit einem Systemausfall. Das ist vergleichbar mit Katastrophen wie Erdbeben oder der Explosion eines Atomkraftwerks“, ließ der Konzernchef bereits Anfang April – also mitten im Corona-bedingten Lockdown – wissen. So bescherte der Virus bei den Münchenern bereits in den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres einen dicken Gewinneinbruch.

Demnach erzielte die Allianz zwar einen Gewinn von rund 2,304 Mrd. Euro. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (Q1 2019: 2,962 Mrd.) ist dies ein deutlicher Rückgang von 22,2 Prozent. Corona hat den Versicherer bereits rund 700 Mio. Euro gekostet.

Davon entfielen Unternehmensangaben zufolge rund 400 Mio. Euro auf die Schaden- und Unfallversicherung und etwa 300 Mio. Euro auf das Leben- und Kranken-Geschäft. Dabei entfallen jeweils 200 Mio. Euro auf die Absage von Veranstaltungen und die Betriebsschließungspolicen die Allianz.

Rund 100 Mio. Euro entfallen auf den Kreditversicherer Euler Hermes und die Reiseversicherung. Demgegenüber fallen die Schäden in der Kfz-Versicherung durch die Ausgangsbeschränkungen mit 100 Mio. Euro eher niedriger aus. Die Schaden-Kosten-Quote stieg im ersten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,1 Prozentpunkte auf 97,8 Prozent.

Harte Treffer in Schaden-Unfall

Eine Trendwende ist allerdings nicht in Sicht. So rechnen die Analysten laut Bloomberg mit einem Rückgang des operativen Ergebnisses um 23 Prozent auf 2,43 Mrd. Euro (HJ 2019: 3,16 Mrd. Euro). Am schlimmsten dürfte die Corona-Krise den Bereich Schaden-Unfall treffen (minus 30 Prozent). Beim Ergebnis je Aktie erwarten die Experten ebenfalls ein dickes Minus von 27 Prozent auf 3,74 Euro (HJ 2019: 5,11 Euro). Im Asset-Management rechnen die Experten lediglich mit einem geringen Minus von etwa einem Prozent.

Die Münchener rechnen mit einem weltweiten Rückgang der Beitragseinnahmen um 3,8 Prozent. In Westeuropa dürfte der Einbruch mit einem Minus von 4,7 Prozent noch deutlicher ausfallen. Verglichen mit dem erwarteten Trend vor Corona „fehlen“ damit Prämieneinnahmen von rund 360 Mrd. Euro.

Immerhin: Für das Fiskaljahr rechnen 25 Analysten laut finanzen.net nun im Schnitt mit einem Gewinn je Aktie von 16,17 Euro im Vergleich zu 18,83 Euro im Vorjahr. Den Umsatz sehen zehn Analysten durchschnittlich bei 142,58 Mrd. Euro, gegenüber 142,40 Mrd. Euro im vorigen Jahr.

Zum Vergleich: 2019 stiegen die globalen Versicherungsprämien um 4,4 Prozent auf 3,906 Mrd. Euro und verzeichneten damit den stärksten Zuwachs in vier Jahren, konstatiert die Allianz in ihrem aktuellen Global Insurance Report. Für Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran ist 2020 daher bereits ein verlorenes Jahr.

„2020 ist an das Virus verloren, darüber bestehen keine Zweifel mehr. Interessanter ist die Frage, was danach kommt. Wir sehen insbesondere drei Trends, die durch Covid-19 deutlich an Schärfe gewinnen werden: Die Digitalisierung des Geschäftsmodells, die Hinwendung nach Asien und die wachsende Bedeutung von ESG-Faktoren. Asiatische Versicherer sind in der Technologie führend, europäische Anbieter haben bei ESG die Nase vorne. Aber die Vorherrschaft im globalen Versicherungsmarkt wird sich in Asien entscheiden – asiatische Haushalte werden die globale Nachfrage nach Versicherungen maßgeblich treiben.

Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz SE

Generali und Axa leiden auch

Beruhigend dürfte allenfalls sein, dass es der europäischen Konkurrenz derzeit nicht viel besser ergeht. So hat die Generali im ersten Halbjahr 2020 einen deutlichen Gewinneinbruch erlitten. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sank der Überschuss um 56,7 Prozent auf 774 Mio. Euro. Ein Großteil von rund 226 Mio. Euro entfällt dabei auf Abschreibungen bei den Finanzanlagen. 100 Mio. Euro investierte der Versicherer in den Corona-Fonds, der die Pandemie-Folgen abfedern soll.

Nicht viel besser dürfte es auch bei der Axa aussehen, die morgen ihre Geschäftszahlen für das erste Halbjahr 2020 vorlegen wird. Bereits zum Jahresbeginn gingen die Beitragseinnahmen um neun Prozent auf 31,7 Mrd. Euro (VJ: 35,0 Mrd.) zurück. Die Schäden aus der Absage von Veranstaltungen bezifferte Axa vorläufig auf einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag vor Steuern. Mit Aussagen für das Gesamtjahr hielt sich der französische Versicherungskonzern jedoch zurück. Demnach sei es für eine präzise Ergebnisprognose noch zu früh.

An einem Strang ziehen Allianz-Chef Bäte und sein französischer Axa-Kollege Thomas Buberl bei der Frage eines staatlich-privaten Pandemieschutzes: Buberl will demnach ein staatlich-privates Versicherungssystem gegen Großgefahren aufbauen und ist dabei hierzulande auf gemischte Reaktionen gestoßen. Der Axa-Chef hat ein System von privater und staatlicher Hand gegen „sanitäre Katastrophen“ wie Corona im Kopf, an der Staat und Privatwirtschaft jeweils die Hälfte halten.

Auch Bäte sieht bei der Absicherung der Pandemiefolgen den Staat mit im Boot: „Für solche Situationen gibt es in vielen Ländern eine Kooperation zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft, weil die Versicherungsbranche solche Systemausfälle nicht beherrschen kann“, betonte der Versicherungsmanager gegenüber dem Spiegel.

Keine Hilfe bei der BSV

Kaum Unterstützung dürfte sich die Allianz allerdings in den juristischen Auseinandersetzungen um die Betriebsschließungsversicherung erhoffen. Allein vor dem Landgericht München I sind derzeit 39 Klagen im Zusammenhang mit der BSV anhängig. Vergangenen Freitag verhandelten die Richter die Klagen dreier prominenter Gastwirte und einer Münchner Kindertagesstätte.

Der Ausgang der Verhandlungen ist jedoch ungewiss: Ein Gericht in Mannheim entschied pro Geschädigte, ein Gericht in Hamm pro Versicherer. In Bayern wurde während der Pandemie eine Lösung zwischen Politik, Gastronomen und Versicherern geschlossen, der „bayerische Kompromiss“, der von vielen Versicherern deutschlandweit übernommen wurde. Im Wesentlichen besagt die Lösung, dass teilnehmende Versicherer den betreffenden Firmenkunden freiwillig zehn bis 15 Prozent der vereinbarten Tagessätze zahlen.

Hier zeigte sich die Konkurrenz auf den ersten Blick kulanter: Während die Generali bereits im März 2020 einen 100 Mio. Euro schweren Fonds zur Bekämpfung des Virus auflegte, stellte die Axa unlängst 500 Mio. Euro zur Kompensation von Ansprüchen kleinerer Unternehmen bereit. Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Summe als volle Entschädigung klassifiziert werden kann. Hierbei handelt es sich wohl um ein Vergleichsangebot, um weitere Klagen zu vermeiden.

So beteilige sich die Allianz zwar ebenfalls an „freiwilligen“ Zahlungen für pleitebedrohte Gastwirte und Hoteliers. „Was wir allerdings nicht leisten können, ist Versicherungsschutz, für den keine Prämie bezahlt wurde“, betonte Vorstandschef Bäte. „Das würde der Versicherungsbranche den Boden unter den Füßen wegziehen“, warnt der Allianz-CEO.

Und Finanzvorstand Guido Terzariol ergänzt dazu laut Deutscher Presseagentur (dpa): „Die Allianz stellt den betroffenen Unternehmen freiwillig einen höheren zweistelligen Millionenbetrag zur Verfügung, obwohl kein Versicherungsschutz aus der Betriebsschließungsversicherung besteht“.

Sorgenkind AGCS

Eine weitere Baustelle bleibt zudem der konzerneigene Industrieversicherer: Die Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) gehört bereits seit Jahren zu den Sorgenkindern des Münchener Versicherungskonzerns. Mit einem radikalen Umbauprogramm will AGCS-Deutschlandchef Joachim Müller den kränkelnden Industrieversicherer schon im kommenden Jahr wieder in die schwarzen Zahlen bringen. Dafür sollen bis zu 700 Arbeitsplätze zum Opfer fallen. Auch die Manager bleiben nicht verschont.

Die Stoßrichtung der Maßnahmen hatte jedenfalls schon Allianz-Finanzvorstand Giulio Terzariol vor einiger Zeit recht deutlich formuliert: „Wir wollen keine Gesellschaft, bei der die Schaden-Kosten-Quote immer wieder über 100 Prozent liegt“. Der Unmut des Allianz-Managements um Bäte & Co. über die Industrieversicherungs-Tochter ist schon länger ein offenes Geheimnis.

Positiv dürfte sich die Corona-Pandemie allerdings auf die digitalen Projekte der Allianz auswirken: So sieht Bäte die Pandemie als Brandbeschleuniger für den digitalen Ausbau. Demnach habe sich allein die Zahl der virtuellen Besprechungen und Kundenberatungen in den vergangenen zwei Monaten verdreifacht. Das Motto „Einfach, digital, skalierbar“ hatte der Allianz-Vorstandschef bereits 2019 zur Unternehmensdevise proklamiert.

„Die Krise hat uns allen vor Augen geführt, wie wertvoll es ist, dass einige Bereiche bereits durchweg digital arbeiten. Im Firmenkundengeschäft finden Beratungsgespräche nun teilweise digital statt. Natürlich fehlt hier und da sicherlich das persönliche Gespräch, das auch weiterhin wichtig sein wird. Allerdings wurden die digitalen Kanäle durch die Krise stärker genutzt, und das wird aufgrund der klaren Vorteile anhalten“, betont Laura Gersch, Firmenvorständin der Allianz Leben, im Exklusiv-Interview mit der Versicherungswirtschaft.

Freuen dürfte Bäte wenigstens, dass die Allianz im abgelaufenen Geschäftsjahr 2019 seine Spitzenposition als größter Versicherer Europas verteidigt hat. Laut einem aktuellen Ranking der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) lag die Allianz SE mit Beitragseinnahmen von 142,4 Mrd. Euro unangefochten an der Spitze. An zweiter Stelle folgt die französische Axa-Gruppe mit annähernd 100,1 Mrd. Euro Prämienaufkommen. Dahinter rangiert die italienische Generali-Gruppe mit gut 68,1 Mrd. Euro.

Autor: VW-Redaktion

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

2 × fünf =