Emerging Risks: Wie gefährlich ist die neue Risikowelt für das Versicherungsgeschäft?

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Die Corona-Pandemie hat die Risikolandschaft in der Versicherungsbranche in den vergangenen Monaten quasi auf den Kopf gestellt. Plötzlich standen Nischenprodukte wie die Eventversicherung oder die Betriebsschließungsversicherung (BSV) im Fokus des Interesses – mit gravierenden finanziellen Folgen für die betroffenen Versicherer. Wenn der Industrieversicherer AGCS heute sein Risikobarometer vorstellt, dürfte die aktuelle Entwicklung ihre Spuren hinterlassen.

Zum Vergleich: Anfang 2020 bewerteten 39 Prozent der Befragten erstmals das wichtigste Geschäftsrisiko für Unternehmen weltweit. Das Risiko Betriebsunterbrechung hatte zuvor von 2013 an den Spitzenplatz im Ranking inne, damals lag Cyber noch mit sechs Prozent der Antworten auf einem Abstiegsplatz. Die Sorge vor rechtlichen Veränderungen im Wirtschaftsumfeld und die Folgen des Klimawandels sind weltweit die größten Aufsteiger in der Rangliste der größten Geschäftsrisiken. In Deutschland war die Betriebsunterbrechung noch immer die größte Angst der Unternehmer, gefolgt vom Cyberrisiko und rechtlichen Gefahren.

Was damals allerdings kaum jemand ahnte: Bereits zwei Monate später – nämlich Mitte März 2020 – wurde eben jene Furcht zur Realität. Aufgrund des ersten Lockdowns wurden viele Unternehmen – insbesondere im Einzelhandel sowie in Gastronomie und Hotelerie – geschlossen. Industrieunternehmen hatten zudem pandemiebedingt ihre Produktion unterbrochen. Nun befindet sich Deutschland im zweiten Lockdown – mit womöglich noch schärferen Einschränkungen. Welche Folgen die zweite Schließung der Betriebe für die Versicherer haben, ist bislang noch nicht abschätzbar.

Teure finanzielle Folgen durch die BSV

Die Folgen des ersten Lockdowns kommen die Versicherungsbranche jedenfalls schon jetzt teuer zu stehen – insbesondere durch die Schließung von Restaurants und Hotels. Dabei sollten die sogenannte “Bayerische Lösung” die coronabedingten Folgeschäden für die Gastronomen und Hoteliers zwar halbwegs abzufedern. Nur bei den Betroffenen selbst stieß das Gebaren der Branche selbst auf wenig Gegenliebe. Während einige bayerische Gastwirte die Versicherer mit einem Schmähvideo durch den Kakao zogen, bevorzugten andere Gastronomen und Hoteliers den Rechtsweg – mit teuren Folgen, entschieden doch einige Gerichte bereits zugunsten der Betroffenen.

Eine klare Linie der Gerichte ist dennoch – bislang – noch nicht zu erkennen. Während das Landgericht Regensburg jüngst zugunsten der Dialog entschied, hatte das Landgericht München I erst Ende November 2020 der Klage von Jürgen Lochbihler, dem Wirt des Pschorr am Münchener Viktualienmarkt, stattgegeben. Demnach muss der Versicherer dem Gastronomen rund 465.000 Euro zahlen.

Derzeit sind etwa 100 Klagen am Münchener Landgericht anhängig, darunter auch der Bayerische Hof: So hat das Luxushotel in der bayerischen Landeshauptstadt die Allianz auf sechs Mio. Euro Betriebsausfall für die Zeit des Lockdowns von März bis Mai 2020 verklagt. Zudem verklagt der Münchener Edel-Italiener “Guido al Duomo” die Allianz auf 160.000 Euro aus der BSV. Ein Urteil soll allerdings wohl erst im Januar 2021 gefällt werden.

Im Fall der Gaststätte “Paulaner am Nockherberg” hat sich die Allianz bereits außergerichtlich geeinigt. Nach Angaben des Landgerichts hatte Gastwirt Christian Schottenhamel die Klage gegen den Versicherer zurückgenommen. Details sind allerdings nicht bekannt.

Die Allianz selbst hat unterdessen Nägel mit Köpfen gemacht: So will der Münchener Versicher die bisherigen Bestandsverträge in der BSV loswerden und bietet ihren Kunden – branchenübergreifend – neue Verträge an. Sollten diese das neue Angebot nicht annehmen, werden die bestehenden Verträge gekündigt. Andere Versicherer folgen dem Beispiel.

Auch die Rückversicherer treffen die Corona-bedingten Folgen besonders hart. So könnte die Pandemie weltweit versicherte Schäden von über 100 Mrd. Dollar zur Folge haben, insbesondere in den Bereichen Ereignisausfall und Seuchen-BU. Vor allem der Ausfall oder die Verschiebung von Großveranstaltungen trifft die Branche besonders hart.

Positiver Nebeneffekt: “Wir sehen die Covid-19 Pandemie als Katalysator für Preisanpassungen sowohl auf der Erst- als auch auf der Rückversicherungsseite. Natürlich werden die Ausprägungen je nach Region, Sparte und Kunde unterschiedlich sein”, konstatierte Michael Pickel, Vorstandsmitglied für Schaden-Rückversicherung bei der Hannover Rück, Ende September 2020 im Exklusiv-Interview mit VWheute.

“Als langfristige Folge aus der aktuellen Krise erwarten wir, gerade mit Blick auf die Pandemie-Problematik bei Betriebsschließungsversicherungen, ein klarer gefasstes Bedingungswerk, das nicht die abstrakte Gefährdung deckt, sondern den konkreten Schadenfall beschreibt. Denn hier herrscht aktuell die größte Unsicherheit bezüglich der Formulierungen, was gedeckt ist und was nicht. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass neben Pandemien auch der Klimawandel und Cyberrisiken ‘Emerging Risks’ darstellen, für die passende Deckungskonzepte entwickelt werden müssen.”

Michael Pickel, Vorstand der Hannover Rück

Immerhin lässt das Jahr 2021 für die Branche Gutes erhoffen. Die Rückversicherer konnten über alle Sparten hinweg Preiserhöhungen durchsetzen. Es hätte sogar noch mehr erzielt werden können.

Die Gefahr durch Hacker wird allerdings auch 2021 nicht abnehmen. Neu gewonnene Erkenntnisse aus den “sehr vielen Cyberattacken im Jahr 2020” und  Informationen über die sich “ständig verändernde Bedrohungslage” sollten mit den Kunden geteilt werden, erklärte Robert Dietrich, Hauptgeschäftsführer von Hiscox Deutschland, jüngst in einer Videobotschaft zum Rück- und Ausblick des Unternehmens. Es gäbe beim Cyberschutz “Anpassungsbedarf”. In der Wirtschaft war zu Beginn der Corona-Krise die Angst aufgekommen, dass Hacker die Situation für Angriffe ausnutzen würden, doch das sei trotz vieler Schäden “nicht der Fall” gewesen.

Für das Unternehmen sei 2020 “kein Rekordjahr” gewesen, aber es wurde “doch noch mit einem gesunden Wachstum anständig beendet”, erklärt Dietrich. Im kommenden Jahr will Hiscox seine Zielgruppe ausbauen und der “Versicherer der digitalen Welt werden”. Das Jahr 2021 werde “unsicher sein”, der Trend gehe zu einer noch stärkeren Digitalisierung.

Dabei könnte gerade das Thema Homeoffice zu einem Stresstest für die Cyberversicherer werden. Was die politischen Entscheidungsträger als wesentliches Mittel im Kampf gegen den Virus ansieht, könnte für die Cyberversicherer zum Albtraum werden. “Cyberangriffe auf kleine und mittlere Unternehmen nehmen sowohl in ihrer Anzahl als auch Komplexität stetig zu. Bereits 70 Prozent der Unternehmen waren in den letzten zwei Jahren von Cyberangriffen betroffen. Dieser Trend wurde durch die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation – ausgelöst durch die globale Corona-Pandemie – zusätzlich verstärkt”, betonte Miroslav Mitrovic, Leiter Vertrieb DACH-Region beim Cyber-Sicherheitsanbieter Perseus, jüngst in einem Gastbeitrag für das E-Vertriebsmagazin Der Vermittler.

“Die Zahl der Phishing-Angriffe auf Unternehmen stieg allein in dieser Periode um 220 Prozent an. Zudem sind Unternehmen nur bedingt gegen Cyberkriminelle geschützt und verfügen auch nur selten über die notwendigen Ressourcen und das Knowhow, sich gegen Angriffe zu schützen. Der neuste Gefahrenherd ist dabei der Arbeitsplatz zu Hause, denn die Cyberkriminellen sind den Menschen ins Homeoffice gefolgt. Das stellt ArbeitnehmerInnen vor eine große Herausforderung.”

Miroslav Mitrovic, Leiter Vertrieb DACH-Region beim Cyber-Sicherheitsanbieter Perseus

Pandemie-Risiken sind kaum versicherbar

Einigkeit herrscht in der Branche jedenfalls darüber, dass die Risiken aus einer Pandemie auch künftig kaum versicherbar sind. So verwundert es nicht, dass die Versicherer unisono einen staatlich-privaten Versicherungsschutz fordern und daher auch den Staat in der Pflicht sehen.

Firmenkunden sollen dabei künftig eine Pflichtversicherung gegen Pandemien abschließen können. Das Ziel: “Den Schutz vor allem für kleine und mittlere Unternehmen für mögliche zukünftige Pandemien vorausschauend, von Anfang an berechenbarer und schneller zur Verfügung zu stellen”, so Allianz-Vorstand Klaus-Peter Röhler.

Dabei sollen die Firmen in eine Pandemieversicherung einzahlen, an der sich auch der Staat beteiligen soll. “Die Versicherer würden im definierten Pandemiefall Leistungen bis zu einer vertraglich vereinbarten Höhe übernehmen, bei Überschreitung dieser Höhe würden die Leistungen durch staatliche Übernahme gedeckt”, konstatiert Röhler.

Bereits im Sommer hatte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ein Konzept für einen entsprechenden Versicherungschutz erarbeitet. Der Plan enthalte neben einer Beteiligung von Versicherern und öffentlicher Hand auch eine Kapitalmarktkomponente in Form von Pandemiebonds.

Vor ebenfalls neuen Herausforderungen stehen die Versicherer auch beim Versicherungsschutz für die neuen Impfstoffe gegen das Coronavirus. So wirbt beispielsweise die Talanx mit einem leicht kalkulierbaren Versicherungsschutz für Produktionsfehler beim Impfstoff. Bei auftretenden Nebenwirkungen wie Rötungen, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit nach der Impfung besteht dagegen kein Anspruch auf finanziellen Ausgleich.

Mehrere Versicherer bieten zudem Ärzten und Impfzentren eine Impf-Haftpflicht an, die Betroffene schützt, wenn bei einer Impfung etwas schiefgeht. Der Versicherungsmakler Schunck hat eine Police entwickelt, die den Transport aus der Fertigungsanlage des Herstellers in die Verteilzentren bis hin zu den Impfzentren vor Ort absichert. Auch die R+V-Tochter Kravag deckt mit einer Police neben Unfall und Diebstahl ebenfalls die Unterbrechung der Kühlkette ab.

Klimawandel kommt auch in den Chefetagen an

Auch die Folgen des Klimawandels sind in den Chefetagen der Versicherer angekommen. “Viele Finanzdienstleister gehen das Thema Nachhaltigkeit ganzheitlich an und hinterfragen ihre Produkte, Prozesse sowie Infrastruktur, aber auch ihre Lieferketten anhand von Nachhaltigkeitskriterien. Denn die Relevanz des Themas gewinnt für Aufsicht, Kunden und Öffentlichkeit zunehmend an Bedeutung”, betonte Sven-Olaf Leitz, Mitglied des Vorstands Financial Services bei KPMG, gegenüber VWheute.

“Versicherer haben hier vielfach noch Nachholbedarf, wobei das Umfrageergebnis bereits auf Aktivitäten in dem Bereich schließen lässt. Dass der Klimawandel als eine zentrale Herausforderung gesehen wird, ist vor dem Hintergrund der großen Betroffenheit der Versicherer nicht verwunderlich. Der Klimawandel ist ursächlich für die steigende Anzahl an Naturkatastrophen zu sehen. Diese Ereignisse werden vermehrt und vor allem plötzlich auftreten. Es wird häufiger vorkommen, dass Ursache und Wirkung nicht mehr im direkten Zusammenhang stehen.”

Demnach sind die Schäden aus Naturkatastrophen nach Angaben der Munich Re im Jahr 2020 deutlich gestiegen. So verbuchte der Rückversicherer für das Jahr 2020 einen wirtschaftlichen Schaden von insgesamt 210 Mrd. US-Dollar, einem Anstieg um 44 Mrd. US-Dollar gegenüber dem Vorjahr (2019: 166 Mrd. US-Dollar.). Dabei kam Europa noch recht glimpflich davon.

Glaubt man der Swiss Re, war 2020 eines der teuersten Schadenjahre in der Geschichte. Laut vorläufigen Sigma-Schätzungen des Swiss Re Institute beliefen sich die weltweiten Schäden aus Natur- und Man-made-Katastrophen für die Versicherungswirtschaft auf 83 Mrd. US-Dollar. Damit ist das Jahr 2020 das fünftteuerste Jahr für die Versicherungsindustrie seit 1970, teilten die Schweizer mit.

In Deutschland haben die Folgen durch Sturm, Hagel und weitere Naturgefahren wie Starkregen die Versicherer im Jahr 2020 rund 2,5 Mrd. Euro gekostet. Die versicherten Schäden an Häusern, Hausrat, Kraftfahrzeugen sowie in Gewerbe und Industrie liegen damit rund 500 Mio. Euro unter dem Wert von 2019 und unter dem langjährigen Mittel von etwa 3,7 Mrd. Euro, heißt es im jüngsten Naturgefahrenreport des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Wie konkret die Unternehmenschefs diese Risiken für ihren Betrieb einschätzen, wird das heutige Risikobarometer von AGCS belegen.

Autor: VW-Redaktion

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