Corona-Bilanz: Wie hart trifft der Virus die Versicherungsbranche?

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Die Corona-Pandemie hat in den vergangenen Monaten wie in Komet eingeschlagen. So brach die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal um 10,1 Prozent ein. Reihenweise verkünden die Unternehmen branchenübergreifend satte Umsatz- und Gewinneinbrüche – allen voran die Lufthansa oder der Reisekonzern TUI mit Umsatzeinbußen in Milliardenhöhe. Und die Versicherer? Sie haben teilweise überraschend gute Zahlen vorgelegt.

Viele Konzernchefs werden daher nicht müde, immer wieder gebetsmühlenartig das vermeintlich robuste Geschäftsmodell ihres Unternehmens zu betonen – allen voran Allianz-Chef Oliver Bäte oder Generali-CEO Philippe Donnet.

So fiel die Halbjahresbilanz der Allianz SE sogar besser aus als von den Analysten erwartet: Zwar brach der Gewinn beim deutschen Branchenprimus aus München in den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres um 20,5 Prozent auf 4,689 Mrd. Euro (HJ 2019: 6,121 Mrd. Euro) ein.

„Dennoch hat die Allianz in den ersten sechs Monaten des Jahres robuste Ergebnisse erzielt und eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gezeigt. Das macht uns zuversichtlich, dass wir auch in der zweiten Jahreshälfte 2020 stabile Geschäftsergebnisse sehen werden“, ließ Konzernchef Bäte durchblicken. Eine Gewinnprognose für das laufende Jahr vermied er dennoch.

Immerhin: Die Deutschlandtochter überraschte im ersten Halbjahr 2020 gar mit einem Umsatzplus. So stieg der Umsatz in allen drei Versicherungssparten leicht um insgesamt 1,7 Prozent auf 22,4 Mrd. Euro (HJ: 22,0 Mrd. Euro). Der Gewinn ging jedoch um 31,4 Prozent auf 544 Mio. Euro (HJ 2019: 792 Mio. Euro) zurück. Wesentliche Gründe für den Gewinneinbruch: Der zeitweilige Absturz der Kapitalmärkte und weniger Neuabschlüsse im Kfz-Geschäft.

Corona belastet die ausländische Konkurrenz

Teils deutlich härter trifft es hingegen die ausländische Konkurrenz der Allianz. So verzeichnete die Axa in den ersten sechs Monaten einen satten Gewinneinbruch von 39 Prozent auf 1,4 Mrd. Euro. Diesen begründet der französische Versicherungskonzern vor allem mit der hohen Schadenbelastung durch Covid-19, die mit rund 1,5 Mrd. Euro zu Buche schlägt. Einen weiteren Grund für das Minus sieht der französische Versicherer im Prämienrückgang von etwa zehn Prozent auf rund 53 Mrd. Euro.

Schlechte Nachricht für die Axa-Aktionäre: Diese müssen nun ihre Dividende für 2020 gänzlich abschreiben. Die Axa gehört damit zu den wenigen Versicherungskonzernen, welche die Dividendenzahlungen wegen der Corona-Krise streichen werden. Anfang April hatte die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa die Versicherer und Rückversicherer dazu aufgefordert, vor dem Hintergrund der Corona-Krise, Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe vorübergehend auszusetzen.

Wenig verwunderlich, dass sich der französische Versicherer nun von manch wenig lukrativer Tochtergesellschaft trennen könnte. Medienberichten könnten in absehbarer Zeit die Tochtergesellschaften in Singapur und Malysia einen neuen Besitzer finden. Den Verkauf ihrer irischen Lebensversicherungstochter Twinstar an Cinven hatte die Axa allerdings in letzter Minute abgesagt.

Die erste Hälfte des Jahres 2020 war eine beispiellose Periode geprägt von unvorhersehbaren Ereignissen, die von einer globalen Pandemie und Rezession bis hin zu zivilen Unruhen und einer höheren Anzahl von Naturkatastrophen reichten.

Mario Greco, Vorstandsvorsitzender der Zurich Insurance Group

Deutschlandtochter der Generali erweist sich als Stütze für den Mutterkonzern

Bei der Generali erwies sich im ersten Halbjahr vor allem die Deutschlandtochter als wesentliche Stütze des Geschäfts: Der operative Gewinn sei mit 428 Mio. Euro „im Wesentlichen stabil“ geblieben, hieß es aus München. Die Beitragseinnahmen stiegen demnach um 2,1 Prozent auf 7,8 Mrd. Euro. Die Schaden-Kosten-Quote in der Sachversicherung verbesserte sich auf 88,8 Prozent (HJ 2019: 89,8 Prozent). 

Und dennoch hat der Mutterkonzern im ersten Halbjahr 2020 deutlich weniger Gewinn eingefahren. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sank der Überschuss um 56,7 Prozent auf 774 Mio. Euro. Ein Großteil von rund 226 Mio. Euro entfällt dabei auf Abschreibungen bei den Finanzanlagen. 100 Mio. Euro investierte der Versicherer in den Corona-Fonds, der die Pandemie-Folgen abfedern soll.

Warme Worte von Zurich-Chef Greco

Optimistisch zeigte sich auch Zurich-Vorstandschef Mario Greco bei der Präsentation der Halbjahresbilanz: Vielmehr sei man bislang „stark, stabil und solide“ durch das erste Halbjahr 2020 gekommen. „Wir sind gut aufgestellt, um uns in einem sehr dynamischen und unsicheren Szenario schnell anzupassen, und bleiben daher voll und ganz unserem Dreijahresplan verpflichtet“, sagte der Konzernchef in der Telefonkonferenz zur Geschäftsentwicklung.

Wie sich jedoch ein möglicher zweiter Lockdown auf den Konzern und seine Ergebnisse auswirken würde, lässt sich nach Aussage von Greco aktuell nicht voraussagen. Persönlich sehe er keine „zweite Welle“, sondern nur die Notwendigkeit die Infektionszahlen auf niedrigem Niveau zu halten.

Talanx hält sich beim Jahresgewinn weiter bedeckt

Die Talanx hält sich – ebenso wie die Allianz – weiterhin mit einer Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr bedeckt. „Wir werden uns auf eine Corona-Belastung im zweiten Halbjahr einstellen müssen, von der wir noch nicht sagen können, wie hoch sie ausfällt“, betonte der scheidende Finanzvorstand Immo Querner. So fielen die Schäden durch Corona mit 824 Mio. Euro deutlich stärker ins Kontor als die Belastung durch Naturkatastrophen, die in den ersten sechs Monaten des Jahres auf 190 Mio. Euro (HJ: 138 Mio. Euro) stiegen. Zudem dürfte die Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut den Konzern nach derzeitigen Schätzungen einen niedrigen bis mittleren zweistelligen Millionenbetrag kosten.

Wir sind weiter auf Wachstumskurs. Die COVID-19-Pandemie hat unserem operativen Geschäft kaum geschadet. Natürlich ist die Nachfrage nach Auslandskrankenversicherungen in diesen Zeiten deutlich zurückgegangen. Dies konnten wir in Bezug auf die Stückzahl aber durch andere Produktgruppen kompensieren. Der Vertrieb unserer ausgezeichneten Krankenversicherungen sowie unserer Tierkrankenversicherung läuft sehr gut, sodass wir im Beitrag sogar über dem Zeitziel liegen. Wir sind auf einem sehr guten Weg unsere Wachstumsziele erneut zu erreichen.“

Stefan Knoll, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Familienversicherung (DFV)

R+V hat ehrgeizige Ziele – DFV-CEO Knoll wie gewohnt selbstbewusst

Der Wiesbadener Genossenschaftsversicherer R+V zeigt sich dagegen durchaus ehrgeiziger. So habe die Corona-Pandemie laut Vorstandschef Norbert Rollinger nach einem „hervorragenden Jahresauftakt“ der Beitragsentwicklung des genossenschaftlichen Versicherers zwischenzeitlich einen „Dämpfer versetzt“. Für den Ausblick auf das Gesamtjahr bleibt Rollinger vorsichtig: „Wir peilen über alle Sparten ein leichtes Wachstum an.“ An ihren vertrieblichen Zielen für 2020 halte die R+V weiter fest. „Voraussetzung dafür ist allerdings, dass uns eine zweite Corona-Welle erspart bleibt, so Rollinger.

Gewohnt selbstbewusst gibt sich – wie eigentlich immer – DFV-Vorstandschef Stefan Knoll bei der Präsentation der Halbjahreszahlen für 2020: „Wir sind weiter auf Wachstumskurs. Die COVID-19-Pandemie hat unserem operativen Geschäft kaum geschadet“. So stiegen die gebuchten Beitragseinnahmen im ersten Halbjahr um 28,3 Prozent auf 53,7 Mio. Euro, im Vorjahr waren es 41,8 Mio. Euro.

Bei diesem Anstieg zeige sich, so Knoll, vor allem der starke Zuwachs im Bereich Krankenversicherung, plus 28 Prozent, sowie beim Sachversicherungsgeschäft, plus 33,4 Prozent, zu dem auch die neuen Tierversicherungen der DFV zählen. Für das Gesamtjahr strebt das Unternehmen insgesamt 100.000 Neuverträge, die Steigerung des Bestandsvolumens auf über 125 Mio. Euro und eine Erhöhung der gebuchten Bruttobeiträge um mindestens 30 Prozent an.

Bereits für die nähere Zukunft plant die DFV den „Gang nach Europa“. Neue Tochterunternehmen für die Bereiche „Leben“, „Krankenversicherung“ und „Sachversicherung“ sollen dabei entstehen – vorbehaltlich der noch ausstehenden Genehmigungen durch die Steuerbehörden und die Bafin. Ab 1. Januar 2022 will die DFV an den Start gehen. Beim europäischen Markteintritt möchte sich der Versicherer zunächst auf starke Volkswirtschaften der Eurozone konzentrieren, u.a. Frankreich, Benelux, Spanien und Italien.

Pandemie trifft die Rückversicherer unterschiedlich

Den Rückversicherern macht die Corona-Pandemie allerdings besonders zu schaffen – allen voran die Swiss Re. Mit einem Verlust von 1,135 Mrd. US-Dollar sind die Eidgenossen im ersten Halbjahr 2020 tief in die roten Zahlen gerutscht. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr stand zu diesem Zeitpunkt noch ein Gewinn von 953 Mio. US-Dollar.

Die wesentlichen Gründe für den Milliardenverlust sieht der Schweizer Rückversicherer nach eigener Aussage in den Schäden und Rückstellungen im Zusammenhang mit COVID-19 von 2,5 Mrd. US-Dollar. Ohne die Auswirkungen durch Corona hätten die Eidgenossen einen Konzerngewinn von 865 Mio. US-Dollar verbucht. Dennoch gibt sich Konzernchef Christian Mumenthaler vorsichtig optimistisch: „Auch wenn im Hinblick auf künftige Covid-19-Schäden ein gewisses Maß an Unsicherheit besteht, sind wir für den Ausblick unserer Gruppe zuversichtlich.“

Deutlich besser hat sich bislang aber die deutsche Konkurrenz geschlagen: So fallen die Corona-bedingten Schäden zwar auch bei der Munich Re mit rund 1,4 Mrd. Euro zu Buche. Dennoch erwartet der Rückversicherer derzeit mit einem Beitragsvolumen von etwa 54 Mrd. Euro einen neuen Rekordwert in der 140-jährigen Unternehmensgeschichte.

Bereits Anfang April 2020 hatte die Munich Re ihre Gewinnprognose für 2020 zurückgezogen. Wegen der gesamtwirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen durch Covid-19 sowie die erwarteten Belastungen durch Naturkatastrophen werde der Rückversicherer sein Gewinnziel von 2,8 Mrd. Euro für das Gesamtjahr 2020 nicht erreichen.

Ähnlich hält es auch die Talanx-Tochter Hannover Rück. „Nach wie vor ist eine Gewinnprognose für das Gesamtjahr mit zu vielen Unsicherheiten behaftet. Der Pandemieverlauf und seine Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung sowie staatliche Maßnahmen werden eine bestimmende Rolle mit Blick auf unsere Schadenentwicklung haben“, betonte Vorstandschef Jean-Jacques Henchoz bei der Veröffentlichung der Halbjahresbilanz für 2020.

So fiel der Halbjahresgewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 39,3 Prozent auf 402,4 Mio. Euro. Der Rückversicherer begründet dies mit hohen Rückstellungen für die Covid-19-Folgen. Dabei hat der Rückversicherer nach eigenen Angaben allein im zweiten Quartal Schätzreserven in Höhe von 380 Mio. Euro zurückgestellt und in der Schaden-Rückversicherung im ersten Halbjahr insgesamt 600 Mio. Euro reserviert.

Die Covid-19-Pandemie ist vielerorts die größte Krise in der Nachkriegszeit und betrifft nicht nur die Wirtschaft, Arbeitsplätze, Existenzen, sondern auch die Gesundheit und teilweise unsere Freiheit. Aber selbst in der größten Krise stecken ein paar Chancen für die Zukunft, die wir unbedingt nutzen sollten.

Ron van het Hof, Hauptbevollmächtigter von Euler Hermes Deutschland 

Durchwachsene Aussichten bei den Kreditversicherern

Eine vorläufige Besserung der gesamtwirtschaftlichen Situation scheint derzeit jedenfalls nicht in Sicht. So prognostiziert Euler Hermes bereits eine heftige Pleitewelle ab Herbst. „Das zweite Halbjahr 2020 wird für die gesamte Weltwirtschaft sehr schwierig. Vielerorts sind Pleiten schon in die Höhe geschnellt, in anderen Märkten schlägt erst im Herbst die Stunde der Wahrheit. Aktuell ist in Deutschland die Insolvenzantragspflicht bis zum Herbst ausgesetzt“, betonte Ron van het Hof, Deutschlandchef von Euler Hermes, im Exklusivinterview mit VWheute.

Und dennoch: „Die Covid-19-Pandemie ist vielerorts die größte Krise in der Nachkriegszeit und betrifft nicht nur die Wirtschaft, Arbeitsplätze, Existenzen, sondern auch die Gesundheit und teilweise unsere Freiheit. Aber selbst in der größten Krise stecken ein paar Chancen für die Zukunft, die wir unbedingt nutzen sollten“, betont der Manager.

Verhalten optimistisch gab sich jüngst auch Christiane von Berg, Chefvolkswirtin von Coface Deutschland, im VWheute-Interview: „Erst einmal erwarte ich für Deutschland und seine Branchen nach der aktuellen Talfahrt eine langsame Erholung. In dieser Zeit werden viele Unternehmen insolvent gehen, aber auch viele Unternehmen gegründet werden, denn Krisen bieten auch immer die Möglichkeit eines Neuanfangs u.a. mit einem guten neuen Geschäftsmodell. Deutschland wird eine lange Zeit mit dem neuen Schuldenberg zu kämpfen haben, den die Regierung mit all ihren Maßnahmen und Konjunkturpaketen angehäuft hat.“

Autor: VW-Redaktion

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