Ron van het Hof: „‚New Work‘ und agile Arbeitsmodelle sind gekommen, um zu bleiben“

Ron van het Hof, Deutschlandchef Euler Hermes, Quelle: Euler Hermes

Die deutsche Wirtschaft hat im zweiten Quartal 2020 einen historischen Wirtschaftseinbruch von 10,1 Prozent erlitten. Viele Unternehmen kämpfen derzeit um ihre Existenz. So prognostiziert Euler Hermes bereits eine heftige Pleitewelle ab Herbst. VWheute sprach exklusiv mit Deutschlandchef Ron van het Hof über die Auswirkungen von COVID19 auf den Kreditversicherer.

VWheute: Die vergangenen Monate wurden vor allem durch die Corona-Pandemie und deren Folgen für die Versicherungsbranche geprägt. Wie haben sich die Folgen bislang bei Euler Hermes bemerkbar gemacht?

Ron van het Hof: Zunächst einmal hat die Gesundheit unserer Mitarbeiter/innen zu jeder Zeit oberste Priorität – wie bei allen Unternehmen. Die erste und wichtigste Folge der Pandemie war also, dass nahezu 100 Prozent unserer Mitarbeiter im Homeoffice waren. Ich bin sehr froh, dass Euler Hermes es trotzdem geschafft hat, jederzeit den gewohnt guten Service für unsere Kunden zu gewährleisten und gleichzeitig unsere Mitarbeiter/innen bestmöglich zu schützen.

Hinzu kommen die massiven negativen Folgen für die Wirtschaft durch Covid-19. Die Frage war also: Wie kann man negative Kettenreaktionen, die den gesamten Handel und seine Lieferketten durchschütteln, weitestgehend vermeiden? Wie kann man das Vertrauen in den Handel stabilisieren und den Unternehmen den notwendigen Spielraum zur Verfügung stellen? In dem man die Deckungszusagen aufrechterhält. Nur dafür muss das Risiko kalkulierbar sein – und nicht wie in Zeiten von Corona erkennbar zu hoch.

Damit wir unseren Kunden weiter zur Seite stehen können, habe ich deshalb die Idee für den Schutzschirm für deutsche Unternehmen an den GDV und die anderen Kreditversicherer herangetragen. Wir haben dann als Branche gemeinsam den Schulterschluss mit dem Bund gesucht, um am Ende einen gemeinsamen Schutzschirm für deutsche Unternehmen aufzuspannen.

Wir sind einen neuen Weg gegangen – und die viele Arbeit und Energie und auch einen hohen finanziellen Beitrag, den wir in diesen Schutzschirm gesteckt haben, hat sich bisher ausgezahlt. Denn damit haben wir einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass es den deutschen Unternehmen vielerorts deutlich besser geht als ihren Pendants in anderen Ländern. Bei uns waren die letzten Monate entsprechend stark von der operativen Umsetzung des Schutzschirms geprägt, vielen Kundengesprächen sowie gleichzeitig mit detaillierten Risikoanalysen, um zu sehen, wo wir und vor allem auch unsere Kunden gegensteuern müssen.

„Die Covid-19-Pandemie ist vielerorts die größte Krise in der Nachkriegszeit und betrifft nicht nur die Wirtschaft, Arbeitsplätze, Existenzen, sondern auch die Gesundheit und teilweise unsere Freiheit. Aber selbst in der größten Krise stecken ein paar Chancen für die Zukunft, die wir unbedingt nutzen sollten.“

Ron van het Hof, Hauptbevollmächtigter von Euler Hermes Deutschland 

VWheute: Marktbeobachter sprechen von einem neuen Digitalisierungsschub für den Versicherungsvertrieb: Wie sind Ihre Einschätzungen dazu?

Ron van het Hof: Der Versicherungsvertrieb – insbesondere bei einer relativ komplexen und teilweise erklärungsbedürftigen Materie wie der Kreditversicherung – fußt schon seit Jahren aus einem gesunden Mix aus Direktvertrieb, Vertrieb über Makler, Banken und Partner und digitalem Vertrieb. Ich denke, das wird auch in Zukunft so bleiben. Oft sind die Grenzen ja fließend und digitale Technik unterstützt die anderen Kanäle.

Schon vor Corona haben beispielsweise unsere Vertriebsmitarbeiter neben Kundenbesuchen auch Videocalls gemacht. Mit dem Lockdown hat sich der Schwerpunkt jedoch deutlich verschoben hin zu mehr Videocalls. Diese haben auch viele Vorteile. Es ist zum Beispiel leichter, in einer Videokonferenz mehrere Spezialisten einzubinden, um die beste Lösung für unsere Kunden zu finden. Wir hatten da natürlich den Vorteil, dass wir mit dem Umzug in unser neues Gebäude auf breiter Front die entsprechenden technischen Möglichkeiten haben.

Ich denke, dass digitale Kanäle in Zukunft eine noch größere Rolle spielen werden und dass man diese technischen Möglichkeiten auf allen Kanälen sehr gewinnbringend nutzen kann, zum Beispiel im Direktvertrieb oder auch bei Maklern, Banken und Partnern. Reine Online-Policen werden sich ebenfalls weiterentwickeln und es wird sicher vermehrt solche Angebote geben in Zukunft – allerdings insbesondere im Bereich der kleinen und kleineren mittelständischen Unternehmen.

Trotz der Entwicklungen in Richtung digitaler Produkte und Vertriebskanäle wird aber auch in absehbarer Zukunft die persönliche Beratung und der Kontakt mit unseren Kunden eine wichtige Säule unseres Geschäfts blieben, da wir uns nicht nur als Versicherungsanbieter sondern Berater unserer Kunden verstehen.

VWheute: Viele Versicherungsunternehmen haben ihren Geschäftsbetrieb kurzfristig ins Homeoffice verlegt: Welche mittel- und langfristigen Folgen sehen Sie für agile Arbeitsmodelle?

Ron van het Hof: „New Work“ und agile Arbeitsmodelle sind gekommen, um zu bleiben. Vielleicht nicht im aktuellen Umfang, aber ich denke, die richtige Mischung macht’s. Wir haben in den letzten Monaten gemerkt, wie gut es funktioniert. 

Die Covid-19-Pandemie ist vielerorts die größte Krise in der Nachkriegszeit und betrifft nicht nur die Wirtschaft, Arbeitsplätze, Existenzen, sondern auch die Gesundheit und teilweise unsere Freiheit. Aber selbst in der größten Krise stecken ein paar Chancen für die Zukunft, die wir unbedingt nutzen sollten.

Die Pandemie hat der digitalen Transformation und agilen Arbeitsmodellen einen unheimlichen Schub verliehen. Vieles davon haben wir seit Jahren bei Euler Hermes vorangetrieben. Allerdings hätten wir vorher eher nicht damit gerechnet, dass wir binnen eines Tages zu einem gänzlich digitalen Unternehmen werden würden und nahezu alle unser Mitarbeiter plötzlich zeitgleich aus dem Homeoffice arbeiten. Vermutlich hätte auch keiner vorher gedacht, dass die Umstellung so reibungslos abläuft und so gut klappt – aber unsere Investitionen in IT und Technik über die letzten Jahre haben sich hier ausgezahlt. Wir waren nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis bereit und gut vorbereitet.

Ich denke, das hat uns gezeigt, dass wir eigentlich viel weiter sind und dass wir in Zukunft noch öfter den Mut haben müssen, mal ins kalte Wasser zu springen und ganz neue Dinge und Wege auszuprobieren. Deshalb arbeiten wir aktuell daran, wie wir diese neue, agile Arbeitswelt in Zukunft gestalten wollen.

VWheute: Vor wenigen Tagen hat Euler Hermes mit einem massiven Anstieg der Firmenpleiten durch die Corona-Krise gewarnt: Welche Branchen sind Ihrer Ansicht nach derzeit besonders von der Krise betroffen?

Ron van het Hof: In erster Linie sind natürlich die Branchen besonders betroffen, denen durch die Coronakrise und den damit verbundenen Lockdown der Umsatz weggebrochen ist: Einzelhandel (außer Lebensmittel), Tourismus, Gastronomie, Freizeitaktivitäten. Aber auch Unternehmen, die im Bereich der Großveranstaltungen aktiv sind, wie etwa Messeveranstalter oder -bauer.

Wobei der textile Einzelhandel ja bereits vor Covid-19 teilweise am seidenen Faden hing und auch der Motor der Automobilindustrie stotterte schon vor dem Ausbruch des Virus‘. Die Pandemie hat hier allerdings als Katalysator gewirkt und bestehende Probleme noch weiter verschärft.

Für viele „Zombieunternehmen“ wird die Luft jetzt ebenfalls dünn. Allein in der Eurozone gibt es schätzungsweise 13.000 sogenannte „Zombieunternehmen“ mit Gesamtumsätzen von rund 500 Mrd. Euro, die sich durch die anhaltende Niedrigzinsphase gerade noch über Wasser halten konnten.

Aber wir haben in den letzten Monaten gesehen, dass es jeden treffen kann. Die aktuelle Krise ist deshalb so besonders, weil sie vor keinem Land, keiner Branche und keiner Unternehmensgröße haltmacht. Teilweise sind auch Unternehmen betroffen, die vor der Covid-19-Pandemie gesund waren.

Quelle: Statista

VWheute: Welche mittel- bis langfristigen Auswirkungen sehen Sie dadurch für die Kreditversicherer?

Ron van het Hof: Unsere Kernkompetenz ist die Risikoanalyse. Deshalb stehen wir auch – anders als Wirtschaftsauskunfteien – mit unserem Geld für diese Bewertung ein. Als Kreditversicherer bewerten wir die Bonität von Unternehmen und damit das Forderungsausfallrisiko, das die Kunden bei Geschäften eingehen. Steigt das Ausfallrisiko oder ist es gar nicht mehr kalkulierbar, müssen Limite teilweise angepasst bzw. aufgehoben werden – auch weil Kreditversicherer als Finanzdienstleister stark reguliert sind und ihr Risiko mit Risikokapital hinterlegen müssen. Eine Kreditversicherung ist aktives Risikomanagement für noch kalkulierbare Geschäfte – aber kein Vollkaskoschutz für riskante Geschäfte.

Aber genau diese Funktion ist ein enorm wichtiges Frühwarnsignal für unsere Kunden. Das Ziel ist immer die Schadensverhütung im gemeinsamen Interesse von Versicherungsnehmer und Versicherer. Unsere detaillierte Risikoanalyse ist der Schlüssel dazu.

Nichtsdestotrotz müssen wir mittel- und langfristig Lösungen finden, wie wir zum Beispiel mit dem Thema Verschuldung von Unternehmen umgehen, die vielerorts durch „Corona-Kredite“ und Sofortmaßnahmen drastisch gestiegen ist. Das wirkt sich natürlich negativ auf die Risikobewertung aus.

Allerdings liegt dieser Ball nicht nur in unserem Feld. Die Frage wird dann auch sein, wie Unternehmen und Banken diese Schuldenberge restrukturieren können? Und da sind nicht nur die Unternehmen selbst, sondern auch der Staat gefragt, Lösungen zu finden – denn sonst verschiebt man das Problem von jetzt einfach nur auf die Zeit nach der Krise. Es verschwindet aber nicht.

VWheute: Insbesondere die Zahl der Großinsolvenzen hat in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Wird sich dieser Trend in den kommenden Monaten fortsetzen und welche Auswirkungen sehen Sie dadurch für die Kreditversicherer?

Ron van het Hof: Obwohl die Fallzahlen insgesamt rückläufig waren und obwohl die Insolvenzantragspflicht aktuell ausgesetzt ist, haben wir im 1. Halbjahr eine Häufung von großen Insolvenzen in einigen Schlüsselbranchen gesehen, zum Beispiel in der Automobil- oder Metallindustrie. Aber auch im textilen Einzelhandel gab es sehr viele große Pleiten, die dann häufig andere Unternehmen entlang der Lieferkette mit sich ziehen. Wir gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung fortsetzt und mit steigenden Fallzahlen auch nochmals intensivieren könnte.

Die Folgen sind, dass wir als Kreditversicherer die neue Risikosituation für jedes einzelne Unternehmen individuell und detailliert analysieren und bewerten müssen und dann im Sinne unserer Kunden versuchen, Schäden schon im Vorwege zu vermeiden. Das ist für unsere Kunden ebenso wichtig wie der finanzielle Schutz.

VWheute: Werfen wir einen kurzen Blick auf das zweite Halbjahr 2020: Wie sind Ihre Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr und wo liegen aktuell Ihre Unternehmens- und Vertriebsziele?

Ron van het Hof: Als Navigator der Wirtschaft wollen wir unsere Kunden auch in diesen schwierigen Zeiten sicher an ihr Ziel bringen. Das beinhaltet neben der Rolle als „Airbag“ beim Crash, vor allem auch die Risikonavigation. Es ist unsere Aufgabe, die Kunden auf Risiken hinzuweisen, damit sie diese umfahren können und möglichst auch alternative Route vorzuschlagen. In der aktuellen Situation ist das wichtiger denn je, denn bei vielen sind die Puffer längst aufgebraucht.

Das zweite Halbjahr 2020 wird für die gesamte Weltwirtschaft sehr schwierig. Vielerorts sind Pleiten schon in die Höhe geschnellt, in anderen Märkten schlägt erst im Herbst die Stunde der Wahrheit. Aktuell ist in Deutschland die Insolvenzantragspflicht bis zum Herbst ausgesetzt. Das heißt, Unternehmen, die eventuell bereits zahlungsunfähig oder überschuldet sind, müssen dies bis dahin nicht anzeigen. Die Lieferanten sind also teilweise im Blindflug unterwegs. Das ist ein großes Risiko für ganze Lieferketten, denn der Schneeballeffekt kann schnell große Kettenreaktionen bewirken. Darauf sollten sich alle jetzt schon vorbereiten.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Mehr über den Manager Ron van het Hof erfahren Sie in der Juli-Ausgabe des Magazins Versicherungswirtschaft.

Quelle: VVW GmbH

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