Überfordert Bäte die Allianz mit seinen Ökosystem-Ambitionen?

Oliver Bäte, CEO der Allianz SE. Quelle: Allianz

Kommende Woche entscheiden die Aktionäre der Allianz auf der Jahreshauptversammlung über das künftige Gehalt des Vorstandschefs Oliver Bäte. Der Manager hat den Big Player gut durch die Krise geführt. Viele Baustellen aber bleiben offen. Eine davon: der große Plan vom Ökosystem. Beim VersicherungswirtschaftClub etwa zweifelte Managerkollege Norbert Rollinger daran, ob Versicherer dazu in der Lage seien und hinterfragte indirekt die Pläne der Allianz. Der Weg zum Ökosystem ist noch lang und voller Tücken.

Geht es nach den aktuellen Beschlussvorlagen, stimmen die Anteilseigner des Münchener Versicherungskonzerns am 5. Mai 2021 nun über ein Plus von knapp 700.000 Euro für Bäte ab. Nach dem Ausbruch des Pandemie 2020 hatte sich der Aufsichtsrat zunächst gegen eine Gehaltserhöhung ausgesprochen.

Sollte alles glattgehen, soll die Jahreszielvergütung ohne Pensionszusagen demnach von bisher 5,687 Mio. Euro auf 6,371 Mio. Euro angehoben werden, berichtet das Handelsblatt. Die maximal mögliche Vergütung soll dann von bisher zehn Mio. Euro auf 11,75 Mio. Euro steigen.

Bäte hat zwar bereits im Jahr 2019 deutliche Abstriche bei seinem Einkommen machen müssen, doch auch eine weitere Absenkung wird er verkraften. Im Jahr 2019 erhielt er 5,95 Mio. Euro, ein Jahr zuvor waren es noch 10,33 Mio. Euro. Er lag damit deutlich unter dem, was Zurich-Chef Mario Greco einbrachte. Er verdiente im vergangenen Jahr  rund 9,3 Mio. Franken.

Immerhin hat Bäte die Allianz in den vergangenen Jahren deutlich umgekrempelt. Doch wie steht es um seine Pläne eines “Ökosystems Allianz”? So äußerten sich Ramin Niroumand, CEO und Gründer von Finleap, sowie R+V-Chef Norbert Rollinger im VersicherungswirtschaftClub kritisch, ob die Branche abseits von der Rolle des Produktgebers in Ökosystemen bestehen kann. “Der Traum ist schön”, erklärte Niroumand, aber die Branche werde eher eine “lukrative Funktion als Zulieferer haben”. Versicherer seien grundsätzlich gut positioniert, vor allem weil sie einen langen Atem hätten.

Die Versicherer wollen dahin, “wo die Kunden sind”, ergänzte Rollinger, aber bei der Fähigkeit der Unternehmen zum Erstellen eines Ökosystems habe er “Bedenken”, auch wenn das Thema Absicherung ein wichtiger Bestandteil davon sei.

“Transformation ist keine Sache von einem oder zwei Jahren. Das Thema wird uns über die nächsten Jahre fortwährend begleiten. Es wäre fahrlässig zu sagen ‘alles ist wunderbar, wir haben die Nuss geknackt’. Dem ist natürlich nicht so.”

 Veit Stutz, Head of Business Transformation der Allianz SE

Die Allianz hat jüngst kräftig an ihren Strukturen getüftelt. Herausgekommen ist das konzerneigene Customer Modell, das Prozesse vereinfacht, Produkte vereinheitlicht und skalierbar macht. Jetzt steht die nächste Mammutaufgabe an. Das Modell soll mit der IT-Masterplattform vereint werden. Veit Stutz, Head of Business Transformation der Allianz SE und Drahtzieher im Hintergrund.

So gehe “es darum, das Allianz Customer Modell mit unserer IT-Masterplattform zu vereinen, um es im Endeffekt auf einer Plattform skalierbar zu machen. Das ist eine große Herausforderung, weil wir die beiden Komponenten Modell und Plattform zusammenführen und global skalieren. Das hat noch kein Versicherer gemacht”, betonte er im Dezember 2020 im Exklusiv-Interview mit der Versicherungswirtschaft.

Dabei setze man “bei drei Komponenten an: Produkten, Prozessen und Plattformen. Um Komplexitäten signifikant zu reduzieren, müssen alle drei Bereiche bearbeitet werden. Wenn man etwa Produkte gestaltet, ohne die Prozesse anzugreifen, kann die neue Produktdesign-Logik überhaupt nicht in die Plattform gebracht werden. Also wurde die Prozesslandschaft reduziert, um das Kundenerlebnis nicht nur beim Onboarding, sondern auch im Schadenfall etc. zu optimieren. Wenn wiederum Produkte und Prozesse stehen, zugleich aber über 70 verschiedene Plattformen weltweit existieren, resultiert daraus ein noch immer unnötig hoher Kostenblock. Für uns geht das Thema Plattformen strikt einher mit dem Thema Simplifizierung.”

“Über die letzten 100 Jahre hat sich die Versicherungswirtschaft kaum verändert, wenn man beobachtet, wie die Vertriebskanäle oder Produkte gestrickt waren. Das ist schon bemerkenswert. Ich glaube, dass der Kern unseres Schaffens unverändert bleibt. Wir werden uns aber wegbewegen vom reinen Produktverkauf hin zum Angebot ganzer Versicherungsleistungen. Keine Schaden-Auszahlung-Beziehung, sondern eine ‘Wir-lösen-das-Problem-für-dich-Beziehung’. Das ist eine Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist.”

Veit Stutz, Head of Business Transformation der Allianz SE

Allianz-Chef zeigt sich lernwillig

Bäte selbst hat jedenfalls in den vergangenen Jahren dazugelernt: Während er früher die eigene Belegschaft mit Sätzen wie “können keinen Job garantieren” marterte, hat er beim jüngst verkündeten Totalumbau das genaue Gegenteil getan. Nicht nur wurden den Mitarbeitern die Stellen zugesichert, auch die Standortzugehörigkeit ist sicher. Das kommt nicht von ungefähr, denn die Arbeitnehmervertretung ist noch nicht überzeugt und die letzte Hürde für den CEO.

Ein wichtiger Motor der Internationalisierung wird das „Allianz Customer Model“ (ACM). Die Einheit ACM wird “von den Allianz-Gesellschaften zusammen entwickelt” und soll “entlang der gesamten Wertschöpfungskette” nichts weniger als “harmonisierte Prozesse und Standards – für perfekte Kundenerlebnisse” garantieren. Gleichzeitig erreicht ACM Größenvorteile durch die internationale Verwendung der einfachen und digitalen Produkte und Prozesse. Die Führung dieses “Herzstücks” der neuen Allianz, die genau Bätes Vorstellungen entspricht, “werde noch bekannt gegeben”.

Mit Animositäten des CEO Oliver Bäte gegenüber der Macht der Allianz Deutschland, die seit seinem Antritt kursieren, soll der Umbau nichts zu tun haben. Die zentrale Frage drehe sich nicht um die Struktur, sondern um die Frage, “was erreicht werden sollte”, erklärt das Unternehmen.

Die Neugestaltung der deutschen Einheit ist ein Lackmustest für die anderen Gesellschaften der Allianz in Europa. “Ein Umbau in anderen Ländern könnte ein logischer Schritt sein”, erklärte ein Sprecher, allerdings wären diese “teilweise anders strukturiert”. Eine Absage ist das nicht.

Oliver Bäte hat einen europäischen Direktversicherer installiert, die mächtigste Landesgesellschaft aufgelöst und mit dem “Allianz Customer Model” eine neue, länderübergreifende Einheit geschaffen. Gelingt ihm noch die Mitnahme der Mitarbeiter, ist ihm etwas gelungen, was die Allianz weit über seine eigene Amtszeit hinaus prägen wird.

Die Bilanzen der vergangenen Jahre haben Bäte jedenfalls recht gegeben: Seit 2015 toppte er einen Rekordgewinn mit dem nächsten. Erst Corona hatte seine Bilanz im vergangenen Jahr deutlich verhagelt. So brach der Nettogewinn um 14 Prozent auf 6,8 Mrd. Euro ein, teilte Europas größter Versicherungskonzern Ende Februar 2021 in München mit. Der Umsatz des Konzerns sank leicht um 1,3 Prozent auf 140 Mrd. Euro.

Wie die Allianz ins Geschäftsjahr 2021 gestartet ist, kommuniziert der Versicherer am 12. Mai 2021 mit der Veröffentlichung der Bilanzzahlen für das erste Quartal. Nach Einschätzung mehrerer Analysten dürfte der Gewinn je Aktie für das vergangene Quartal auf durchschnittlich 4,71 Euro je Aktie belaufen. Im Vorjahresviertel hatte Allianz 3,21 Euro je Aktie erwirtschaftet. Beim Umsatz erwartet ein Analyst ein Minus von 2,83 Prozent auf 41,40 Mrd. Euro. Im Vorjahresviertel hatte Allianz noch 42,60 Mrd. Euro umgesetzt.

Autor: VW-Redaktion

Ein Kommentar

  • Solange die Allianz mehr mit Umstrukturierung beschäftigt ist, dabei die Überschussbeteiligungen, die Garantien und Rentenfaktoren kürzt, sind auch kleinere Versicherer sicher, dass sie weiterhin eine starke Existenzberechtigung behalten!
    Kunden, denen die Summen dieser Gehaltsdiskussionen absurd erscheinen, sind bei einem bodenständigen Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit besser aufgehoben, noch dazu wenn er finanzstärker ist…

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