Allianz schließt Investment in Atomkraft nicht aus

Ist Atomkraft nachhaltig – die Versicherer müssen diese Frage für sich beantworten. Bild von Markus Distelrath auf Pixabay.

Die EU-Kommission will Atom- und Gaskraftwerke als klimafreundlich einstufen. Die deutsche Bundesregierung ist dagegen, wird aber am Vorhaben nichts ändern können. Die (internationalen) Versicherer müssen sich in der Atomfrage positionieren und drohen in einer Mühle zwischen Investment- und Klimazielen sowie Politik und Kundenbefindlichkeit zerrieben zu werden.

Nicht ganz elf Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 ist die Atomkraft wieder salonfähig. Die EU-Kommission will die Energiegewinnung aus Erdgas- und Atomanlagen unter bestimmten Gegebenheiten als klimafreundlich einstufen. Bis 2045 erteilte Genehmigungen für neue Atomkraftwerke sollen unter die sogenannte Taxonomieverordnung fallen, sodass der Bau gefördert werden kann, zeigt ein Verordnungsentwurf. Im Bereich Gas sollen analoge Vorschriften bis zum Jahr 2030 gelten.

Unterstützung für die Pläne kommt vornehmlich aus Osteuropa und Frankreich; dort gilt die Atomkraft als Schlüsseltechnologie für eine CO₂-freie Wirtschaft und somit als Mittel zur Erreichung der Klimaziele. Deutschland, Österreich und Luxemburg haben sich dezidiert gegen die Idee ausgesprochen, sind damit in der EU aber eine Minderheit.

Bundesministerin für Umwelt und Verbraucherschutz Steffi Lemke. Quelle: Bundesumweltministerium.

In einer Bewertung der EU-Pläne bemängelt das Bundesumweltamt unter anderem die mangelnde Berücksichtigung der Gefahr schwerer Unfälle, ungelöste Endlager- bzw. Entsorgungsproblematik und eine ungenügende Betrachtung von Folgelasten für kommende Generationen. „Atomkraft ist alles andere als nachhaltig, sie ist eine Risikotechnologie. Sie an der Öffentlichkeit vorbei in die Taxonomie drücken zu wollen, ändert daran nichts“, erklärt Bundesumwelt- und Verbraucherschutzministerin Steffi Lemke (Grüne). Die Ministerin befürchtet einen Verdrängungskampf der Technologie zuungunsten der Nachhaltigkeit. „Die EU-Kommission erzeugt die große Gefahr, wirklich zukunftsfähige, nachhaltige Investments zugunsten der gefährlichen Atomkraft zu blockieren und zu beschädigen.“ Die Investoren warnt sie, dass sich Investitionen auch nach „über sechs Jahrzehnten“ nicht rechnen. Auch die Aufnahme von Erdgas hält Lemke für „fragwürdig“.

„No, we do not exclude this.“

Antwort der Allianz Group auf die VWheute-Frage, ob sie Investments in Atomkraft ausschließt.

Die internationalen Versicherer haben sich selbst strengen Klima- und vor allem CO₂-Zielen unterworfen. „Wir wollen den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft und Gesellschaft unterstützen und haben daher klare Grundsätze festgelegt“, schreibt beispielsweise die Generali-Group. Nun müssen die Häuser entscheiden, ob die Atomkraft nachhaltig ist und wie mit der Investmentchance Kernenergie umgegangen werden soll.

Leicht ist die Entscheidung nicht. „Wir verpflichten uns, bis 2050 keine Treibhausgasemissionen in unserem eigenen Anlageportfolio zu verursachen […], wir gehen nicht davon aus, dass wir unsere Anlagestrategie aufgrund des EU-Plans anpassen müssen“, schreibt die Allianz-Group. Auf Nachfrage wird allerdings auch erklärt, dass Investments in Atomkraft „nicht ausgeschlossen werden“.

Auch die Generali-Group hat nach Insiderinformationen noch keine klare Richtlinie in der Atomfrage festgelegt. Zu unsicher ist die Gemengelage aus Investmentinteressen, Klimazielen und politischen Vorgaben in jedem einzelnen EU-Land. Die Festlegung einer Gesamtstrategie ist unter diesen Voraussetzungen kaum praktikabel, ist unter der Hand aus Triest zu vernehmen.

Reputations- oder Investmentschaden?

Versicherer wie Allianz, Generali und Axa – die eine Anfrage zum Thema unbeantwortet ließ – haben sich zu klaren CO2– und Nachhaltigkeitszielen verpflichtet. Es wird in München, Paris und Triest auf eine Abwägung zwischen Investment- und Reputationsschaden hinauslaufen. Chancen gibt es genug, viele europäische Länder setzen auf Atomkraft und wollen diese ausbauen; gleichzeitig lehnen viele europäische Bürger Kernenergie ab. Für die internationale Versicherungsgruppen ist das ein Dilemma. Die Allianz verfügt über „39 Milliarden Euro an Eigenanlagen zum Thema Nachhaltigkeit“. Die Generali will im Zeitraum 2021 bis 2025 die Summe von 8,5 bis 9,5 Milliarden Euro an „neuen grünen und nachhaltigen Investitionen tätigen“. Das Auslassen einer Assetklasse ist unter diesen Voraussetzungen schwierig, besonders da der Kohle- und Gassektor bereits ein selbstauferlegtes Sperrgebiet darstellt.

Keine Heimlichkeiten möglich

Eine klare Meinung zur Atomkraft haben neben der deutschen Bundesregierung die Umweltschützer. Sie lehnen ein Atomengagement der Branche ab und würden umweltkritische Investments wie in der Vergangenheit öffentlich geißeln. „Die Aufnahme von Atom und Gas in die Taxonomie ist ein absoluter Sündenfall und führt den Versuch ad absurdum, einen Standard für „Nachhaltigkeit in Finanzanlagen“ sauber zu formulieren“, erklärt Regine Richter, Kampagnerin  bei der NGO Urgewald. Da Atomkraftwerke „neben den Reputations- vor allem enorme Finanzrisiken bergen“, würden sie auch durch die Adelung als „nachhaltig“ zu keinem guten Anlageprodukt. „Deshalb bezweifle ich, dass Investoren inklusive Versicherer tatsächlich nun viel Geld in Atomanlagen oder Firmen, die diese bauen, umleiten werden – zumindest in Deutschland.“ Das wird sich zeigen.

Autor: Maximilian Volz

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