Allianz erhöht Rückstellungen für US-Hedgefonds um 1,9 Mrd. Euro

Die Allianz hat sich im Rechtsstreit um Structured Alpha geeinigt. Quelle: Allianz

Die finanziellen Folgen des Debakels um den US-Hedgefonds „Structured Alpha“ werden für die Allianz allmählich zu einem Fass ohne Boden. Nachdem der Versicherungskonzern weitere Vergleiche mit allen Klägern geschlossen hat, ergibt sich mittlerweile ein Rückstellungsbetrag von 5,6 Mrd. Euro. Auch eine Einigung mit den Behörden scheint in greifbarer Nähe zu sein. Die Zahlen dürften den Start der Allianz ins Jahr 2022 deftig trüben.

Der Versicherer teilte überraschend mit, noch einmal rund 1,9 Mrd. Euro für die finanziellen Folgen des Skandals zurückzustellen. Insgesamt belaufen diese sich nun auf 5,6 Mrd. Euro. Demnach sei der Konzern laut Mitteilung „der Ansicht, dass diese Rückstellung eine realistische Einschätzung des verbleibenden finanziellen Risikos in Bezug auf Entschädigungszahlungen an Investoren und Zahlungen im Rahmen eines möglichen Abschlusses der behördlichen Verfahren darstellt.“ Zudem sei eine Einigung mit dem US-Justizministerium und der U.S. Securities and Exchange Commission absehbar. Details nannte die Allianz aber nicht.

Zudem dürften sich die weiteren Rückstellungen auch auf die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2022 auswirken, die heute veröffentlicht werden. So geht die Allianz davon aus, dass die weitere Rückstellung den Quartalsgewinn mit 1,6 Mrd. US-Dollar belasten wird. Unter dem Strich rechnet der Konzern daher „nur“ mit einem Überschuss von 600 Mio. Euro in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres. Zum Vergleich: Im ersten Quartal 2021 hatte der Konzern noch mehr als 2,5 Mrd. Euro verdient. Gleichzeitig betonte der Versicherer, dass sie die Belastungen durch den US-Rechtsstreit bei der Berechnung der Dividende für die Aktionäre herausrechnen werde.

Jedenfalls habe sich die Allianz nach eigenen Angaben mittlerweile mit allen rund zwei Dutzend Klägern auf entsprechende Vergleiche geeinigt. Allein mit dem Lehrerpensionsfonds aus Arkansas (ATRS) hat ein besonders prominenter Kläger bei einem Vergleich mit der Allianz 643 Mio. US-Dollar und damit 83 Prozent seiner Forderungen erhalten. Der Pensionsfonds hatte 1,6 Mrd. US-Dollar in drei Hedgefonds des Vermögensverwalters Allianz Global Investors (AGI) investiert und forderte eine Entschädigung für Kursverluste von 774 Mio. Dollar. Nach Abzug von Kosten und Anwaltskosten bleiben dem ATRS insgesamt 507 Mio. Dollar. Marktbeobachter sahen in dem Vergleich bereits einen Präzedenzfall für andere Vergleiche. Insgesamt hatten die 25 Kläger rund 6,3 Mrd. US-Dollar von der Allianz-Tochter AGI gefordert.

Deutliche Kritik durch Großaktionäre

Ob auch die großen US-Investoren mit dem Ergebnis zufrieden sein werden, zeigt sich aller Voraussicht nach in den nächsten Tagen. Bei manch Großaktionär stießen die Vorgänge um den US-Hedgefonds bereits auf erhebliche Kritik. „Structured Alpha hat das Vertrauen in das Allianz-Management in den Grundfesten erschüttert“, kritisierte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka, die Führungsetage im Vorfeld der Jahreshauptversammlung Anfang Mai 2022. Demnach seien die Bemühungen des Vorstandes, am Kapitalmarkt Vertrauen aufzubauen, innerhalb kürzester Zeit zunichtegemacht worden.

Dabei habe sich der Umgang der Allianz mit diesem Thema „scheibchenweise als Debakel entpuppt, nachdem die Allianz die Klagen der geschädigten US-Investoren im Herbst 2020 noch scharf zurückgewiesen hatte. Die Structured Alpha Fonds waren hochriskant und lieferten einen entsprechend hohen Beitrag zur Gewinn-und-Verlust-Rechnung von AGI“, kritisierte auch Janne Werning, Fondsmanager bei Union Investment, gegenüber dem Handelsblatt.

Das Risikomanagement, das eigentlich die Kernkompetenz eines Versicherers sein sollte, muss versagt haben, wenn ein kleines Team mit einem einzelnen Produkt einen solchen Schaden für den Allianz-Konzern und seine Aktionäre anrichten konnte. Das erinnert ein wenig an die Sorglosigkeit der Investmentbanken vor der Finanzkrise.

Janne Werning, Fondsmanager bei Union Investment

Zwar sei die Rekorddividende „der Lohn dafür, dass das operative Geschäft bei der Allianz seit Jahren gut läuft. Aber es sind nun leider dunkle Wolken am Allianz-Himmel aufgezogen, die wieder einmal aus den USA kommen und die Freude trüben. Die Probleme und der Ärger beim Firemans Fund, der inzwischen Teil der Industrieversicherungssparte AGCS ist, und bei Pimco sind zwar inzwischen vergessen. Dafür sorgt jetzt aber AGI für Verdruss.“

Rückendeckung gab es lediglich vom mächtigen Aktionärsberater Glass Lewis. So gebe es keine Hinweise, dass die Mitglieder der Gremien „im vergangenen Geschäftsjahr ihrer Pflicht gegenüber den Aktionären wesentlich nicht nachgekommen sind. Wir sehen keinen Grund, den Aktionären zu empfehlen, ihre Unterstützung zu verweigern“, schrieb Lewis in einem Bericht.

Konzernchef Bäte hält an seinem Kurs fest

Die Führungsspitze selbst lässt sich die Folgen des Debakels um „Structured Alpha“ nicht anmerken: „Wir bedauern die Verluste zutiefst und nehmen das Verfahren sehr ernst“, erklärte Vorstandschef Oliver Bäte jüngst auf der Jahreshauptversammlung. Die Ermittlungen laufen allerdings noch, erklärte auch der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Diekmann mehrfach. Die Untersuchung der beauftragten Kanzlei hätte „bisher keine Pflichtverletzungen“ von Vorständen zutage gefördert.

Vielmehr sucht der Allianz-Chef Bäte weiterhin die Erfolge des Versicherers im Jahr 2021, inklusive eines sechsprozentigen Umsatzanstiegs auf 149 Mrd. Umsatz und einem Dividendenanstieg um 12,5 Prozent in den Vordergrund zu stellen. So bleibt der Unternehmenslenker seinem bisherigen Kurs treu: Kaum ein Jahresergebnis, wo er nicht einen Rekord nach dem anderen verkündete. Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie erzielte Europas größter Versicherer einen operativen Gewinn von 13,4 Mrd. Euro, ein Plus von 24,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Prognosen der Analysten lagen im Schnitt bei 13,2 Mrd. Euro.

Allein das vierte Quartal trug 3,5 Mrd. Euro zum Gesamtergebnis bei. Wegen der Rückstellungen ging der Jahresüberschuss nach Steuern 2021 allerdings um 2,9 Prozent auf 6,6 Mrd. Euro zurück. Im laufenden Jahr geht der Konzern von einem operativen Ergebnis von 12,4 Mrd. bis 14,4 Mrd. Euro aus.

Immerhin gilt Bäte bereits als potenzieller Nachfolger für Aufsichtsratschef Diekmann, dessen Mandat jüngst bis 2026 verlängert wurde. Einen klaren Favoriten für Bätes Nachfolger gibt es derzeit zwar nicht – dennoch stehen bereits jetzt einige Namen im Raum. Der Aufsichtsrat der Allianz SE glaubt jedenfalls – noch – fest an die Vorhaben und Ziele Bätes. „Dies lässt sich an seiner Zielerreichung in den vergangenen Jahren und auch an seiner vorzeitigen Vertragsverlängerung im Jahr 2018 ablesen. Unsere Beurteilung liegt nicht nur in den sehr guten finanziellen Ergebnissen begründet, sondern wird auch durch die sich ständig verbessernde Zufriedenheit von Kunden und Mitarbeitern bestätigt“, sagte Aufsichtsratsvorsitzender Michael Diekmann Anfang des Jahres.

Ob die Kontrolleure des Münchener Versicherungskonzerns dies auch nach den heutigen Quartalszahlen sagen werden, bleibt noch abzuwarten. Bätes Stuhl dürfte allerdings auch auf absehbare Zeit wohl sicher sein.

Autor: VW-Redaktion

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