Corona und die Folgen: Das sind die Baustellen der Versicherer

Quelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Vor dem Hintergrund steigender Neuinfektionen in Deutschland sorgen sich die Menschen um eine zweite Welle. Laut aktuellem Risikoreport der Ergo fürchten sich die Deutschen derzeit besonders davor, in den kommenden Jahren Opfer einer Virus-Pandemie zu werden. Und die Versicherer? Die Branche scheint vor einem Umbruch zu stehen.

Experten sind sich derzeit uneins, ob es sich bei den steigenden Neuinfektionen um eine zweite Welle handelt. So sieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) laut einem Bericht des Deutschlandfunk bislang davon ab, von einer „zweiten Welle“ zu sprechen. Allerdings rechnet die WHO laut Bericht damit, dass das Risiko neuer Infektionen nach dem Ende der Sommerurlaubszeit wieder ansteigt. So gehen die WHO-Experten davon aus, dass sich die Pandemie weiter beschleunigen werde.

Glaubt man dem neuen Risikoreport der Ergo, hat sich die Pandemie tief in das Bewusstsein der deutschen Bundesbürger eingebrannt. Demnach ist die Furcht vor einer Erkrankung zwar auch 2020 die größte Zukunftsangst der Befragten. Allerdings hat sich diese Angst im Corona-Jahr im Vergleich zum Vorjahr noch einmal verstärkt (40 Prozent vs. 2019: 35 Prozent). Auch dass sich das erwartete Risiko, in den nächsten Jahren „Opfer einer Virusepidemie zu werden“, fast verdoppelte (30 Prozent vs. 2019: 16 Prozent) zeigt, wie stark Corona die öffentliche Wahrnehmung von zukünftigen Risiken verändert hat.

Sechs von zehn Deutschen sorgen sich vor einer weiteren Welle in 2021 (60 Prozent). Mit Blick auf die Corona-Pandemie ist für knapp jeden vierten Deutschen das Risiko der eigenen Erkrankung an Corona die größte Angst (23 Prozent). So verwundere es laut Ergo kaum, dass ein „medizinischer Fortschritt“ auch 2020 der größte Hoffnungsträger der Deutschen für die Zukunft bleibt (50 Prozent vs. 2019: 48 Prozent). Auch zeigt sich, dass in 2020 die medizinischen Kompetenzen geschult wurden: Der Großteil der Deutschen (89 Prozent) gibt die Bedeutung der Reproduktionszahl R richtig an. Hinsichtlich Abbildungszeitraum und möglichem Ansteckungsausmaß bestehen jedoch noch Wissenslücken (49 Prozent bzw. 42 Prozent).

„Die Corona-Pandemie ist ein starker Digitalisierungstreiber und wird zu nachhaltigen Veränderungen führen. Das gilt für die Akzeptanz der Nutzer, aber auch für die Umsetzungsgeschwindigkeit bei den deutschen Unternehmen. Diese gemeinsamen Fortschritte werden uns helfen, gestärkt aus der aktuellen Krise herauszugehen.“

Mark Klein, Chief Digital Officer der Ergo Group

Eine weitere Erkenntnis: Die Deutschen zeigen sich nun offener für digitale Neuerungen und Innovationen. Ein Ergebnis der Studie: Sechs von zehn Befragten würden sich am Telefon bei der Wahl zwischen einem Menschen und einem Sprachassistenten für den Sprachassistenten entscheiden. Zudem geben mehr als die Hälfte der Befragten (58 Prozent) an, einen Online-Abschluss von Versicherungen für wichtig zu erachten, für jeden Vierten (24 Prozent) ist dies sogar ein Muss.

Corona: Digitaler Brandbeschleuniger für Versicherer

So verwundert es auch nicht, dass Corona mittlerweile wie ein digitaler Brandbeschleuniger für die Versicherer wirkt. Seit Beginn der Coronapandemie haben Versicherungskunden digitale Kanäle intensiver genutzt als zuvor. Damit sind auch ihre Erwartungen an diese Informations-, Vertriebs- und Kommunikationswege gestiegen, heißt es im aktuellen World InsurTech Report 2020.

„Zur Konkurrenz jedes Versicherers zählen neben anderen Versicherungsunternehmen mittlerweile BigTechs und weitere neue Akteure mit einem hervorragenden Kundenerlebnis. Sie können aber auch gute Partner sein. Durch skalierbare Zusammenarbeitsmodelle mit InsurTechs etwa können Versicherer ihre Digitalisierung schneller und effizienter voranbringen, ihre Kundenbeziehungen vertiefen und im Wettbewerb mithalten.“

Gunnar Tacke, Managing Business Analyst bei Capgemini

So treffe die Pandemie die Teilsektoren des Versicherungsmarktes auf unterschiedliche Weise: Lebens- und Krankenversicherungen erlebten einen Anstieg der Schadenfälle, während Reise- und Kfz-Versicherungen einen Rückgang verzeichneten. Alle Sparten aber bemerkten Veränderungen des Kundenverhaltens. Obwohl mittlerweile über 90 Prozent der etablierten Versicherer weltweit – in Deutschland 100 Prozent – in der Lage sind, ihre Geschäftstätigkeit remote auszuüben, bemerkten sie Auswirkungen der Pandemie auf die Neukundengewinnung. Gegenüber 57 Prozent im April sagten im Juli 61 Prozent der Versicherer weltweit, dass sich Corona auf die Neukundengewinnung auswirkt. In Deutschland meinte dies im Juli jeder zweite Versicherer.

Zudem rechnet ein Großteil der europäischen Versicherer damit, dass die Corona-Pandemie das Kundenverhalten nachhaltig verändern wird. So werde vor allem die Nachfrage nach digitalen Produkten und Services werde steigen, heißt es in einer Analyse des Marktforschungsinstituts Information Services Group (ISG). So stimmen 95 Prozent der befragten Entscheider der Aussage voll oder teilweise zu, dass sich ihre Kunden verstärkt digitale Produkte und Services wünschen.

„Schon bisher galt: Kein Kunde liebt lange Wartezeiten, das Ausfüllen zahlreicher Formulare, lange und unübersichtliche Vertragsklauseln oder die Zuständigkeit vieler unterschiedlicher Abteilungen. Die zuletzt deutliche Digitalisierung des Alltags – sei es im Homeoffice oder beim Einkaufen – verändert die Erwartungen auch von Versicherungskunden deshalb deutlich und nachhaltig.“

Johanna von Geyr, Partner & EMEA Lead Insurance bei ISG

Pandemie verursacht Milliardenverluste

Kurzfristig scheint die Pandemie den Rückversicherern jedenfalls enorme Verluste zu bescheren. Demnach sorgen die momentanen Belastungen – insbesondere durch Betriebsunterbrechungen und den Ausfall von Großveranstaltungen – bei den 20 größten Unternehmen der Branche für einen Verlust von bis zu zehn Mrd. US-Dollar, konstatierte die Ratingagentur S&P im September.

So belaufen sich allein die Verluste bei Munich Re, nach Swiss Re der zweitgrößte Rückversicherer der Welt, die Verluste in den ersten beiden Quartalen auf 1,5 Mrd. Euro. Allerdings betonen die Analysten, dass die Kapitalisierung der Branche weiterhin robust sei. Die Unternehmen seien von Kapitalerhöhungen in diesem Jahr sowie der Erholung der Märkte seit März profitieren. „Wir glauben, dass zusätzliche direkte und indirekte Covid-19-bezogene Verluste in den nächsten Quartalen auftreten könnten“, heißt es bei S&P weiter.

Konzernchef Joachim Wenning zeigt sich bislang aber noch gelassen: „Die wirtschaftlichen Kosten der Lockdowns im Frühjahr hatten wir nicht auf dem Zettel – einfach, weil es solche Lockdowns bislang ja nie gab“, betonte er jüngst gegenüber dem Handelsblatt. Allerdings sei man von früheren „pandemischen Vorfällen“ wie der Spanischen Grippe noch „sehr, sehr weit entfernt“.

Ähnlich düster zeigt sich die Lage auch bei der Schweizer Konkurrenz: Mit einem Verlust von 1,135 Mrd. US-Dollar ist die Swiss Re im ersten Halbjahr 2020 tief in die roten Zahlen gerutscht. Trotz Corona zeigt sich die Swiss Re sich hinsichtlich der Aussichten der Rückversicherungsbranche in den nächsten Jahren recht optimistisch.

Die wesentlichen Gründe für diese Entwicklung sieht der Schweizer Rückversicherer vor allem in den niedrigen Zinsen, Großschäden und wachsenden Risiken. Diese Entwicklung dürfte nach Ansicht der Swiss im kommenden Jahr zu weiter steigenden Prämieneinnahmen führen. Abseits der Lebensrückversicherung werden die Prämien der Branche im kommenden Jahr um 3,3 Prozent steigen, lautet die Prognose des Rückversicherers.

Die Erstversicherer scheinen demgegenüber bislang noch recht glimpflich durch die Krise gekommen zu sein. So hat manch Konzern nach dem ersten Halbjahr 2020 gar mit positiven Zahlen überrascht. Viele Konzernchefs werden daher nicht müde, immer wieder gebetsmühlenartig das vermeintlich robuste Geschäftsmodell ihres Unternehmens zu betonen – allen voran Allianz-Chef Oliver Bäte oder Generali-CEO Philippe Donnet.

„Die erste Hälfte des Jahres 2020 war eine beispiellose Periode geprägt von unvorhersehbaren Ereignissen, die von einer globalen Pandemie und Rezession bis hin zu zivilen Unruhen und einer höheren Anzahl von Naturkatastrophen reichten.“

Mario Greco, Vorstandsvorsitzender der Zurich Insurance Group

„Das Umfeld ist anders als gewohnt, aber die Quartalszahlen der Gruppe sind solide – auch inklusive der Auswirkungen von Covid-19. Natürlich gibt es Geschäftseinbußen und Versicherungsschäden, doch sie halten sich in Grenzen. Und um die Auswirkungen der Coronakrise bereinigt, ist unser Geschäftsergebnis sehr gut und auf einem Niveau, wie wir es in einer normalen Situation erwartet hätten. Das macht uns zuversichtlich, dass wir auch in der zweiten Jahreshälfte 2020 solide Geschäftsergebnisse sehen werden“, konstatierte Allianz-Finanzvorstand Giulio Terzariol Anfang September.

Wird die BSV zum Super-Gau?

Offen bleibt jedoch die Frage, welche Spuren die juristischen Auseinandersetzungen um die Betriebsschließungsversicherung (BSV) in den Bilanzen hinterlassen wird. So brachte der ehemalige Finanzvorstand der Talanx, Immo Querner, die Haltung der Branche in seinem letzten Interview gegenüber VWheute auf den Punkt: „Auch Pandemiefolgen sind über die BSV versicherbar, nicht aber flächendeckende Betriebsschließungen auf der Grundlage von Allgemeinverfügungen. Hier versagt das Produktionsgesetz der Assekuranz, nämlich der statische Ausgleich im Kollektiv.“

Eine mögliche Lösung des Problems: Eine staatlich-private Versicherungslösung: „Kein rein privatwirtschaftliches Modell ist aus dem letztgenannten Grund in der Lage, solche Risiken einer Pandemie aufzufangen. Hier sind Modelle gefragt, in denen der private Versicherungssektor und staatliche Ausgleichsmechanismen zusammenarbeiten und dazu ggf. auch den Kapitalmarkt mit einbeziehen. Wir unterstützen daher die Initiative des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), der dazu eine Projektgruppe ins Leben gerufen hat“, so Querner.

„Betriebsschließungsversicherungen sind eben nicht für eine Pandemie konzipiert, sondern sie Regeln, wenn im Betrieb selbst versicherte Krankheiten wie Salmonellen oder Noroviren auftreten und der Betrieb deshalb vom Staat geschlossen wird. Betriebsschließungsversicherung deckt eben nicht ab, in aller Regel, wenn ein Betrieb aus ‚generalpräventiven‘ Gründen durch den Staat geschlossen wird.“

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV

Ähnlich brachte es auch Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Gaststättenverbandes Dehoga in Hessen, gegenüber den Deutschlandfunk auf den Punkt: „Das Gros der Versicherungswirtschaft hat sich von Anfang an auf den Standpunkt gestellt, dass der Pandemiefall als solcher nie in den Blick genommen wurde, als diese Versicherungspolicen abgeschlossen worden sind. Man ist immer davon ausgegangen: Wir haben eine Infektionskrankheit in einem Betrieb und die Gesundheitsbehörde schließt diesen einzelnen Betrieb per Individualverfügung. Das sei der Fall, der versichert ist, kein anderer. Und dann wurde auch manchmal argumentiert, dass Corona als solches zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch nicht bekannt war – und deswegen auch gar nicht versichert hätte sein können.“

Bei den Kunden hat diese Haltung erwartungsgemäß für Unmut gesorgt: „Selbstverständlich erwartet man als Kunde, dass ein aktueller Versicherungsschutz besteht, und dass dann, wenn neue Krankheiten und Erreger hinzukommen, die auch mit aufgenommen werden. Und dieses Vertrauen ist schlicht und einfach enttäuscht worden“, ergänzt Hans-Georg Jenssen, Präsident des Bundesverbandes deutscher Versicherungsmakler.

Marktbeobachter erklären diese Haltung laut Bericht vor allem darin, dass die eingetretenen Schäden während der Corona-Pandemie die eingezahlten Prämien um ein Vielfaches übersteigen: Konkret stehen 25 Mio. Euro an Prämien einer Schadenssumme in Höhe von zwei bis 2,5 Mrd. Euro gegenüber, heißt es beim Deutschlandfunk.

Einige Gerichte haben sich den Argumenten der Branche jedoch nicht angeschlossen: So musste der Bayerischen Versicherungsverband, Tochter der VKB,jüngst im BSV-Verfahren gegen den Wirt des Augustiner Kellers (Az. 12 O 5895/20) in erster Instanz eine bittere Schlappe hinnehmen. Die auf Versicherungsrecht spezialisierte 12. Zivilkammer des Landgerichts München I hat der Klage auf Zahlung einer Entschädigung von 1.014.000,00 Euro aufgrund der Corona-bedingten Betriebsschließung gegen seine Versicherung stattgegeben.

Wesentlich heftiger könnten jedoch die Folgen für die D&O-Versicherer ausfallen. Während die Haftungsrisiken für Manager nicht zuletzt durch die Covid-19-Krise immer größer werden, ziehen sich Versicherer zunehmend aus dem D&O-Markt zurück. So hat Aon in einer aktuellen Analyse einen Rückgang von rund 50 Prozent der Kapazitäten festgestellt. Der Aon D&O-Pricing-Index zeigt demnach, dass sich die Prämien mit einem durchschnittlichen Steigerungssatz von 102,7 Prozent im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt haben. Im zweiten Quartal lag dieser Steigerungssatz immer noch bei 74,4 Prozent.

Ganz zu schweigen übrigens davon, dass die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie nach Branchenbeobachtungen des GDV bereits zu mehr Betrugsversuchen führen könnte. „Aus elf Millionen Kurzarbeitern werden bald etliche Arbeitssuchende. Ich bin mir sicher, dass die Insolvenzquote steigen wird und damit mehr Gelegenheitsbetrüger ihre Versicherung als letzten Ankerpunkt sehen werden. Das sind Leute, die bisher unauffällig waren“, sagte Rüdiger Hackhausen, der beim GDV die Kommission „Kriminalitätsbekämpfung“ leitet.

„Aufgrund finanzieller Notlagen könnte es eine Zunahme von ‚Gelegenheitsbetrügern‘ geben“, ergänzt auch der Kölner Fachanwalt für Straf- und Arbeitsrecht, Abdou Gabbar, der sich auch mit Betrugsmotiven und Täterprofilen beschäftigt. So gebe es Hinweise darauf, dass betrugsverdächtige Schäden sowohl im privaten als auch im gewerblichen Bereich im Zusammenhang mit der Corona-Krise stünden.

Autor: VW-Redaktion

Ein Kommentar

  • Auch wenn die Erfinder es damals nicht ahnen konnten, wird jetzt klar, wie vorausschauend die Infektionsklausel in der Berufsunfähigkeitsversicherung der Stuttgarter Versicherung damals war.

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