Umbau in der Lebensversicherung: Allianz schließt Pensionskasse für Neukunden und schafft Garantien weitgehend ab

Allianz Treptowers, Quelle: Allianz

Die Allianz Deutschland ruft trotz unbestrittener Branchenmarktführerschaft umfassende Altersvorsorgeänderungen aus. Dazu gehören neue Produkte, eine andere Anlagestrategie, aber auch die Neukundenschließung der Pensionskasse, wie das Unternehmen mitteilt und Firmenvorständin Laura Gersch im Telefongespräch erläutert. Die Änderungen sind umfassend und sollen die Altersvorsorge für die nächsten drei Jahrzehnte prägen.

Die Pensionskassenschließung der Allianz (APK) für Neukunden ab dem Jahr 2022 war erwartbar, hatte die Allianz doch zuvor bereits die Presse-Pensionskasse für das Neugeschäft geschlossen. Die momentanen Kunden müssen nichts Schlimmes befürchten, wie Gersch betont: „Für bestehende Kunden ändert sich nichts, die Verträge werden weiter wie gewohnt bedient.“ Der Grund für die Schließung ist schlicht ein Rückgang in der Nachfrage. „Wir haben in den letzten Jahren einen deutlichen Rückschritt in den Neukundenzahlen gesehen. Konkret hat sich das Neugeschäft in den letzten drei Jahren halbiert“, erklärt Gersch. Die Gespräche mit den Kunden würden „mehr in Richtung Direktversicherung und Pensionsfonds“ gehen, denn dort sind „höhere Verzinsungen möglich“. In der Zukunft wolle die Allianz auf diese Lösungen setzten.

Ein nachvollziehbarer Schritt. Seit Jahren sind die Neugeschäftszahlen in der APK rückläufig. Seit 2017 ist das Neugeschäft von knapp 10.000 Versorgungen auf 5.500 Versorgungen im Jahr 2019 gesunken. Im Vergleich dazu sind die Neuabschlüsse in der Direktversicherung seit 2017 von über 210.000 auf aktuell über 300.000 gestiegen.

So long Garantie

Eine weitere Neuerung ist die Abkehr der Allianz von den Garantien, eine Tendenz, die auf dem gesamten Altersvorsorgemarkt zu beobachten ist.  Nicht zuletzt deswegen, weil diese unter Solvency II teuer abgesichert werden müssen. Die Allianz Leben fokussiert sich im Produktangebot der Altersvorsorge ab dem Jahr 2021 auf Lösungen mit „zeitgemäßen Garantien“, die je nach Kundenwunsch am Ende der Ansparphase auf einem Niveau von mindestens 90, 80 oder 60 Prozent der gezahlten Beiträge liegen. Der Gedanke hinter der Änderung ist nicht neu, was nicht bedeutet, dass er nicht wahr ist. „Im aktuellen Zinsumfeld brauchen wir mehr Freiheiten, die schaffen wir mit einer niedrigeren Garantie, um mehr Geld in die renditestarken Bereiche investieren zu können“, erklärt Gersch. Je niedriger die Garantie, desto höher die Renditechancen.

Ist das Garantieniveau von 100 Prozent gesetzlich verankert, beispielsweise Riester-Verträge oder Beitragszusage mit Mindestleistung in der betrieblichen Altersversorgung (bAV), wird weiter ein hundertprozentiges Garantieniveau angeboten. Doch abseits dieser Bereiche wolle die Allianz mit der neuen Vorsorge auch in der Nullzinsphase eine „sichere und lukrative“ Altersvorsorge bieten, die „die nächsten 30 Jahre Bestand hat“.

Wie zuletzt mehrfach geht die Allianz mit den Änderungen proaktiv vor, wenn auch der Auslöser altbekannt ist. „Der Trigger ist sicherlich die Nullzinsphase, die nicht durch Corona hervorgerufen, aber sicherlich verstärkt wurde. Wir wollen den Kunden einen Mehrwert bieten, deswegen sind die Änderungen nötig“, fasst die Vorständin den Gedanken hinter der Neuausrichtung zusammen.

Fokus auf Aktien und Infrastruktur

Heutzutage erwirtschaften Staatsanleihen kaum ihren eigenen Papierwert, weswegen die Allianz verstärkt auf andere Assetklassen setzt. So liegt zum Beispiel bei einem 30-jährigen Vertrag gegen laufenden Beitrag und einem Garantieniveau von 80 Prozent der Anteil chancenorientierter Anlagen bei circa zwei Drittel mit einem hohen Anteil von Aktien und Investments in Infrastruktur und erneuerbare Energien.

Diese Assetklassen sind derzeit heiß umkämpft, denn in der Coronakrise ist auch der einst verhältnismäßig sichere Büroimmobilienmarkt wackelig geworden. Droht also bei erneuerbaren Energien und Infrastrukturdeals ein Investorengedränge und dadurch sinkende Renditen; Gersch verneint. Der Markt  für alternative Anlagen und Infrastruktur sei „groß genug“, nicht viele Anbieter hätten „unseren globalen Anlageansatz“, erklärt sie. „Es mangelt uns nicht an Marktchancen.“

Weiterhin gilt allerdings, dass bestimmte Assets, beispielsweise Aktien, unter Solvency-Regel besser gesichert werden müssen. Andererseits ist natürlich auch die Höhe der Garantien eine relevante Größe. „Wir haben die Solvenz im Blick und  richten unsere strategische Asset-Allokation entsprechend aus. Wir werden unseren Weg in alternative Kapitalanlagen fortsetzen und für Solvency ist auch relevant, wie viele der Beiträge garantiert sind“, erklärt Gersch.

Allianz dreht den Kopf weiter Richtung bAV

Im gesamten Gespräch mit Frau Gersch wird deutlich, dass die Allianz den bAV-Bereich als zukunftsweisend betrachtet, aber auch Änderungen für nötig hält, beispielsweise eine Anpassung des Garantieniveaus. „In der Beitragszusage mit Mindestleistung  ist der Beitragserhalt gesetzlich vorgeschrieben. Um die nötigen Freiheiten für die Anlage zu schaffen, denn die Probleme sind dieselben wie bei der Lebensversicherung, bedarf es dieser Änderung“, führt sie aus. Die Allianz könne sich „beispielsweise ein Garantieniveau von 80 Prozent vorstellen“, so würden Rendite und Chance in einem „angemessenen Verhältnis“ stehen.

Mit GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen hat sie einen Fürsprecher für ihre Sichtweise: „In einer Welt ohne positiven Nominalzins muss die Altersvorsorge neu gedacht werden – das gilt auch für Riester und die betriebliche Altersversorgung. Um Chancen am Kapitalmarkt nutzen zu können, braucht es flexiblere gesetzliche Garantieanforderungen.“ Einfachere Förderregeln und weniger Bürokratie würden die Kosten weiter senken und so zu einer attraktiven Rendite beitragen. Die Vorschläge für einen Neustart von Riester liegen auf dem Tisch, die Politik sei am Zug, die angekündigte Reform der privaten Altersvorsorge „endlich anzugehen“, erklärt der GDV-Mann.

Auch Gersch und die Allianz wollen eine „zügige Änderung“, das wäre „gut für die Anleger“. Diese hätten die veränderten Zeiten akzeptiert. „Im Jahr 2020 habe der Anteil von Hybridkonzepten mit mehr Chancen bei den Kunden zugenommen. „Wir sehen mehr Verständnis dafür, dass das Nullzinsszenario eine Neutarierung von Chancen und Risiken bedarf“, sagt die Vorständin.

Firmenkunden und bAV-Breite

Frau Gersch ist bei der Allianz für die Firmenkunden zuständig, daher überrascht es nicht, dass sie den Bereich bAV als ein Hauptfeld ihrer Arbeit identifiziert hat. Sie möchte „die Breite der bAV weiter gestalten“, und zwar sowohl im Firmen- wie auch dem Privatkundenbereich. „Wir wollen dauerhaft eine sichere Vorsorge bieten, auch und gerade in der bAV“, erklärt sie.

Um das zu erreichen, setzt sie auf Digitalisierung. Die Allianz sei mit Firmen Online „gut unterwegs“ und plane „weitere Ausbaustufen“, um Arbeitnehmer wie Arbeitgeber die Abwicklung, Verwaltung und Gestaltung digital weiter zu vereinfachen. Zudem wolle sie in der Biometrie „weiter nach vorne kommen“, um den Weg in die Rente „noch planbarer zu machen“.

Die Allianz hat entscheidende Schritte in die Zukunft unternommen, nichts davon, Neukundenschließung der Pensionskasse, Abkehr von Garantien, Fokus auf Alternative Investments, dürfte wirklich überraschen. Die Vehemenz der Änderung ist ebenfalls typisch für die Allianz (Deutschland) in den letzten Jahren. Ebenso wie CEO Oliver Bäte im Großen glaubt auch Deutschlandchef Klaus-Peter Röhler an die Macht der zeitigen und durchgreifenden Änderung.

Es ist zu erwarten, dass die Änderungen des Branchenprimus Allianz eine Sogwirkung auf andere Versicherer haben werden. Ob diese auch die nötigen Instrumente wie Zugang zu passenden Assets aufweisen, wird sich zeigen. Mancher Experte zweifelt daran. An der künftigen Ausrichtung der Allianz lässt Andreas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der Allianz Leben, keinen Zweifel: „Unser Ziel ist es, in einer anhaltenden Nullzins-Phase weiterhin eine attraktive und sichere Altersvorsorge zu bieten und diese langfristig zukunftsfähig zu gestalten. Wir haben in der Vergangenheit schon viele Veränderungen angestoßen und unser Produktangebot angepasst. Mit den jetzt beschlossenen Neuerungen gehen wir den nächsten Schritt.“

Autor: Maximilian Volz

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