Tefaf eröffnet trotz Corona: Generali und das Kunstgeschäft

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Die Tefaf in Maastricht in dieser Woche gilt als weltweit bedeutendste Messe für alte Kunst. Neben dem Coronavirus wird unter den Risikomanagern vor allem der Einstieg von Generali in das Kunstgeschäft diskutiert. Was bedeutet das für die Konkurrenten Axa, Allianz und Hiscox? Ein Überblick über die Marktaufteilung, die Prämien und die Grenzen der Versicherbarkeit.

Die Kunstmesse Tefaf in Maastricht findet trotz der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus vom 7. bis 15. März statt. Die niederländischen Behörden seien zu dem Schluss gekommen, dass die Messe sicher vonstattengehen könne, sagte Tefaf-Chef Nanne Dekking. Die Situation werde täglich neu beurteilt. Auch die auf der Messe vertretenen Händler aus 22 Ländern hätten keine Absage gewollt. Er rechne allerdings mit weniger Besuchern. Hier gelte jedoch: „Quantität ist nicht das Wichtigste für uns. Sondern das sind natürlich die Leute, die auch wirklich kaufen.“

Auch die Versicherer sind froh, dass die Messe wie geplant stattfindet. Derzeit beginnt eine Phase einer massiven Verhärtung des Transportversicherungsmarktes, dessen Appendix nach wie vor die Kunstversicherung ist. Die überfällige Sanierung sollte eigentlich 2020 über die Bühne gehen. Das Coronavirus könnte jedoch alles durcheinanderwirbeln.

Der neue Player und der Ursprung der Kunstversicherung

Gerade in diese Zeit fällt der Einstieg Generalis in das Kunstgeschäft. Standort der neuen Sparte „Arte Generali“ ist München. Sammler können sich jedoch nur dann versichern, wenn ihre Sammlung mehr als 500.000 Euro wert ist. Mit der neuen Sparte strebt Generali bis zum Jahr 2023 europaweit jährliche Prämieneinnahmen von 100 Mio. Euro an. „Damit“, so Arte-Generali-CEO Jean Gazançon, „könnten wir die Nummer eins in Europa werden.“

Eric Wolzenburg, Leiter Kunstversicherung bei der Allianz Deutschland AG, kommentierte den Markteintritt des Konkurrenten: „Die starke Wertentwicklung im Kunstmarkt der vergangenen zehn Jahre – ausgelöst durch Passion Investments als alternative Assetklasse für vermögende Kunden, durch „Demand Pull“ aus China und wiederkehrend bestätigt durch Peak-Values wie z.B. Salvator Mundi – bietet natürlich Chancen und überrascht nicht, wenn weitere Anbieter mit entsprechenden Ambitionen in diese Nische eintreten.“ Robert Read, Leiter Kunstversicherung bei Hiscox, vermutet Generali werde sich als „Axa light“ im Markt zu etablieren versuchen. Dies benötige jedoch einen sehr langen Atem.

Bei manchen Sammlern könnte der jüdische Hintergrund der 1837 gegründeten Generali einen gewissen Wettbewerbsvorteil darstellen. Kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs hatten osteuropäische Operationen der Generali in großem Umfang kapitalbildende Lebenspolicen an sich bereits bedroht fühlende osteuropäische Juden vertrieben. Das dem Namen „Arte“ angefügte „e“ soll wohl auf die Italianità des neuen Anbieters hinweisen und erinnert an die Comedi dell’Arte, eine aus römischer Tradition abgeleitete burleske Variante des Theaters des 16. bis 18. Jahrhunderts.

Laut Robert Read von Hiscox gab es bereits in den 1950er Jahren die ersten speziellen Kunstpolicen im Londoner Markt. Allerdings bedurfte es damals noch einer Zweiteilung in eine Transport- und eine separate stationäre Police. Diesen Formalismus überwand Robert Hiscox, selber Kunstsammler, bereits Mitte der 70er. Die Ursprünge der kontinentalen Kunstversicherung reichen in das Paris der frühen 1980er Jahre zurück.

Die einstige Nordstern hatte im Rahmen ihrer Pariser Niederlassung die Initiative ergriffen, aus der Transportwaren-Versicherung eine eigenständige Sparte mit eigenen Regeln zu auf diskreten Service bedachter Kundschaftabzuspalten. Nordstern wiederum wurde zusammen mit der Colonia 1995 durch Axa übernommen. Hierdurch gelangte die in Axa Art umgetaufte Pionierssparte zu Axa, die wiederum 2019 XL übernahm. Die XL Group, in die kurz vorher Catlin aufgegangen war, verfügt selbst über eine Kunstversicherungsabteilung, die XL mit der eigenen Operation integrieren wird. Aus drei Konkurrenten wird nun eine einzige Organisation.

Generali holt Axa-Personal an Bord

Die Berufungen von bekannten Namen aus der Kunstversicherung legen den Schluss nahe, dass Generali’s Marktauftritt dem des Marktführers Axa-XL ähneln könnte: Der neue CEO Jean Gazançon ist Absolvent der Sciences Po in Paris und hatte im Rahmen einer vielseitigen Karriere im Hause Axa (Stationen UK, Tokyo, Südeuropa) zwischen 2013 und 2015 als Chief Operating Officer/Vorstandsmitglied bei Axa Art fungiert. Der neue Head of Underwriting, Hans- Jürgen Kronauer, war bereits Chief Underwriter bei Axa Art. Die deutsche Kunsthistorikerin Iris Handke war Managing Director Canada bei Axa Art und ist seit Januar Head of Arte Generali Germany.

Am Markt ist die Rede, dass durch die Fusion mit XL die Axa Art schwächelt. Auch Liberty soll bereits erfolgreich Mitarbeiter von den Franzosen abgeworben haben. Aber vermutlich wird sich Generali auch noch anderweitig umschauen wollen. Der Aufbau des seitens der verwöhnten Privatkunden erwarteten Concierge-Service als wettbewerbsdifferenzierendes Merkmal dürfte einige Jahre und Investitionen im zweistelligen Millionenbereich erfordern. Zur Differenzierung bräuchte es auch eines eigenen Vertriebsnetzes wie Axa und Allianz es unterhalten.

Das Tagesgeschäft in einem Drei-Milliarden-Markt

Die kontinentalen Marktführer im Spezialsegment Kunst zeichnen sich dadurch aus, dass sie an den wichtigsten Standorten spezialisierte Mitarbeiter unterhalten und sich ihrer Zielgruppe als Sponsoren anlässlich von Kunstmessen, Sonderausstellungen in Museen und Restaurierungsprojekten präsentieren und damit hohe Fixkosten (etwa 30% einer 50 Mio. Euro betragenden Jahresprämie) bedienen. Dies ermöglichte bereits dem Versicherer Nordstern einen „dialogue artistique“, bei dem sich um den Kunden kunstverständige Mitarbeiter kümmern. Zu dieser Gruppe zählt Axa Art, auch Generali möchte anscheinend in gleicher Weise im Markt agieren.

Bei Realisierung der angestrebten Schadenquote von bloßen 30 Prozent wird man sich dies leisten können. Im Gegenzug hierzu kommt die aus einem Lloyd’s-Syndikat hervorgegangene Hiscox, welche in der EU mittlerweile über eine in Luxembourg ansässige Versicherungsgesellschaft agiert, ohne einen derartigen Fixkostenblock aus.

Die qualifizierten Marktführer übernehmen Privatpolicen bis zu zehn Mio. Euro an Versicherungssumme zu 100 Prozent – ohne hiervon einen Teil auf Basis proportionaler Rückversicherung abgeben zu müssen. Erforderlich ist lediglich eine gegen Kumulrisiken helfende Schadenexzedentendeckung. Daneben existiert noch ein Kreis von Transportversicherern, die ohne in die für Kunstversicherungen erforderliche Infrastruktur zu investieren, auf eher opportunistischerund Mit- bzw. Rückversicherungsbasis Anteile an größeren Policen übernehmen.

Das Volumen der weltweiten Kunstversicherung im engeren Sinne beträgt 1,7 Mrd. Dollar, so die Schätzung von Stefan Zilkens, selbstständiger Kunstversicherungsmakler (1983 bis 1990 stellvertretender Leiter Kunst bei Nordstern, später Leiter Transport Gothaer). Allerdings fällt es schwer den relevanten Markt (ein Gemisch aus den Sparten Transport, Hausrat und Sach) zu definieren. Des Weiteren erfolgt bei den einzelnen Marktteilnehmern die Aggregierung der Zahlen in nicht immer zuverlässiger Weise über eine Vielzahl nationaler Risikoträger und Profitcenter. Betrachtet man das Zielsegment Privatsammler einschließlich deren weit gefasste Lifestyle-Assets so geht es vielleicht um drei Mrd. Euro an jährlicher Marktprämie. Hinzu kommen noch 0,5 Mrd. Euro für Ausstellungen und anderes Großgeschäft.

Die führenden Versicherer und ihre Zielgruppe

Die europäischen Märkte spielen mittlerweile eine untergeordnete Rolle, der geografische Akzent hat sich auf die USA und China verlagert. Den deutschen Markt sieht Zilkens bei ca. 150 Mio. Euro im Segment Privatsammler und weitere 15 Mio. Euro im Bereich Ausstellungen. Würden staatliche deutsche Kunstsammlungen versichert, so ergäbe sich hieraus laut Zilkens beim gegenwärtigen, weit unzureichenden Ratenniveau eine zusätzliche Marktprämie von zehn Mio. Euro.

Fast im Stil eines Oligopols agieren die derzeitigen Marktführer Allianz und Axa-XL. Daneben finden sich noch Liberty, Ergo und die Mannheimer sowie Gothaer und einzelne allerdings nicht koordiniert im Markt auftretende im Dunstkreis von Lloyd’s agierende Einheiten, wo Hiscox der Marktführer ist. Hiscox liegt bei 300 Mio. Pfund an Bruttoprämie, 25 Prozent davon noch in Lloyd’s gezeichnet. Berkley gehört nach Weggang des Underwriters mittlerweile nicht mehr zu den Kunstversicherern. Fasst man den Begriff der Kunstversicherung weiter und schließt hochwertige Privathäuser, Yachten und Flugzeuge ein, so liegt der Akzent auf dem US-Markt, wo die Marktführer Chubb’s und AIG sind.

Nach Zielgruppen gilt es zwei Bereiche zu unterscheiden: Privatkunden versichern bisweilen nicht nur ihre Kunst im engeren Sinne (Gemälde, Grafik, Plastiken, Videokunst), sondern auch noch „lifestyle assets“, zu denen im oberen Segment angesiedelter Grundbesitz ebenso gehört wie Yachten, Privatflugzeuge, hochwertige Auto- und Weinsammlungen. Die Versicherungssummen beginnen bei 500.000 Euro. Das Mittelsegment derartiger Policen bis zu Versicherungssummen von zehn Mio. Euro.

Institutionelle und gewerbliche Kunden: In erster Linie betrifft dies in öffentlichem oder privatem Eigentum stehende Museen, Kunstgalerien, Auktionshäuser, des Weiteren auch noch spezielle Kunst-Transporteure wie etwa Hasenkamp, Kunstlager sowie was deren Berufshaftpflicht angeht: Gutachter und Restaurateure.

Beziehungen zur ersten Kundenkategorie tendieren dazu, langfristiger und weniger preissensibel zu sein. Entsprechend geringer fällt auch die Schadenquote aus. Hingegen sind in die zweite Kategorie fallende Policen das Ergebnis regelmäßiger Einholung von Konkurrenzangeboten, insbesondere auch was Deckungen für staatliche Museen angeht. Hier sind häufig öffentliche Ausschreibungen vorgesehen. Das Ratenniveau ist dementsprechend ruinös.

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der März-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Autor: Philipp Thomas

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