So bekommen Mittelständler gute Deckungszusagen trotz knapper Versicherungskapazitäten

Maximilian Trowe, Vorstand von MRH Trowe. (Bildquelle: MRH Trowe)

Die Neuverhandlung beziehungsweise Verlängerung von Industrie- und Gewerbeversicherungsverträgen im Rahmen des Renewals für das Jahr 2024 ist in vollem Gange. Wie immer gibt es Risiken, die sich leicht eindecken oder verlängern lassen – doch in manch sensiblen Bereichen hakt es gewaltig. Fünf Maßnahmen, wie mittelständische Unternehmen für Entlastung sorgen. Ein Gastbeitrag von Max Trowe.

Leider gibt es einige Faktoren, die es speziell mittelständischen Unternehmen schwer machen können, den nötigen Versicherungsschutz zu finden:

  • Risiken in den Financial Lines, insbesondere im Bereich Cyber
  • Bestimmte Branchen, insbesondere Holz- und Kunststoffverarbeitende Industrie sowie Fleischproduktion
  • Komplexe Risiken, die eine ganzheitliche Beratung im Risikomanagement erfordern

Gleichwohl gilt: Mit Teamwork, etwas Selbstreflexion und gezielten internen Maßnahmen können Unternehmen gemeinsam mit ihren Maklern ihre Verhandlungsposition verbessern.

Fünf entscheidende Vorgehensweisen stelle ich nachfolgend vor:

1.      Maßnahmen in der IT-Sicherheit treffen, um die Deckung von Cyber-Risiken zu erleichtern

Im Bereich der Cyberdeckungen stößt eine wachsende Sensibilität für das Thema und damit steigende Nachfrage auf einen nach Jahren mit hohen Schadenquoten recht harten Markt. Die Anforderungen der Versicherer an nachgewiesene IT-Sicherheitsmaßnahmen sind deutlich gestiegen. Damit sind die Unternehmen gefordert, hinsichtlich der Risikoanalyse, den Sicherheitskonzepten und auch der Dokumentation nachzulegen.

Je nach Geschäftsfeld sind Unternehmen dabei verschiedenen Arten von Cyberrisiken ausgesetzt. Während produzierende Unternehmen ein exponiertes Risiko in Bezug auf Betriebsunterbrechung haben, haben beispielsweise Immobilienverwalter tendenziell ein größeres Datenschutz-Risiko. Die Wahl der Versicherungssumme muss sich also an den zu ermittelnden Ausfallszenarien orientieren.

2.      Risikoeinschätzung durch Profis und Prävention gegen Ertragsausfallrisiken

Weiterhin kritisch sind Branchen mit hohen Sachschaden-Risiken, nicht zuletzt mit Blick auf (klimabedingte) Katastrophenschäden.

Darunter fallen insbesondere großschadengeneigte Betriebsarten wie zum Beispiel Sägewerke und Spanplattenherstellung, petrochemische Betriebe, Hersteller von Produkten aus geschäumten Kunststoffen, Schlacht- und Fleischverarbeitungsbetriebe, Recyclingunternehmen, Gießereien oder auch Galvanisierungsbetriebe. Dabei spielen Naturgefahren eine immer größere Rolle. In Deutschland sind das insbesondere Überschwemmung, Sturm und Hagel.

Blickt man auf mögliche Schadentreiber, so ergibt sich ein immer komplexeres Zusammenspiel aus unterschiedlichen Faktoren: Die starke Auslastung und Beanspruchung von Maschinenparks sowie die in den vergangenen Jahren deutlich gestiegene Wertkonzentration spiegeln sich in den Schadenstatistiken wider. Ein großer Schadentreiber sind auch Ertragsausfälle aufgrund gestörter Lieferketten, Ressourcenmangel oder fehlender Handwerker- und Dienstleistungskapazitäten. Diese machen bei Großschäden häufig zwei Drittel des Gesamtschadens aus.

Der Markt hat erkannt, dass man den volatilen Sach- und Ertragsausfallrisiken nicht allein mit angepassten Risikoprämien begegnen kann; vielmehr spielt das Risk Management beim Kunden eine entscheidende Rolle bei der Vermeidung oder Begrenzung von möglichen Großschäden.

Schadenprävention liegt dabei auch im Interesse des Kunden selbst, um sich beispielsweise vor den wirtschaftlichen Folgen einer kritischen Betriebsunterbrechung zu schützen. Die Begleitung der Unternehmen und das Schärfen des Blicks auf das konkrete Risiko ist aber nicht allein Aufgabe der Versicherer, sondern vielmehr auch ein wichtiger Bestandteil der Maklerdienstleistung. Nur wer das Risiko versteht, kann den Kunden bei der Bewältigung und Absicherung wirklich unterstützen.

3.      Für komplexe Risikokonstellationen Experten-Teams einsetzen

Komplexe Risiken haben schon immer eine ganzheitliche Lösung erfordert. Wachsende regulatorische Anforderungen und vernetzte Produktionssysteme erhöhen die Komplexität noch. Deshalb ist die Zusammenarbeit verschiedener Experten erforderlich, um eine in sich stimmige Lösung ohne Deckungslücken zu wirtschaftlichen Konditionen zu finden.

Ein Beispiel aus der Cybersparte sind Energieversorger, die sich aufgrund ihrer Systemrelevanz einer besonders hohen Exponierung ausgesetzt sehen. Die Markttendenz, Deckungssummen zu reduzieren und Beiträge zu erhöhen, zwingt die Energieversorger zu einer deutlichen Verbesserung ihres IT-Reifegrades, um weiterhin wirtschaftlich sinnstiftende Versicherungsdeckungen zu erhalten.

4.      Trendfaktor Nachhaltigkeit als Verhandlungs-Asset nutzen

Neben den „schwierigen Fällen“ gibt es aber auch Faktoren, die eine Versicherbarkeit deutlich fördern können. So ist deutlich zu bemerken, dass Versicherer Unternehmen, die „ESG-positiv“ sind, sehr gern in ihre Portfolios aufnehmen. Darin spiegelt sich die Notwendigkeit, die eigenen ESG-Strategien auch auf Seiten der Wertschöpfungskette umzusetzen und für eine positive Performance der entsprechenden KPI sorgen.

Ein Beispiel dafür sind Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien. Aber auch Anstrengungen von Unternehmen, ihre Produktionen nachhaltiger zu gestalten oder soziale Werte im Rahmen der Unternehmenskultur und -philosophie zu fördern, gewinnen mehr und mehr an Bedeutung.

5.      Innovative Lösungen von erfahrenen Maklern nutzen

Im Sachversicherungsbereich zeigt sich insbesondere bei schweren Risiken ein steigender Anteil an offener Nachfrage ohne passende Deckungsangebote. Neben der Größe des Risikos und der Betriebsart, unter anderem Sägewerke mit geringem Schutzniveau, können auch Branchen mit eigentlich gut geschützten Risiken in Deckungsnot geraten, weil die Risikoselektion bestimmte Betriebsarten ausschließt. Dann sind Versicherungsmakler mit spezieller Branchenexpertise gefordert, innovative Lösungen zu finden, beispielsweise ein Splitting der benötigten Kapazitäten auf einen Grundvertrag und darüber liegende zusätzliche Deckungen. Solche, bei großen internationalen Kunden übliche Lösungen, finden sich inzwischen auch schon bei kleineren Mittelständlern.

Captives oder andere Kapitalmarktdeckungen hingegen werden im Mittelstand – anders als in der Großindustrie – noch nicht als echte Alternative wahrgenommen. Auch wenn sogenannte „virtual captives“ den Einstieg auch für kleinere Unternehmen erleichtern sollen, ist dafür viel Know-how und ein hoher Reifegrad im Risk Management innerhalb der Unternehmen erforderlich.

Verhandlungen kommen voran

Insgesamt läuft das Renewal in Cyber besser als im Vorjahr, weil die meisten harten Sanierungen bereits im vergangenen Renewal erledigt wurden. Zudem kommen in der Cyberversicherung neue Anbieter auf den Markt.

In der Sachversicherung als weiterem harten Markt lässt sich in den Zielbranchen der Versicherer ein Trend zu Abflachung von Mehrprämienforderungen erkennen. Die marktweite Kapazitätsreduzierung und die Reduzierung von Zeichnungsquoten setzen sich hingegen unverändert fort. Positiv ist anzumerken, dass die Risikoträger in diesem Renewal erstmals wieder mehr Angebote für Mehrjahresverträge angeboten haben.

Fazit: Existenzbedrohende Engpässe vermeiden

Letztlich ist es Aufgabe der Versicherungsbranche in Zusammenarbeit mit den Kunden und den Maklern und Beratern Lösungen für alle Risiken zu finden. Das erfordert konstruktiven Dialog und manchmal auch den Mut zu neuen Lösungen, wenn Kapazitäten knapp sind. Ohne Versicherungsschutz dazustehen, kann für Mittelständler existenzbedrohend sein.

Autor: Max Trowe, Vorstand MRH Trowe

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