Gesundheit digital: Neue Wege in der Datensouveränität

Andreas Kolb, Vorstandsmitglied der Versicherungskammer Bayern. Quelle: Unternehmen.

Unbestritten gehört das Gesundheitssystem in Deutschland zu den besten weltweit – doch ist es auch effizient und zukunftssicher? Ein Gastbeitrag von Andreas Kolb, Vorstandsmitglied der Versicherungskammer Bayern.

Bei einem internationalen Vergleich fiel zuletzt die schleppende Digitalisierung im Gesundheitswesen negativ auf. Dies war darauf zurückzuführen, dass der Staat sich lange mit entsprechenden Regelungen zurückgehalten hatte: Eine bessere Effizienz in Versorgung und Verwaltung wurden so ebenso erschwert wie die Nutzung medizinischer Daten für Forschung und Entwicklung.

Deutschland in Gesetzgebung, Österreich in Praxis

Zum Glück änderte sich dieses „juristische Niemandsland“ umfassend seit 2019: Seitdem traten in kurzer Folge wichtige Gesetze dazu in Kraft (TSVG, DVG, PDSG und KHZG) und beschleunigten endlich die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen. Zudem sind alle Krankenkassen seit diesem Jahr verpflichtet, ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte (ePa) zur freiwilligen Nutzung anzubieten. Parallel wird mit der E-Health-Initiative die Telematikinfrastruktur weiter ausgebaut: Ab 2023 können Patient*innen dann entscheiden, ob und welche Daten sie der medizinischen Forschung (verschlüsselt) zur Verfügung stellen wollen.

Eine sichere, aber gleichzeitig für Praxen und Kliniken einfach zugängliche Plattform zum Austausch von Bilddaten oder medizinischen Daten im Allgemeinen, ist hierzulande in der Fläche allerdings leider noch ein Traum. In Österreich ist sie hingegen bereits Realität. Die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) ermöglicht als systemübergreifendes Informationssystem eine elektronische Vernetzung der verteilten ELGA-Gesundheitsdaten. Damit haben alle ELGA-Teilnehmenden (dank Einführung im Opt-out-Verfahren fast alle Österreicher*innen sowie berechtigte ELGA-Gesundheitsdiensteanbieter) orts- und zeitunabhängig einen Zugang zu ELGA-Gesundheitsdaten.

Vernetzte Daten für bestmögliche medizinische Versorgung

In der Pandemie hat sich ein großer Digitalisierungsschub entwickelt, der den digitalen Wandel auch in Medizin und Gesundheit einfordert: Zur Vermeidung von Fremdkontakten wurden etwa Online-Sprechstunden populär. Auch unsere elektronische Patientenakte „Meine Gesundheit“, die wir unseren Kund*innen bereits seit 2019 zu Nutzung anbieten, profitiert vom aktuellen Digitaltrend. Seit gut einem Jahr haben sich hier die Nutzerzahlen auf aktuell über 200.000 aktive Nutzer*innen verdreifacht. Dort bringen wir Kund*innen, Ärzt*innen und Versicherungsunternehmen unter Wahrung höchster Sicherheitsstandards zusammen. Gleichzeitig bieten wir dort viele nützliche Anwendungen und Services – von der einfachen Rechnungseinreichung via App bis zur digitalen Fitness- oder Tinnitus-App oder einem digitalen Stressmanagement.

Letztere Beispiele zeigen übrigens gut, dass konkrete Nutzanreize durchaus dazu beitragen, dass die Kund*innen uns ihre Daten anvertrauen. Der größte Nutzen für sie ist aber, dass die Gesamtheit aller Gesundheitsdaten der Patient*innen dem Arzt ein „full picture“ für die bestmögliche Versorgung ermöglicht. Neben der elektronischen Patientenakte könnten perspektivisch auch Künstliche Intelligenz (KI) und vernetzte Daten die Qualität und Effizienz in der medizinischen Versorgung verbessern. Beispiele dafür sind etwa der Datenabgleich mit Tausenden ähnlichen Diagnosen in der Radiologie oder Onkologie. Wenn hier auch die Patient*innen bei sehr hohen Datenschutzstandards ihre eigenen Gesundheitsdaten der Wissenschaft zur Verfügung stellen, würden so zudem zahlreiche medizinische Innovationen entstehen, von denen am Ende alle profitieren.

Richtige Anreize für die digitale Vernetzung

Künftig muss daher auch hierzulande die intersektorale Vernetzung mit dem ambulanten Bereich und der Digitalinfrastruktur im Gesundheitssystem stärker in den Fokus rücken. Ärztinnen und Pfleger sollten zur Generierung digitaler Daten beitragen und diese auch selbst nutzen können, um die Versorgungsqualität weiter zu verbessern. Gerade Telemedizin und Versorgungsforschung können davon profitieren. Ein system- und sektorenübergreifender Datenaustausch ist keine leichte Aufgabe, denn einer weitreichenden digitalen Integration stehen oft komplexe und fragmentierte Strukturen in der Verwaltung sowie fehlende Anreize oder Beteiligungsmodelle für die Leistungserbringenden entgegen. Eine adäquate Vergütung von Kassen- und Privatärzten für Präventions- und Steuerungsleistungen im ambulanten Sektor, können hier durchaus entsprechende Anreize setzen und die Versorgungsqualität verbessern.

Fazit: Nachdem die Gesetzgebung wichtige Voraussetzungen für vernetzte Daten und ein digitales Gesundheitssystem geschaffen hat, gilt es nun, die dafür notwendigen infrastrukturellen und rechtlichen Voraussetzungen voranzutreiben. Dafür muss allen Beteiligten (Ärzt*innen, Pflegekräften, Kliniken, Patient*innen und Verwaltung) der jeweilige Nutzen für sie aufgezeigt werden, wenn sie möglichst digital „unterwegs sind“ und dabei auch Daten für das Gesundheitssystem generieren bzw. zur Verfügung stellen. Der Nutzen kann etwa in höherer Effizienz und besserer Vergütung liegen bzw. für die Patienten in einer schnelleren und möglichst individuellen Versorgung, die eine höhere medizinische Qualität verspricht als bisher. Neben Anreizen ist dabei aber auch eine transparente Kommunikation und Aufklärung notwendig.

Der Autor Andreas Kolb ist Mitglied des Vorstands im Konzern Versicherungskammer und Vorstandsvorsitzender der Union Krankenversicherung (UKV) und Bayerischen Beamtenkrankenkasse (BK). Als Kranken- und Pflegepartner der Sparkassen-Finanzgruppe sind diese mit mehr als drei Millionen versicherten Personen die drittgrößte private Krankenversicherungsgruppe in Deutschland.

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