Versicherer einigen sich nach zähen Verhandlungen mit Verdi auf Gehaltserhöhungen
Die Arbeitgeberseite (l.) verhandelte unter der Leitung von BarmeniaGothaer-Co-Chef Andreas Eurich mit Gewerkschaftsvertretern über die Ausgestaltung der künftigen Branchengehälter. Die Aufnahme stammt von der ersten Verhandlungsrunde am 21. März in München. Bildquelle: AGV
Es gibt einen neuen Tarifvertrag für die Beschäftigten im Versicherungsinnendienst. Am Freitag einigten sich der Arbeitgeberverband AGV mit den Gewerkschaften Verdi und DBV nach einem siebenstündigen Verhandlungsmarathon. Im Wesentlichen werden die Gehälter ab 1. August 2025 um fünf Prozent angehoben, gefolgt von weiteren 3,3 Prozent ab 1. September 2026. Sebastian Hopfner vom AGV sprach gegenüber VWheute von einem „gerade noch vertretbaren“ Abschluss, Verdi-Verhandlungsführerin Martina Grundler von einem „sehr achtbaren Ergebnis“. Ute Beese vom DBV äußerte sich zurückhaltender. Die Verdi-Mitglieder müssen der Einigung noch zustimmen.
Es sah schon so aus, als würden die Ende März begonnenen Verhandlungen vollends zur Hängepartie werden – beide Seiten hatten sich festgefahren, die dritte Runde der Tarifauseinandersetzung im Juni verlief ergebnislos. Doch nun ist es „geschafft“, wie DBV-Verhandlungsführerin Ute Beese ihren „lieben Kolleginnen und Kollegen“ am späten Freitagabend mitteilte.
Nach monatelangem Ringen haben sich der Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen in Deutschland (AGV) unter Leitung von Andreas Eurich, Co-Chef von BarmeniaGothaer, mit den Gewerkschaften Verdi und Deutscher Bankangestelltenverband (DBV) auf einen neuen Tarifvertrag für die 183.000 Beschäftigten verständigt. Der Kompromiss steht zwar noch unter dem Vorbehalt eines Mitgliedervotums bei Verdi, wird von allen Seiten jedoch als tragfähig bewertet. Zumal man bei Verdi „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einer Annahme ausgehen könne“, wie VWheute aus Verhandlungskreisen erfuhr.
Die Laufzeit des Tarifvertrags beträgt 26 Monate, beginnend ab dem 1. April 2025. Am 31. Mai 2027 läuft der Tarifvertrag aus. Im Zentrum des Tarifpakets stehen zwei lineare Gehaltserhöhungen: Ab dem 1. August 2025 steigen die Gehälter um 5,0 Prozent, mindestens jedoch um 200 Euro. Zum 1. September 2026 folgt eine weitere Erhöhung um 3,3 Prozent. Besonders profitieren die unteren Einkommensgruppen: Die Gehaltsgruppe A sowie die ersten Berufsjahresstufen der Gruppe B erhalten überproportionale Steigerungen – bis zu 11,6 Prozent mehr Lohn im Fall der Gruppe A.
Neben den Gehaltserhöhungen enthält der Tarifabschluss eine ganze Reihe weiterer Regelungen: Auszubildende erhalten ab August 2025 monatlich 150 Euro mehr, ab September 2026 weitere 100 Euro.
Der Fahrtkostenzuschuss für Angestellte wird von 20 auf 25 Euro erhöht, für Auszubildende von 25 auf 30 Euro. Letztere erhalten einen zusätzlichen Freistellungstag zur Prüfungsvorbereitung. Darüber hinaus wird der Tarifvertrag zur Altersteilzeit ebenso verlängert wie die Vereinbarungen zur Höchstüberlassungsdauer bei Leiharbeit sowie der Übernahmeanspruch für Auszubildende mit guten Leistungen. Außerdem wurde beschlossen, den Tarifvertrag zur Qualifikation (TVQ) zu entfristen. Die Möglichkeit zur Umwandlung der Mai-Sonderzahlung in Freizeit bleibt überdies bis Ende 2027 bestehen.
AGV-Vize Hopfner: Abschluss „gerade noch vertretbar“
„Mit dem Abschluss geht eine der härtesten Tarifauseinandersetzungen in der Branche zu Ende“, kommentierte Sebastian Hopfner, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des AGV, die Einigung auf Anfrage von VWheute. „Alle Beteiligten wussten, dass die Rahmenbedingungen für die diesjährige Runde besonders schwierig sein werden“, so Hopfner. Der AGV-Vertreter verwies dabei auf die „extrem hohe Inflation in den Jahren 2022 und 2023“, die wiederum der „schwierigen gesamtwirtschaftlichen Lage und dem hohen Kostendruck auch und gerade für Versicherungsunternehmen“ gegenübergestanden habe.
Dennoch sei es gelungen, einen Kompromiss zu finden, „weil der AGV, aber auch unsere Sozialpartner von den Gewerkschaften ihre Aufgabe im Interesse der Beschäftigten in der Branche ernst nehmen und erfüllen wollten“, so Hopfner weiter. Zugleich betonte der Verbandsvize gegenüber dieser Redaktion, dass das Verhandlungsergebnis für viele Unternehmen durchaus schmerzhaft sein dürfte: „Der Abschluss ist aus Sicht des AGV-Vorstandes gerade noch vertretbar.“
Das hohe Engagement der Angestellten „im Interesse der Branche und damit der Versicherten“ sei für den AGV das Hauptargument gewesen, „an die Grenzen des wirtschaftlich Vertretbaren zu gehen“, gab sich Hopfner versöhnlich.
Genugtuung bei Martina Grundler von Verdi: „Dieses kraftvolle Signal haben am Ende auch die Arbeitgeber verstanden“
„Das ist ein sehr achtbares Ergebnis, das die Beschäftigten mit ihrer Entschlossenheit und ihrer Ausdauer erkämpft haben“, erklärte Verdi-Verhandlungsführerin Martina Grundler am späten Freitagabend in einer Mitteilung. Die Gewerkschaft hatte in den vergangenen Monaten mehrfach zu Arbeitskämpfen aufgerufen – allein beim zentralen Streiktag Ende Juni gingen rund 9.000 Beschäftigte bundesweit auf die Straße. „Dieses kraftvolle Signal haben am Ende auch die Arbeitgeber verstanden“, so Grundler.
Verdi hatte eine Erhöhung der Gehälter um zwölf Prozent und eine Anhebung der Ausbildungsvergütung um 250 Euro gefordert. Zudem drang die Gewerkschaft auf eine Vertragslaufzeit von nur zwölf Monaten.
Die Arbeitgeber hatten ihr Angebot erst zur zweiten Runde im April vorgelegt. Dies sah im Kern ein Gehaltsplus um 3,6 Prozent im ersten Jahr vor, bei einer Laufzeit von 35 Monaten. Nach scharfem Protest der Gewerkschaftsseite reduzierte der AGV die vorgeschlagene Laufzeit auf 28 Monate und bot 4,8 Prozent mehr im ersten Schritt und 3,3 Prozent in einem zweiten. Doch auch diese Nachbesserungen brachten zunächst noch nicht den Durchbruch.
Inzwischen hat sich die Stimmung bei Verdi spürbar verbessert. Der nun erzielte Abschluss sorge insbesondere für Beschäftigte in den unteren Lohngruppen für eine spürbare Entlastung nach Jahren realer Einkommensverluste, hieß es. „Noch bis in die Tarifgruppe 5 hinein liegt die Erhöhung ab August 2025 bei mehr als fünf Prozent“, rechnete Grundler vor.
DBV-Vertreterin Beese: „Taugliche Basis für die nächste Tarifrunde 2027“
Auch der DBV, der im November 2024 mit einer Lohnforderung von bis zu 18 Prozent für einen Eklat sorgte, äußerte sich zufrieden mit dem Ergebnis – wenngleich spürbar zurückhaltender als Verdi. „Das Paket kann nicht sämtliche Erwartungen erfüllen – beide Seiten mussten dafür Zugeständnisse machen“, sagte Ute Beese, Verhandlungsführerin der DBV-Tarifkommission. Dennoch sei das Ergebnis für alle Beschäftigten „ein sicheres Mehr in unsicherer Zeit“, so Beese.
Die finanziellen Auswirkungen für die Unternehmen sind aus AGV-Sicht erheblich, aber offenbar verkraftbar. Bereits im Jahr 2025 steigen die tariflichen Personalkosten laut eigenen Angaben um 2,68 Prozent, 2026 dann um weitere 4,02 Prozent. Für 2027 ergibt sich eine Vorbelastung von 2,08 Prozent – weitere Steigerungen hängen demnach vom nächsten Tarifabschluss ab. In den Angaben nicht enthalten sind Zusatzkosten etwa durch Sozialversicherungsbeiträge. Der sogenannte Tarifsockel – also die dauerhaft wirksame Gehaltsbasis – steigt laut AGV auf Jahressicht um 3,83 Prozent.
Obwohl sich die Große Tarifkommission von Verdi bereits einstimmig für die Annahme des Ergebnisses ausgesprochen hat, muss nun die Basis entscheiden: Die Mitglieder können noch bis zum 4. August abstimmen. Sollte die Zustimmung nicht bis zum 25. Juli erfolgen, haben die Unternehmen laut AGV das Recht, die rückwirkenden Zahlungen mit der Lohnabrechnung im September nachzuholen.
DBV-Verhandlungsführerin Ute Beese schaut bereits noch weiter in die Zukunft: Mit dem nun erzielten Tarifabschluss habe man „eine taugliche Basis für die nächste Tarifrunde 2027 gelegt“.
Autor: Lorenz Klein
