Kommentar: „Rollinger kann für den GDV Gold wert sein“

Das GDV-Präsidium wählte einstimmig Norbert Rollinger, den Vorstandsvorsitzenden der R+V Versicherung AG, am Mittwoch in Berlin an die Spitze des Verbandes. Rollinger (58) leitete dort bisher den Präsidialausschuss Risikoschutz für Gesellschaft und Wirtschaft. (Bildquelle: GDV)

Hinter den Kulissen galt es lange als offenes Geheimnis. Nun ist es offiziell. Norbert Rollinger, Chef des viertgrößten Versicherers Deutschlands, wird die Versicherungsbranche künftig auch als GDV-Präsident repräsentieren. Er wurde gestern auf der Mitgliederversammlung gewählt. Für den Verband um Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen ist das ein wichtiger Coup. Rollinger kennt die Branche wie seine eigene Westentasche und hat sowohl Lust als auch den Einfluss, sie nachhaltig nach vorne zu bringen. Das wird er auf seiner heutigen Antrittsrede beim Versicherungstag noch einmal belegen.  

Rollinger ist einer der großen Sympathieträger der Assekuranz. Offen, entspannt, humorvoll. Als ich ihn beim VersicherungswirtschaftClub im letzten Jahr mit den Worten ankündigte, dass er im positiven Sinne mit allen Wassern der Branche gewaschen sei, nahm er es mir (hoffentlich) nicht übel. Der gebürtige Luxemburger quittierte die Aussage mit einem Lächeln.

Womöglich, weil er weiß, dass etwas dran ist. Der 58-jährige R+V-Chef hat in seiner Laufbahn einiges gesehen, erlebt und mitgestaltet. Seine berufliche Laufbahn startete er 1990 als Berater und Projektleiter bei der Managerschmiede McKinsey. Wie so viele andere schloss er im Rahmen solcher Beratungsprojekte die Assekuranz ins Herz und wechselte fünf Jahre später die Seiten – vom Consulting ins Versicherungsmanagement der damaligen DBV-Winterthur-Gruppe. Gegenüber der Versicherungswirtschaft sagte er einmal, dass er eigentlich nie den konkreten Plan gehabt hätte, in die Branche einzusteigen. Aus dieser ersten Zurückhaltung sollte eine große Versicherungskarriere werden. Es folgten berufliche Stationen im Axa Konzern, der Generali und der R+V. Hier löste er als CEO Friedrich Caspers ab und prägt das Unternehmen seitdem mit.  

Der Name Rollinger dürfte in den R+V-Geschichtsbüchern einmal einen prominenten Platz bekommen. Nicht zuletzt, weil er der CEO ist, der im 100sten Jubiläum amtiert. Das aber wäre ein Fall von zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Neben dieser Fügung des Schicksals steckt eine Menge Können. Als Rollinger 2017 das Ruder übernahm, lagen etwa die R+V-Beitragseinnahmen bei 15 Mrd. Euro. Bereits im letzten Jahr überschritten sie 20-Mrd.-Euro-Grenze. Und was macht Rollinger? Im VWheute-Interview bedankt er sich in erster Linie bei den Mitarbeitern, ohne die man diesen Kraftakt nicht geschafft hätte.

Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und Norbert Rollinger in seiner neuen Rolle als GDV-Präsident. (Bildquelle: GDV)

Geradlinig, ehrgeizig, fokussiert. So führt Rollinger seine Leute am Raiffeisenplatz 1 in Wiesbaden. Er spricht offen aus, was Sache ist und geht auch mit Problemen transparent um. Rollinger hat schon zu Beginn seiner Amtszeit angekündigt, Digitalisierung zu einer Kernkompetenz der R+V machen zu wollen. Er glaubt, dass die Versicherer seit den 60er-Jahren Vorreiter in der Digitalisierung waren, aber diese immer innerhalb der Sparten erfolgte, wie die Regulatorik es nun mal vorgab. Die Kundenbedürfnisse seien jedoch quergelagert über mehrere Sparten und man müsse nun versuchen, diese Prozessdigitalisierung in Richtung Kunden auszurichten. „Der Digitalisierungsgrad ist hoch, aber entspricht nicht dem, was man aus Kundensicht erwartet.“

Ralf Kantak (links) zusammen mit Ex-GDV-Präsident Wolfgang Weiler (rechts). Kantak geht zum 1. Januar 2023 in den Ruhestand. Die Süddeutsche Krankenversicherung, an deren Spitze er seit 2013 steht, hat bereits einen neuen Chef gefunden. Als Nachfolger für den Vorsitz des Verbandes der privaten Krankenversicherung (PKV) hat Debeka-Chef Thomas Brahm bereits seine Kandidatur angemeldet. (Bildquelle: GDV)

In der Praxis bedeutete das das Ende der bisherigen Digitalmarke R+V24 nach 14 Jahren. Alle Digitalvertriebsaktivitäten werden zukünftig unter der Marke R+V betrieben und der Digitalvertrieb soll als voll integrierter Teil des Omnikanalvertriebs fortgeführt werden. Deshalb wurde auch die reine Digitalmarke „fragWilhelm“ eingestampft und tritt hybrid nun als „Easymize“ in Form eines Mehrfachagenten auf.

Seine Krisenmanagement-Skills musste Rollinger im eigenen Haus allerdings kaum unter Beweis stellen. Diese Fähigkeit war stark gefragt, als er als Vorsitzender des Präsidialausschusses Risikoschutz für Gesellschaft und Wirtschaft gegen die öffentliche Kritikwelle um die Betriebsschließungsversicherung und die Rolle der Branche in der Pandemie gegensteuern musste. Er tat dies mit viel Einflühlungsvermögen und Sachkomeptenz. Als „Jahrhundertereignis für die Branche“ bezeichnete Rollinger die Pandemie, weil es nicht nur zu massiven Schäden führte, sondern „unsere gesamte Arbeitsweise, Nachfrage und Zusammenarbeit verändern wird.“

Im beliebten CEO-Ranking der Versicherungswirtschaft belegte Rollinger immer die Spitzenplätze. Weil er Krise kann – und noch wichtiger, die Zukunftsthemen managt. Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Altersvorsorge, Zinspolitik sind nur ein kleiner Auszug. Für die R+V ist der Manager Rollinger Gold wert, als Nachfolger von Wolfgang Weiler, der nach fünf Jahren turnusgemäß ausgeschieden ist, wird er es womöglich bald für den GDV sein. Die Chancen, dass sein Standing durch das neue Amt einen weiteren Schub bekommt, stehen nicht schlecht.

Autor: Michael Stanczyk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

2 × vier =