Swiss Re: Versicherer könnten von Chinas Corona-Problemen profitieren

Quelle: Pete Linforth auf Pixabay

China galt für zahlreiche Unternehmen unterschiedlichster Branchen als attraktiver Produktionsstandort. Mit der Corona-Pandemie beschleunigt sich jedoch der Trend, die Produktion wieder stärker in andere Länder zu verlegen. Profitieren könnten davon auch die Versicherer durch höhere Versicherungsprämien.

So habe sich die Begeisterung für den globalen Welthandel bereits vor der aktuellen Krise abgekühlt, konstatiert die Swiss Re in ihrer jüngsten Ausgabe der Sigma-Studie. Demnach hätte eine Reihe von Naturkatastrophen im letzten Jahrzehnt – darunter das Erdbeben und der Tsunami in Japan und die verheerenden Überschwemmungen in Thailand im Jahr 2011 – bereits zu erheblichen Unterbrechungen der globalen Lieferketten geführt.

Zunehmende politische Risiken wie neue Zölle und ein drohender weltweiter Handelskrieg veranlassen daher viele Hersteller zu einer Neubewertung ihrer globalisierten Produktions- und Beschaffungsstrategien. Außerdem hat die Corona-Pandemie sehr schnell die Schwachstellen von Lieferketten im Gesundheitswesen aufgezeigt, heißt es weiter. Zahlreiche Länder haben daher die internationale Zusammenarbeit in Krisenzeiten zurückgestellt, um zuerst den eigenen Bedarf – insbesondere den sicheren Zugang zu kritischen Gütern – sicherstellen wollen.

Die Konsequenz: Viele Unternehmen müssten sich von der romantischen Vorstellung einer „Just-in-Time-Herstellung“ verabschieden, konstatierte Jérôme Jean Haegeli, Chefvolkswirt der Swiss Re, im Rahmen einer Online-Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Studie. Eine Konsequenz: Viele Unternehmen verlagern ihre Produktionsstandorte zusätzlich in andere Länder, um ihre Abhängigkeit vom chinesischen Markt zu verringern.

So dürften allein 200 Mrd. US-Dollar in Billiglohnländer Asiens, Osteuropas und Lateinamerikas fließen, so die Swiss Re. Die größten Profiteure seien demnach Vietnam, Kambodscha, Malaysia und Thailand. Zudem dürften weitere Exporte von rund 100 Mrd. US-Dollar in die G7-Industrieländer sowie Südkorea und Taiwan zurückverlagert werden. Am stärksten dürften davon laut Rückversicherer die USA, Frankreich, Deutschland und Italien profitieren.

Der Fokus liegt dabei laut Swiss Re vor allem auf dem Gesundheitswesen, dem Technologiesektor, sowie den Bereichen Konsumgüter, Textilien und die Elektronikbranche, wo aller Voraussicht nach auch einige Produktionskapazitäten wieder in entwickelte Länder zurückverlegt werden. Neue Technologien wie die Robotik bieten zudem laut Rückversicherer die Möglichkeit, Lieferketten zu vereinfachen und zu verkürzen. So können moderne industrielle 3D-Drucker zeitnah und ohne Qualitätseinbussen Prototypen erstellen und Kleinaufträge bearbeiten, heißt es weiter.

„Während der Pandemie kam der internationale Handel durch die Lockdowns fast vollständig zum Erliegen; Unternehmen und Regierungen gleichermaßen mussten erkennen, welche Auswirkungen Unterbrechungen unserer hochkomplexen und spezialisierten globalen Lieferketten haben können“.

Jérôme Jean Haegeli, Chefvolkswirt der Swiss Re

Versicherer können mit höheren Prämien rechnen

Die Versicherungsbranche könnte von dieser Entwicklung noch profitieren. So bietet eine steigende Nachfrage nach Risikoschutz und neue Chancen zur Stärkung der globalen wirtschaftlichen Resilienz, konstatieren die Analysten der Swiss Re. So könnten Versicherer dabei eine wesentliche Rolle im Risikomanagement für globale Lieferketten.
Entsprechenden Versicherungsschutz sowie Policen gegen Rückwirkungsschäden und Betriebsunterbrechungen ohne Sachschäden können Verluste auffangen, die durch Schadenereignisse bei einem Lieferanten entstehen, prognostiziert der Rückversicherer.

„Für Anbieter von Versicherungen gegen Betriebsunterbrechungen gilt: Je transparenter die Lieferketten, desto besser versicherbar das Risiko. In diesem Zusammenhang baut die Branche ihr Know-how im Bereich der digitalen Technologie aus, um alle zur Verfügung stehenden Daten, ob strukturiert oder unstrukturiert, besser verarbeiten und analysieren zu können. Ziel des Swiss Re Digital Market Center ist die Entwicklung umfassender Werkzeuge zur Vorhersage und Steuerung von Risiken, die es Versicherern erleichtern, innovative Risikoschutzlösungen zu erarbeiten“, erläutert Gianfranco Lot, Leiter Globals Reinsurance bei Swiss Re.

In konkreten Zahlen würde dies für die Versicherer laut Sigma-Studie einen weltweiten Prämienanstieg von etwa 63 Mrd. US-Dollar führen. Darin enthalten seien zum einen ein einmaliger Anstieg um 1,2 Mrd. US-Dollar durch eine höhere Nachfrage nach technischen Versicherungen in der Bauphase der Produktionsstätten und der dazugehörigen Infrastruktur. Weitere neun Mrd. US-Dollar dürften den Versicherern auch entsprechende Gewerbepolicen in der Betriebsphase der neuen Standorte einbringen.

Großes Wachstumspotenzial in Asien

So verwundert es auch nicht, dass die Versicherungsbranche vor allem in den asiatischen Märkten noch ein enormes Wachstumspotenzial sieht. Jean-Jacques Henchoz, Vorstandschef der Hannover Rück, rechnet bereits damit, dass in zehn Jahren etwa 40 Prozent des globalen Prämienvolumens in Asien verdient werden können, derzeit wären es 20 oder 25 Prozent.

Bereits Ende 2019 ging die Swiss Re davon aus, dass vor allem die asiatischen Schwellenländer immer mehr zum Wachstumstreiber der globalen Versicherungsbranche werden dürften. Vor allem China dürfte die Prämienentwicklung weiter beflügeln. Ein wesentliches Risiko sehen die Ökonomen des Rückversicherers jedoch im Handelskonflikt zwischen den USA und China.

Autor: VW-Redaktion

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