Generali-Vorstand Wehn: „Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist essenziell“

Quelle: Generali

Bei Kununu erreicht Generali nur einen durchschnittlichen Score. „Diese Ergebnisse sind nicht erfreulich, sie sind aber symptomatisch für Unternehmen, die sich – wie wir in den letzten Jahren – tiefgreifend verändern“, erklärt Robert Wehn. Der Chief HR Officer und Arbeitsdirektor der Generali Deutschland spricht im Interview über neue Strategien im Personalmanagement, Motivation der Mitarbeiter und über Erwartungen junger Talente an einen guten Arbeitgeber.

VWheute: Herr Wehn, Sie sind seit rund zwei Jahren Vorstand im Personalressort der Generali Deutschland. Insgesamt kennen Sie das Unternehmen seit über zwei Jahrzehnten. Eine lange Zeit in einer immer schneller werdenden Arbeitswelt. Wie hat sich die Arbeitswelt generell verändert?

Robert Wehn: Ohne Zweifel hat sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Ich sehe dabei mehrere Entwicklungen: Zunächst hat sich die Geschwindigkeit aller Arbeitsprozesse durch die verfügbaren Technologien im Vergleich zu damals dramatisch erhöht – wo vor 20 Jahren regelrechte Schriftwechsel zwischen Abteilungen erfolgten, werden heute in ganz neuen Formen der Zusammenarbeit Lösungen erarbeitet. Das hat im Verlauf der Zeit immer wieder neue Anforderungen an die Mitarbeiter gestellt.

VWheute: Und es dürfte nicht Ihr einziger Punkt sein…

Robert Wehn: Ebenfalls auf Basis neuer Technologien ist das Arbeiten mobiler geworden, es findet nicht mehr ausschließlich im Büro in der „Hauptverwaltung“ statt. Forciert wird dieser Trend meines Erachtens durch die verstärkte Forderung nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber zunehmend auch durch Nachhaltigkeitserwägungen. Schließlich erkennen wir, dass Arbeitsverhältnisse – von beiden Seiten – nicht mehr zwingend auf das ganze Arbeitsleben angelegt werden. Arbeitgeber handeln aus betrieblichen Erfordernissen. Umgekehrt sind gerade Vertreter der Generation Y bereit, ein Unternehmen zu verlassen, wenn das vom Arbeitgeber angebotene Paket nicht oder nicht mehr stimmt.

VWheute: Als Personalvorstand haben Sie eine wichtige Aufgabe vor sich: Fortwährend muss die Belegschaft neu motiviert und davon überzeugt werden, dass der Umbau der richtige Weg ist. Wie gelingt das? Welche konkreten Schritte werden eingeleitet?

Robert Wehn: Mit unserer Strategie „Generali 2021“ haben wir uns ambitionierte Ziele gesetzt, insbesondere im Hinblick auf profitables Wachstum. Wir stellen mit dem Lifetime-Partner-Ansatz unsere Kunden und Vertriebe in den Mittelpunkt unseres Handelns. Dabei impliziert der Anspruch, lebenslanger Partner für Kunden zu sein, maximale Kundenzentrierung. Diese Ausrichtung ist für unsere Mitarbeiter inspirierend und motivierend zugleich.

VWheute: Welche Rolle spielt der Bereich HR dabei?

Robert Wehn: Ich sehe den Human-Resources-Bereich als einen aktiven Gestalter des erforderlichen Wandels. Daher haben wir alle HR-Aktivitäten in einem Programm gebündelt: Smart Employer. Das Grundprinzip ist: „Mitnehmen – Entwickeln – Gewinnen“.

VWheute: Was genau steckt hinter diesem Ansatz?

Robert Wehn: „Mitnehmen“ bedeutet, dass wir alle Mitarbeiter schnell, direkt, transparent und regelmäßig informieren. Angefangen beim Vorstandsteam: Erst kürzlich haben wir an allen zwölf Standorten der Generali in Deutschland den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unsere Strategie „Generali 2021“ vorgestellt. Wir binden Mitarbeiter ein und motivieren sie, die Veränderungen selbst mitzugestalten. Dabei fällt allen Führungskräften eine wichtige Rolle zu: Sie geben die notwendige Orientierung und Unterstützung im Veränderungsprozess. Daher befähigen wir Führungskräfte mit speziellen Trainings und Programmen – wir nennen das „Rückenwind“. „Entwickeln“ heißt, dass wir alle Mitarbeiter entsprechend ihrer Fähigkeiten und künftiger Anforderungen weiterbilden. Beim sogenannten Strategic Workforce Planning werden systematisch die vorhandenen und künftig benötigten Fähigkeiten analysiert und gegenübergestellt. Das ist keine leichte Aufgabe, weil wir Annahmen über die Arbeitswelt in fünf bis zehn Jahren treffen und gleichzeitig den internen demografischen Wandel managen müssen. Die Ergebnisse nutzen wir, um Mitarbeiter fit für die Zukunft zu machen und gezielt neue Talente zu rekrutieren.

VWheute: … und wie „gewinnen“ Sie beim Mitarbeiter?

Robert Wehn: Indem wir attraktive Rahmenbedingungen schaffen, wie Modelle zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung und mobilem Arbeiten, innovative Vergütungssysteme, neuartige Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten und ein umfassendes Gesundheitsmanagement. Und wir schaffen laufend weitere Angebote. Insgesamt haben wir mit Smart Employer ein umfassendes Programm etabliert, das wir konsequent umsetzen und stetig ausbauen.

VWheute: Wie reagieren Mitarbeiter auf den eingeschlagenen Weg – inklusive Stellenabbau, Effizienzprogrammen und Digitalisierung?

Robert Wehn: Unser Umbauprozess, der vor rund vier Jahren eingeleitet wurde, ist in vielen Bereichen bereits abgeschlossen. Wir haben die Anpassungen einvernehmlich mit unserer Mitbestimmung festgelegt, gemeinsam an alle Mitarbeiter kommuniziert und sozialverträglich in die Umsetzung gebracht.

VWheute: Der Innendienst soll künftig verstärkt automatisiert werden. Welche Folgen hat das für den Angestellten?

Robert Wehn: Klar ist: Durch Digitalisierung und Automatisierung werden sich viele Tätigkeiten gravierend verändern oder wegfallen. Das betrifft alle Branchen. Klar ist aber auch: Durch Digitalisierung werden Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung und gänzlich neue Tätigkeiten entstehen. Das bedeutet, dass sich unsere Mitarbeiter kontinuierlich qualifizieren müssen, um auf Veränderungen vorbereitet zu sein.

VWheute: Sie verstärken sich mit neuen Mitarbeitern. Ist auch das Ihre Antwort auf den demografischen und technologischen Wandel?

Robert Wehn: Wir haben dieses Jahr weit über 100 Auszubildende und ausbildungsintegrierte Studenten eingestellt und starten mit einem neuen Trainee-Programm. Grundsätzlich gilt bei aller technologischen Entwicklung: Die Mitarbeiter machen den Unterschied und sind ein strategischer Wettbewerbsfaktor unseres Wachstumskurses.

VWheute: Stichwort Digitalisierung: Auf der Arbeitgeberbewertungsplattform Kununu erreicht die Generali einen Score von 2,7 von möglichen 5 Punkten. Nur 12 Prozent würden den Arbeitgeber weiterempfehlen. Beunruhigen Sie solche Zahlen?

Robert Wehn: Diese Ergebnisse sind nicht erfreulich; sie sind aber symptomatisch für Unternehmen, die sich – wie wir in den letzten Jahren – tiefgreifend verändern. Deshalb setzen wir uns intensiv mit Bewertungen und Kommentaren auseinander und führen auch intern regelmäßig konzernweite Mitarbeiterbefragungen durch. Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist essenziell und wird daher auch von unserem Vorstandsvorsitzenden Giovanni Liverani und mir aufmerksam verfolgt. Kürzlich haben uns rund 9.000 Mitarbeiter ihr Feedback zu unseren Stärken, aber auch weiteren Verbesserungspotenzialen gegeben. Wir erkennen, dass wir in vielen Bereichen große Fortschritte gemacht haben. Um unsere Wettbewerbsposition und unsere Mitarbeiterzufriedenheit weiter und nachhaltig zu verbessern, werden wir noch deutlich mehr tun. Darauf zielt das Smart-Employer-Programm ab.

VWheute: Was fordern junge Talente, aber auch erfahrene Manager von der Generali als Arbeitgeber? Und was können Sie bieten?

Robert Wehn: Junge Talente bringen neue Perspektiven in unser Denken und Handeln. Sie stellen Gewohntes infrage und bereichern damit unser Unternehmen enorm. Diese Talente wollen aber auch ganz konkret Dinge verbessern. Daher räumen wir ihnen persönliche Gestaltungs- und Entscheidungsspielräume ein und schaffen schnelle, unbürokratische Entscheidungswege. Um am Arbeitsmarkt diese Talente zu gewinnen, müssen wir heute klare Antworten auch auf Fragen geben, wie: „Wie wird die Entwicklung der Mitarbeiter gefördert?“, „Welchen Beitrag leistet mein Unternehmen zur Gesellschaft?“ und „Wie unterstützt mein Unternehmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?“. Hierzu bieten wir die bereits genannten Angebote an.

Lesen Sie das vollständige Interview in der September-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Die Fragen stellte VW-Redakteur Michael Stanczyk.

Ein Kommentar

  • Es ist immer wieder schön zu lesen wie ein Vorstand die Stimmung in der Belegschaft sieht, obwohl er soweit von dieser weg ist.

    Wenn man sieht, dass die Generali ihre Arbeitskräfte in Arbeitgebergesellschaften verteilt und eine davon nicht tarifgebunden ist, frage ich mich wie der wirkliche Stellenwert der Mitarbeiter ist.
    Auch ein Blick in den Standort Leipzig lohnt sich. Hier werden die Mitarbeiter im Niedriglohnsektor eingestellt und sind gezwungen Nebenjob anzunehmen und ihr Leben zu finanzieren. Deshalb ist an diesem Standort eine hohe Fluktation.

    Auch an der gelobten Arbeitsplatzgestaltung habe ich meine Zweifel. Die Mitarbeiter werden in Großraumbüro auf 8 qm gehalten. Nur wenige sind davon begeistert, warum wird diese vom Vorstand nicht gesehen.

    Die Mitnahme der Belegschaft wird auch noch da durch erschwert, dass viele Veranstaltungen und Veröffentlichungen mit englischen Begriffen durchtränkt sind und die Mitarbeiter nicht mehr folgen können.

    Weiterhin wurde einfach und dezentrale Strukturen, die ein schnelles und einfaches Handeln ermöglichen, zentralisiert und somit unflexibler.

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