Experiment Telematik: Wann platzt der Knoten?

Jörg Rheinländer, Vorstand der Huk-Coburg. Quelle: lie

Der Marktanteil der Telematik-Tarife hat sich binnen Jahresfrist nach Zahlen der E+S Rückversicherung AG  auf ein Prozent der PKW Ende 2019 verdoppelt. Mit diesen Tarifen wird seit rund zehn Jahren in verschiedensten Formen experimentiert, doch nun könnten sie endlich den Kinderschuhen entwachsen.

„Telematik wirkt. Es ist ein Thema der Zukunft. Und wenn wir es jetzt nicht machen, dann werden wir als Branche abgehängt“, sagte Jörg Rheinländer, Vorstand der Huk-Coburg-Gruppe, auf der 17. Businessforum 21-Jahrestagung Telematik-Tarifen. Er berichtete, dass die Schadenhäufigkeit im Testbetrieb um 20 Prozent gesunken sei.

Dafür hatte man zunächst 100 Kunden über 350.000 gefahrene Kilometer beobachtet. Das Fahrverhalten habe sich unter der Kontrolle von Telematik geändert. „Telematik sei besser geeignet Unfälle zu reduzieren als das Tarifierungsmerkmal Garage.“

Er bekannte: „Ich habe mit anderen Artikel veröffentlicht, um die Telematik aus diesem Markt draußen zu halten, aber nun gibt es einen Game-Changer“. Das seien die in Neuwagen fest verbauten SIM-Karten, die den Fahrzeugherstellern ohnehin Datenströme lieferten. Ihren im letzten Frühjahr an den Markt gebrachten Telematik-Tarif hat die Huk inzwischen 225.000 Mal verkauft.

Der Tarif bedarf allerdings der Mitarbeit des Kunden, betonte Rheinländer verschiedene Male. So kommt es beispielsweise vor, dass die Technik vom Kunden geordert, aber letztlich nicht angewandt wird – ähnlich wie bei der OBD-Dongle-Lösung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Auch spielten die Kunden nicht immer alle Updates auf ihre Smartphones. 

„Technik ist ein großes Thema, aber auch Kartendaten sind nicht ohne Fehler beispielsweise weil aufgehobene Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht geändert werden. Insofern gehen Forderungen nach „100prozentiger Richtigkeit an der Realität vorbei“. Die Huk habe auch daher Toleranzen eingebaut und arbeite am Dialog mit dem Kunden.

„Bei einem derart digitalen und inaktiven Produkt lässt sich nichts unter dem Tisch halten, klare Kommunikation ist daher wesentlich“, so Rheinländer. So würden beispielsweise alle Merkmale aufgezählt, die in den Algorithmus gingen.

Einwände, dass sich die Rabattierungen auf diesen Tarif nicht rechnen könnten, widersprach er mit: „Wir haben viel windfall profits. Denn so kommen wir nun täglich mit den Kunden in Kontakt. Diesen Kundenkontakt müssen wir auch noch lernen, aber das ist investiertes Geld in die Versicherung zum Anfassen.“

E+S setzt bei Telematik weniger auf Fahrverhalten

Die E+S hat einen eigenen Telematikansatz erstellt, der weniger auf das Fahrverhalten als vielmehr auf Faktoren wie Tageszeit, Verkehrsaufkommen, Gelände, Ausstattung des Fahrzeugs (mit der VIN-Nummer) sowie die Nutzung eines Handy abstellt. „Eine Reihe von Gesellschaften testen dies mit uns  und einige Zedenten planen den Produktlaunch für2020“, sagte Jonas Krotzek, Zentralbereichsleiter für den Zentralbereich Deutschland bei der E+S.

Marco Morawetz, der das Consulting bei der Gen Re Gruppe leitet, bleibt hinsichtlich des Telematik-Marktes skeptisch. Rabatte von bis zu 50 Prozent, wie sie aktuell von der die Bayerischen angeboten würden, rechneten sich nicht. Zudem würden Korrelationen zwischen den ermittelten Scores und dem Schadengeschehen zu hoch eingeschätzt, weil die bestehenden Merkmale außen vorgelassen würden.

So rechtfertigten analytisch ermittelte Differenzierungen des Scores allenfalls Rabattierungen eines Einheitstarifs, nicht aber Rabattierungen eines komplexen multivarianten Tarifmodells. „Telematik für Alle“ wird seiner Meinung nach speziell im schadenarmen Kundensegment zum Problemfall.

Edgar Martin, Vorstand der R+V Versicherung AG, und Thomas O. Winkler, Chef Underwriter Kraftfahrt der Gothaer Allgemeinen Versicherung AG, zeigten an Beispielen, dass das Flottengeschäft eine Vorreiterrolle für das Privatkundengeschäft einnimmt. Viele Trends und digitale Techniken ließen sich im Firmenkundengeschäft einfacher umsetzen. Beispielsweise sei Telematik im LKW-Verkehr längst Normalität, so Martin. Winkler berichtete, dass das Flottengeschäft weiterhin zwar schlechter als das Privatkundengeschäft verlaufen, die Relation sich aber stetig verkleinere.

Nach Prognosen von Morawetz und Krotzek sinken die Erträge in der Kraftfahrtsparte 2020. Krotzek geht von einem Rückgang auf 0,2 Mrd. Euro Kalenderjahresergebnis (VJ: 0,7 Mrd.) aus. Morawetz rechnet für 2020 beim versicherungstechnischen Gewinn nur noch mit einer „schwarzen Null“. Zwar ließen die Umfragen zur Betragsanpassung 2020 sowie der Rückgang des Jahreswechselvolumens auf einen kleinen Anstieg der Durchschnittsbeiträge hoffen, doch dürften die Schadenbedarfe in der KH und Vollkasko weiter um jeweils zwei Prozent steigen, so Morawetz.

Autorin: Monika Lier

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