„Die Allianz wird nicht das einzige Unternehmen bleiben, dass KI nutzt, um Personal zu reduzieren“
Verdi-Verhandlerin Martina Grundler tritt im Juni in den Ruhestand. Die Branche sieht sie am Scheideweg. Bildquelle: Verdi/Kay Herschelmann
Die bekannte ver.di-Tarifverhandlerin Martina Grundler wird Ende Juni 2026 in den Ruhestand gehen. Mit unbequemen Wahrheiten, was die Branche betrifft, hält sie sich deswegen aber nicht zurück. Grundler saß zuletzt mit am Tisch, als der personelle Abbau bei der Munich-Re-Tochter Ergo besiegelt wurde. In der Debatte um die Folgen von KI wünscht sie sich mehr Ehrlichkeit. „Die Entwicklung ist komplizierter, als sie gerne dargestellt wird.“
VWheute: Im vergangenen November sorgte die Ankündigung des Assistance-Dienstleisters Allianz Partners für Aufsehen, wonach bei dem Unternehmen 1.500 bis 1.800 der weltweit 22.600 Stellen abgebaut werden sollen. Begründet wurde der Schritt mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI), die es ermögliche, auch mit weniger Personal zu wachsen. Befürchten Sie, dass dieses Beispiel Nachahmer finden wird in der deutschen Versicherungswirtschaft?
Martina Grundler: KI kann in vielen Bereichen der Versicherungsunternehmen eingesetzt werden. In der klassischen Sachbearbeitung, im telefonischen Kundenservice, im Vertrieb, aber auch im Rechnungswesen, der Rechtsabteilung usw. Das heißt, in allen Schritten der Wertschöpfungskette werden in der Perspektive Arbeiten auf die KI übertragen. Dabei geht es nicht nur um einfache, sondern auch um hoch qualifizierte Tätigkeiten. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass es in der Perspektive durch den Einsatz von KI ein hohes Rationalisierungspotenzial geben kann. KI ist für die Beschäftigten also Fluch und Segen zugleich. Sie unterstützt bei der Arbeit, kann aber dauerhaft zu einer Gefährdung von Arbeitsplätzen führen. Die Allianz wird nicht das einzige Unternehmen bleiben, das KI nutzt, um Personal zu reduzieren.
Im deutschen Versicherungsinnendienst arbeiten etwa 170.000 Menschen. Manche Schätzungen besagen, dass davon 15.000 bis 30.000 Stellen durch KI mittelfristig entfallen oder stark reduziert werden könnten. Wie stehen Sie zu diesen Prognosen?
Wir halten es durchaus für möglich, dass das Abbaupotenzial die genannte Größenordnung erreichen könnte, aber wir befinden uns ja noch am Anfang der Entwicklung. Es werden in der Transformation auch neue Jobs entstehen. Wie viel Einsparung tatsächlich mittelfristig möglich ist, muss sich erst noch zeigen, die einzelnen Unternehmen sind ja auch unterschiedlich weit beim Einsatz von KI. Deshalb ist für ver.di auch das Thema Qualifizierung so zentral. Wir wollen, dass die heute in den Unternehmen arbeitenden Menschen nicht abgehängt werden, sondern sich auch auf neue Aufgaben qualifizieren können, wenn ihr heutiger Arbeitsplatz verloren geht.
Immer wieder ist zu hören, dass die Branche durch den demografischen Wandel zwar Mitarbeitende ohnehin verlieren werde, die Produktivitätsgewinne durch KI nun aber diese Dynamik überholen könnten. Sprich: Ganz so sozialverträglich und geräuschlos könnte der Personalaustausch (KI ersetzt Mitarbeiter sukzessive) womöglich doch nicht vonstattengehen. Muss die Branche in dieser Debatte ehrlicher werden?
Ja, wir würden uns in der Debatte mehr Ehrlichkeit wünschen, denn die Entwicklung ist komplizierter, als sie gerne dargestellt wird. Es ist nicht unrealistisch, dass mehr Stellen abgebaut werden, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die natürliche Fluktuation ausscheiden. Und KI ist ja nur ein Teil der technologischen Veränderung, die sich in der Versicherungswirtschaft vollzieht. Wichtig wäre, dass die Beschäftigten frühzeitig darüber informiert werden, was im Unternehmen geplant ist, damit sie sich gezielt weiterentwickeln können.
Wenn der Einsatz von KI und die Digitalisierungsprozesse es möglich machen, Arbeitsplätze abzubauen, dann sind die möglichen Kostensenkungen Grundlage der Planung und nicht die Anzahl der Beschäftigten, die in den Ruhestand gehen. Deshalb ist es ver.di so wichtig, schon jetzt mit den Arbeitgebern soziale Leitplanken für die Veränderungen zu vereinbaren.
Autor: Lorenz Klein
