Industrieversicherung: Führt die Digitalisierung zu einer Reduktion auf fünf Anbieter?

Es ist zwar das 16. Quartal in Folge, in dem die Preise im Industriegeschäft steigen, doch ist die Steigerungsrate in vielen Sparten und in den meisten Regionen weiterhin moderat. Bild von Pavlofox auf Pixabay.

Die Industrieversicherer als Portalmuffel, Möchtegerndatenkraken und Kundenverärgerer. Kürzlich wurde auf einer Fachkonferenz ein wenig schmeichelhaftes Bild der Branche gezeichnet. Doch trotz des (behaupteten) Digitalwiderstands der Anbieter werde die technische Entwicklung letztlich zu einer Reduktion auf eine “Handvoll” Anbieter führen, erklärte ein Experte.

“Acht bis zehn Jahre” hinken die Industrieversicherer derzeit in der digitalen Entwicklung hinterher, erklärte Mathias Harrassowitz kürzlich auf der MCC-Konferenz “IndustrieRisiken 2021”. Der Grund für den Unmut des Senior Executive vom Softwarehersteller sum.cumo Sapiens ist die Tatsache, dass die Versicherer noch immer kein Portal gebaut haben, “das alle nutzen können”. Die Komplexität in der Industrieversicherung sei “nur eine Ausrede” der Anbieter, erklärte Harrassowitz. Es gebe keinen Prozess, der nicht einfacher gestaltet und digitalisiert werden könne; die einheitliche Datenbasis sei immer noch eine Katastrophe. Auch die  Makler bekamen Schelte. Obwohl 75 Prozent des Industrieversicherungsgeschäfts über sie laufe, werde nicht gemeinsam mit den Versicherern ein Portal gebaut, kritisiert der Experte.

Gegen die Aussage wendet sich Oliver Dobner, Generalbevollmächtigter von Marsh Deutschland. Das Geschäft sei zu individuell, die gesetzlichen Vorgaben würden sich international stark unterscheiden. In diesem Umfeld einheitliche Standards für Daten festzulegen sei eine “große Herausforderung”. Zudem ist das große Industriegeschäft häufig “sehr individuell und damit für eine Plattform schwerer skalierbar”, als das Gewerbe- oder Privatkundengeschäft, erklärt er. Er strebt stattdessen eine kleinere Lösung an. “Eine Einigung bei Definitionen und Formaten von Daten wäre aus unserer Sicht bereits ein großer – und durchaus realisierbarer Fortschritt, um den Datenaustausch zu vereinfachen und Doppelarbeiten zu vermeiden.”

Die “erhebliche Komplexität” eines solchen Projekts sieht auch Bijan Daftari, Country Manager Germany bei Swiss Re Corporate Solutions. Er verweist darauf, dass mit INEX24 vor vielen Jahren einmal ein Versuch gestartet wurde. Die Kritik von Harrassowitz kontert er mit dem Verweis auf die Lösung seines Hauses. “Für das internationale Programmgeschäft bietet Swiss Re Corporate Solutions mit IPA International Programs Administration eine Plattform an, die für andere Versicherer, Makler und Maklernetzwerke offen ist.” Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung, der Zuspruch am Markt sei “global groß”. Bisher konnten beispielsweise die Württembergische Versicherung und das Maklernetzwerk BrokersLink als Partner gewonnen werden – VWheute berichtete. Mittlerweile firmiert die Plattform unter “Pulse”.

Digitalität gleich Reduktion?

Dass die All-in-One-Portale letztlich kommen, davon ist Harrassowitz überzeugt. Die Folge wird aus seiner Sicht eine massive Reduktion der Anbieter sein. Bereits in fünf Jahren werde es nur noch eine Handvoll Industrieversicherer auf dem internationalen Markt geben, denn die betreiben dann ein Portal, “in das sich der Rest der Marktteilnehmer einklinken muss”. Dass der Sapiens-Mann beim Thema Reduktion keinesfalls ins Blaue spricht, bestätigt die Aussage von Hans-Jörg Mauthe, CEO in Central und Eastern Europe AGCS, der einen Rückgang bereits im 2019-Interview feststellte.

Die Frage ist also offenbar nicht ob, sondern in welchem Maße es zu einer Reduktion kommt. “Wir sehen diese Entwicklung nicht und gehen auch trotz einer gewissen Konsolidierung für die Zukunft von einem breiten nationalen und internationalen Industrieversicherungsmarkt aus”, erklärt Dobner. Nach wie vor würden auch neue Teilnehmer in den Markt kommen.

Vorsichtiger ist Daftari. “Wo wir in fünf Jahren genau stehen werden, lässt sich nur schwer vorhersehen.” Der Markt für Industrieversicherung biete allerdings “sicher Raum für Effizienzsteigerungen”. Die Digitalisierung werde dem Unternehmen helfen, “diese zu heben”. Dabei wären offene Plattformen und Kooperationen zwischen allen Beteiligten – also VN, VR und Makler –  vonnöten. Damit ist er argumentativ sehr nah bei Harrassowitz.

Möchtegern-Datenkraken

Die Kritik an den Versicherern endet aber nicht bei mangelnden Portalofferten. Die Anbieter würden Daten erheben, die sie am Ende gar nicht verwenden (können), was die Kunden verärgere. Aus der Luft gegriffen ist der Vorwurf nicht.

“Richtig ist, dass Risk Manager teils mit ihren VR’s unzufrieden sind”, bestätigt Daftari. Die Ursachen seien “vielfältig” und durch die rapide Marktverhärtung zum letzten Renewal “verstärkt worden”. Als Datenhorter sieht er die Industrieversicherer aber nicht. “Weder grundsätzlich noch spezifisch für unser Haus kann ich bestätigen, dass die Abfrage von nicht benötigten oder dann nicht verwandten Daten ein Hauptproblem sind.”

Er schränkt aber ein: “Sicherlich fehlt es aber an Standardisierung bei den Datenformaten.” Dies würde die Prozesslandschaft und damit den gesamten Ablauf “effizienter gestalten”.

Im “Kontext des harten Marktes” sei auch der Informationsbedarf aufseiten der Versicherer gestiegen, erläutert Dobner seine Sicht. Die Informationen würden beim Verstehen, bepreisen und platzieren des Produktes helfen. Doch teilweise gehe die Datenabfrage über dieses Ziel hinaus. “Unter Umständen – wie zum Beispiel bei Cyber – geht es bei einem Risikodialog darum, überhaupt Versicherungsschutz zu bekommen.” Am Ende der Maklerberatung stehe nicht immer der Risikotransfer und der Kauf einer Versicherungslösung; anhand der Daten zeigt sich häufig, dass andere Risikomanagementmaßnahmen für den Kunden “die bessere Lösung sind”, erläutert Dobner den Prozess. Zu diesem Zweck würden Daten von Kunden abgefragt, die “gegebenenfalls über den reinen Nutzen für Versicherer hinaus gehen”.

Die Industrieanbieter wollen also keine Datenkraken sein. Zudem sehen sie den Nutzen, aber auch die Probleme einer gemeinsamen Portallösung. Ob der Wunsch nach einer gemeinsamen Plattform tatsächlich den Sprung in die Realität schafft, ist ebenso fraglich wie die massive Marktreduktion a la Harrassowitz. Wer recht behält, werden alle Teilnehmer in fünf Jahren wissen.

Autor: Maximilian Volz