Monte Carlo 2020 abgesagt – auch Baden-Baden und DKM wackeln

Monaco - Bild von ANTONY WARMBOLD auf Pixabay

Rückversicherer leben eine fast bäuerliche Jahresroutine: Anfang September wird im durch Panama-Hut veredelten smart-casual Look die Bodenqualität in Monte Carlo geprüft, während beim herbstlichen Baden-Baden Reinsurance Kongress bereits nadelgestreifte Business-Outfits inklusive Regenschirm die seriösen Gespräche dominieren. Ende Dezember folgen dann die eigentlichen Geschäftsabschlüsse und im Lauf des Folgejahres dann die reiche oder missliche Ernte, je nach derzeitiger Position im Pricing-Circle und dem Eintreten oder Ausbleiben von Natur- und sonstigen Katastrophen.

Das 64. Rendez-Vous de Septembre in Monaco kann laut Pressekommuniqué den COVID-19-Widrigkeiten nicht trotzen. Damit ist eine seit dem Jahr 1957 zurückgehende jährliche Routine unterbrochen. An eine einmal aufgegebene Gewohnheit knüpft man nicht mehr so ohne weiteres wieder an, insbesondere, wenn sich alternative Kontaktmöglichkeiten als machbar und wesentlich günstiger erweisen, etwa regionale Branchentreffen und Videokonferenzen.

Ob das Rendez-Vous im Jahr 2021 erneut bei voller Prachtentfaltung ablaufen wird, muss sich noch weisen. Einige Marktteilnehmer könnten nach Rating-Downgrades in der liquidatorischen Versenkung verschwunden sein, zudem dürfte manche Organisation die Fernreisen der leitenden Herren auch nächstes Jahr als vermeidbares operatives Risiko betrachten. Nicht zuletzt, da manch gut genährter Rückversicherer oder Makler auch noch in die COVID-19 Risikogruppe fallen dürfte.

Das bedeutet die Absage für Frankreich und die Welt

Der Wegfall des immer noch von der französischen Assekuranz geprägten Events kommt auch einer Schwächung der Frankophonie im Bereich der eh schon angelsächsisch geprägten Assekuranz gleich. Für Monaco bedeutet der Ausfall des zweitwichtigsten jährlichen Events eine Katastrophe. Die jeweils zwei bis dreitausend Teilnehmer geben vor Ort jedes Jahr einige zehn Mio. Euro für Hotels, Speis‘ und Trank sowie Amüsement aus. Die großen Gästehäuser wie Hôtel de Paris und Hermitage, die weitgehend zu der zum monegassischen Staat gehörende Société des Bains gehören, beschäftigen normalerweise 4.400 Personen. Der Betrieb ist in vielen Hotels derzeit bereits eingeschränkt, die Absage dürfte diese und andere Häuser schwer treffen.

Hinzu kommt noch die von großen Unternehmen gewährte, und trotz zurückzulegender steiler Stadt-Pfade, auf die Rippen schlagende Hospitality. Der jährlich neu errichtete SCOR-Pavillon etwa soll über eine Mllion Euro kosten, der des Mitbewerbers Swiss Re dürfte nicht wesentlich günstiger sein. Makler heuern zudem ganze „tätowierte Autoflotten“ an, also komplett mit Werbung zugekleisterte PKW.

Ein deutscher Pressekollege stellt bereits seit Jahren in den Medienkonferenzen immer wieder mantrahaft die pointierte Frage, ob denn eine Teilnahme am Event nach ökologischen Kriterien vertretbar sei. Zudem hätte Monte Carlo den Ruf als unmoralische Steuer- und Geldwäscheoase, eben ein „sunny place for shady people.“ Nun hat COVID-19 für die geforderte Askese gesorgt.

Die Lage für Baden-Baden und DKM

Die Eliminierung des sonnen gesegneten Konkurrenten könnte dem fünfeinhalb Wochen später angesiedelten Rückversicherer Kongress in Baden-Baden zugutekommen, der vom 18. bis 22. Oktober 2020 stattfindet. Nora Waggershauser, Geschäftsführerin der Baden Baden Kur & Tourismus GmbH, erklärte am Telefon, man erhalte immer noch Reservierungen von Teilnehmern. Mitte oder Ende Mai werde die Situation neu bewertet, nicht zuletzt im Licht von staatlichen Einschränkungen für Großveranstaltungen.

Per Email erklärte eine Mitarbeiterin der Baden-Baden Kur & Tourismus auf VWheute-Anfrage: “ Wir sind bzgl. des Meetings positiv gestimmt und dieses wird nach aktuellem Stand entsprechend stattfinden. Bis Oktober sind es noch einige Monate und deshalb gehen wir vom Besten aus.“ Zu eventuellen Beschränkungen des Events wie Abstandsregeln können sie „noch nichts sagen“.

Es ist eine interessante Frage, wie die Rückversicherungs-Branche sich organisatorisch aufstellen wird, wenn beide maßgebenden Events ausfallen. Werden die Geschäfte online abgeschlossen oder wird gar gegen Ende des Jahres ein Ersatztermin gefunden, die Zeit wird es zeigen. Problematisch wäre ein neues Datum nicht nur wegen der geringen Vorbereitungszeit, sondern auch, weil in diesen Wochen traditionell die zuvor in Monaco und Baden-Baden angebahnten Geschäfte finalisiert werden.

Fraglich ist neben den Rückversicherungsevents auch der Status der Fachmesse DKM, die in diesem Jahr vom 27. bis 29. Oktober stattfinden soll. Fällt Baden-Baden, dürfte auch die DKM in Dortmund storniert werden, die rund eine Woche später öffnet. VWheute hat beim Veranstalter angefragt, doch bis Redaktionsschluss auf eine kurzfristige Anfrage keine Antwort erhalten, nach Erhalt wird sie nachgereicht. Ein Ausfall käme einem weiteren Schlag für die coronagebeutelte Versicherungsbranche gleich, werden doch in der Westfalenhalle jedes Jahr zukunftsträchtige Geschäfte verhandelt und abgeschlossen sowie Kontakte geknüpft.

In der Hand der Veranstalter liegt die Entscheidung nicht. Bund und Bundesländer werden bestimmen, ob, wann und wie Großveranstaltungen bis zum Ende des Jahres stattfinden können. Bisher bleiben sie „bis mindestens 31. August 2020“ untersagt.

Autor: Philipp Thomas

Anmerkung der Redaktion: Um Missverständnisse vorzubeugen wurde im vorletzten Absatz die ursprüngliche Formulierung “ Auf eine Anfrage von VWheute reagierte der Veranstalter nicht“, in die oben genannte Form überführt.

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