Guido Bader: „Aktuare sind weit mehr als die Rechenknechte in den Versicherungen“

Ob gesetzliche oder private Rente: Über die Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland wird derzeit heftig diskutiert. Welche Herausforderungen dabei zu bewältigen sind und welche Rolle die Aktuare dabei spielen, erläutert Guido Bader, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung, im Exklusivinterview mit VWheute.

VWheute: Was meinen Sie damit, die Altersvorsorgedebatte zu versachlichen. Nennen Sie ein Beispiel, an der das Not tut.

Guido Bader: Ein solides und zukunftssicheres Altersvorsorgesystem ruht auf dem Fundament langfristig orientierter Entscheidungen. Beim Blick auf die Berichterstattung der vergangenen Jahre über die deutsche Rente kann man aber schnell den Eindruck bekommen, die politischen Entscheidungsträger stehen am Start eines Kurzstreckenrennens statt eines Marathons. Aber niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass sich unser Rentensystem durch Schnellschüsse reformieren lässt. Die wissenschaftlich verbrieften Wahrheiten über die Zukunftsfähigkeit sowohl der umlagefinanzierten als auch der kapitalgedeckten Systeme liegen auf dem Tisch, nur sie finden in den politisch motivierten Diskussionen zu wenig Beachtung.

Wir brauchen eine ideologiefreie Debatte über die Zukunft unseres Rentensystems. Ich bin sehr gespannt auf die Vorschläge der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission, die sicherlich weit über das Jahr 2030 hinaus denkt. Denn ab dann steigt der Druck auf die umlagefinanzierte Altersvorsorge enorm. Und bis die Analysen der Rentenexperten vorliegen, sollten keine weiteren folgenschweren Entscheidungen über die Zukunft der Rente getroffen werden. Denn damit würde man dieser wichtigen Rentenkommission die Legitimation und Glaubwürdigkeit entziehen.

VWheute: Welche Fakten in der Altersvorsorge fallen ihrer Meinung nach unter den Tisch?

Gudio Bader: Der demografische Wandel ist die größte Herausforderung für unsere Sozialsysteme. Das Statistische Bundesamt hat dies vor wenigen Wochen noch einmal eindrücklich skizziert: Trotz der hohen Nettozuwanderung und der leicht steigenden Geburtenrate wird die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter bis 2035 von derzeit rund 52 Millionen auf 45,8 bis 47,4 Millionen sinken, während die Gruppe der Senioren in den kommenden 20 Jahren von 16 auf mindestens 21 Millionen wächst.

Diesem demografischen Druck kann unser Rentensystem nur durch eine gute Mischung und Streuung in der Altersvorsorge standhalten. Das bedeutet, dass wir neben der weiterhin tragenden 1. Säule starke betriebliche und private Altersvorsorgesysteme brauchen. Hierfür muss die Politik die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, ohne einzelne Vorsorgeformen zu diskriminieren. 

VWheute: Sind Emotionen in der Altersvorsorgedebatte nicht nötig und legitim, Stichwort: Altersarmut.

Guido Bader: Selbstverständlich sind Emotionen erlaubt. Aber die Debatten müssen mit Leidenschaft und Emotionen für die Fakten geführt werden. Niemandem ist in dieser gesellschaftsrelevanten Frage geholfen, für eine Aufmerksamkeit steigernde Schlagzeile die faktisch verbrieften Wahrheiten aus den Augen zu verlieren. Und zu diesen Wahrheiten gehört leider auch, dass sich eine solide Altersvorsorge von morgen für viele Bevölkerungsgruppen nur über Konsumverzicht heute finanzieren lässt. Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig mit seiner Altersvorsorge auseinanderzusetzen, statt diese durchaus unangenehmen Fragen auf später zu verschieben. Hier ist nach meiner Überzeugung auch die Politik gefordert, sich dem öffentlichen Diskurs zu stellen, welche Auswirkungen ein Konsumverzicht zugunsten der Altersvorsorge für die derzeit so wichtige Binnennachfrage hätte.

VWheute: Wie wird sich die Altersvorsorge künftig entwickeln, staatlich und in der Versicherungswirtschaft?

Guido Bader: Ich denke, meine Vorbemerkungen haben es deutlich gemacht: Deutschlands Altersvorsorgesysteme stehen vor einer Zäsur. Der Drei-Generationen-Vertrag wird durch den demografischen Wandel mehr und mehr in Frage gestellt, wodurch die gesetzliche Rente künftig kein lebensstandardsicherndes Niveau mehr erreichen kann. Für jeden einzelnen bedeutet dies, es muss zusätzliche Altersvorsorge betrieben werden. Deshalb wird die Altersvorsorge in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einem großen Wachstumsmarkt.

Um die Versorgungslücken zu schließen, gibt es zweifellos neben versicherungsförmigen Lösungen zahlreiche weitere Spar- und Anlageformen: von Immobilien über Bank- bzw. Fondssparpläne bis hin zu Aktien und anderen Substanzwerten. Doch all diese Kapitalanlageformen erfüllen ein elementares Bedürfnis der Deutschen nicht: den Wunsch nach Sicherheit in Form einer lebenslangen Rentenzahlung. Dieses Alleinstellungsmerkmal besitzen nur die betriebliche Altersversorgung und die Vorsorgelösungen der Lebensversicherer.

Aber auch die Versicherungsunternehmen müssen ihre Produkte weiterentwickeln, um den geänderten Kapitalmarktwirklichkeiten und Vorsorgewünschen der Menschen Rechnung zu tragen. Die Aktuare betonen dies bereits seit langem und haben sowohl in den Unternehmen als auch gegenüber der Politik frühzeitig für die Einführung flexibler Altersvorsorgeprodukte geworben und solche entwickelt.

VWheute: Sie kritisieren, dass Solvency II durch übergeordnete politische Ziele (Nachhaltigkeit und Klimawandel) verwässert werden könnte. Das könnenicht im Interesse der Bürgerinnen und Bürger sein. Gibt es nicht wichtigere gesellschaftliche Ziele als Risikobemessung bei der Kapitalanlage?

Guido Bader: Das Vertrauen in politische Entscheidungen beruht in erheblichem Maße auf der Schaffung von Transparenz. Derzeit beobachten wir aber genau das Gegenteil. Wir sehen eine Gefahr, die Kapitalanlage der institutionellen Anleger zu missbrauchen, um durch die Hintertür politische Ziele zu erreichen. Solvency II wurde geschaffen, um Risiken möglichst genau zu messen. Daher fordern wir, den Grundsatz „same risk – same capital“ auch künftig zu berücksichtigen.

Wenn dieser wegweisende Ansatz zugunsten übergeordneter politischer Ziele geopfert werden soll, dann ist das eine bewusst gefällte politische Entscheidung – mit allen Konsequenzen. Unsere Aufgabe als DAV und als Risikomanager in den Versicherungen ist es, sowohl der Politik als auch den Versicherungsnehmern frühzeitig die möglichen Folgen eines solchen politischen Richtungswechsels darzulegen. Ich denke, hier stehen wir erst ganz am Anfang einer öffentlichen Diskussion, die wir als Aktuare stets aktiv begleiten werden.

VWheute: Sie sagen, dass wegen Big Data und Digitalisierung aktuarielle Routinearbeiten der Aktuare von Algorithmen übernommen werden. Die Rolle der Aktuare werde sich dadurch zum positiven wenden, können Sie das näher erläutern?

Guido Bader: Das Berufsbild des Aktuars ist im steten Wandel. Früher haben wir Kopfschäden in der Krankenversicherung quasi per Hand berechnet. Heute sind die Aktuare als Produktentwickler, Sparringspartner für Start-up-Unternehmen oder Kapitalanleger tätig. Und der nächste Schritt ist, dass sie im Digitalzeitalter zu KI-Prüfern werden. Denn bei aller Technikgläubigkeit und den gefühlt unbegrenzten Möglichkeiten von Big Data und Künstlicher Intelligenz müssen wir aufpassen, dass die Algorithmen nicht zur unkontrollierbaren und unüberwachten Black Box werden.

Dies verlangt im Übrigen auch die Europäische Versicherungsaufsicht EIOPA. Denn die Verbraucher würden das Vertrauen in die Versicherungen verlieren, wenn ausschließlich Algorithmen ohne menschliche Moralvorstellungen Entscheidungen treffen. Genauso wie es Wirtschaftsprüfer für die Kontrolle der Unternehmen gibt, brauchen wir künftig Qualitätsmanager, die die rechtlichen Vorgaben kennen und auf Grundlage verbindlicher Standards die Ergebnisse der Algorithmen überprüfen, analysieren und interpretieren. Hierfür sind die Aktuare mit ihrer jahrzehntelangen Expertise im Umgang mit sensiblen, personenbezogenen Daten sowie ihrem spezifischen versicherungsmathematischen Know-how hervorragend qualifiziert.

VWheute: Sie wollen die Aktuare bekannter machen, wie soll das bei ihrem schwer durchschaubaren Themengebiet gelingen?

Guido Bader: Lassen Sie mich etwas provokant sagen: Unsere moderne Welt würde ohne Mathematik nicht funktionieren. Dieser Text wäre hier online gerade nicht lesbar. Und auch unsere privaten wie sozialen Sicherungssysteme würden ohne Finanz- und Versicherungsmathematik nicht funktionieren. Ich bin davon überzeugt, dass wir Aktuare in vielen Bereichen des täglichen Lebens einen sehr wichtigen Beitrag leisten. Denn wir Aktuare sind weit mehr als die Rechenknechte in den Versicherungen.

Dies werden wir in der Zukunft noch stärker kommunizieren und werden uns stärker in öffentliche Debatten einbringen, wo wir mit unserem speziellen Know-how einen Mehrwert schaffen können. Neben der Altersvorsorge gehört dazu beispielsweise auch die Frage der langfristigen Tragfähigkeit der Kranken- und Pflegeversicherung oder die Absicherung von Cyberrisiken.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.