Neue Arbeitszeitmodelle: Wie verändert Corona die Unternehmenskultur der Versicherer?

Quelle: Bild von Malachi Witt auf Pixabay

Mit Corona hat sich die Arbeitskultur bei den Banken und Versicherern grundlegend verändert. Viele Konzerne haben einen Großteil ihrer Belegschaften ins Homeoffice geschickt. Wie sich die Pandemie auf die Unternehmenskultur auswirkt, hat Sopra Steria in Zusammenarbeit mit dem F.A.Z.-Institut untersucht.

Trotz Digitalisierung und neuer Ansätze wie der Einführung agiler Methoden konnten Finanzdienstleister bislang an ihren grundlegenden Arbeitsmodellen festhalten. Allerdings fällt das kulturelle Umdenken laut Analyse in der Finanzbranche besonders stark aus.

Während beispielsweise in der verarbeitenden Industrie nur 37 Prozent der Unternehmen angeben, dass die Pandemie bei ihnen eine Veränderung der Unternehmenskultur bewirkt habe, kommen die Finanzdienstleister mit 62 Prozent auf einen deutlich höheren Wert. Damit liegen Banken und Versicherer klar über dem Durchschnitt aller befragten Branchen (48 Prozent).

Aber: Um dauerhaft einen relevanten Platz in den digitalen Ökosystemen ihrer Kunden zu finden, sollten die Finanzdienstleister weiter hart an sich arbeiten und vor allem lernen, eigene Schwächen besser zu erkennen. “Wie unsere Studie zeigt, hinken Banken und Versicherungen hier anderen Branchen wie etwa der Industrie und in Teilen sogar der öffentlichen Verwaltung hinterher”, erläutert Finanzdienstleistungsexperte Martin Stolberg.

Dabei würde die Branche sehr genau wissen, welche Stellhebel eigentlich zu bedienen sind, so die Studie: transparente und digitalisierte Prozesse einziehen (77 Prozent Zustimmung), konstruktiv mit Fehlern umgehen (77 Prozent), das Silodenken überwinden (74 Prozent) sowie insgesamt eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre schaffen (73 Prozent).

“Derart resiliente Geschäftsmodelle werden dafür sorgen, dass einem nicht jedes neue oder prominente Digital Icon auf dem Smartphone der Kunden die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Es ist Zeit, sich von der Beratung des 20. Jahrhunderts zu lösen. Zeit, Ort und Kanal bestimmt die Kundin oder der Kunde. Das tradierte Modell der Öffnungszeiten, gekoppelt an starre Wochenstunden-Tarifverträge, ist mittlerweile überholt. Hier besteht in der Finanzwelt eine echte Chance, sich mit Beratung, wann und wo Kunden das möchten, Wettbewerbsvorteile zu erarbeiten.”

Martin Stolberg, Finanzdienstleistungsexperte bei Sopra Steria

“Gerade zu Beginn der Pandemie haben die Finanzdienstleister viel Lob von ihren Kunden dafür erhalten, dass diese ihre Finanzangelegenheiten trotz Lockdown weiter ziemlich reibungslos erledigen konnten. Damit war und ist aber auch die klare Erwartungshaltung der Kunden verbunden, dass die etablierten Finanzdienstleister nicht nur Onlineberatung anbieten, sondern sich die Beratung zeitlich, örtlich und inhaltlich an den Kunden orientiert”, erläutert Stolberg.

Allerdings dürfe die generelle Auswirkung der Pandemie auf den Digitalisierungsprozess nicht überschätzt werden, stellte Torsten Oletzky, Professor für Strategie im Versicherungswesen an der TH Köln, bereits im November 2020 klar. “Arbeiten aus dem Homeoffice ist noch keine Digitalisierung.” Die Pandemie habe allerdings den Stellenwert der Digitalisierung noch deutlicher gemacht. Längerfristig, so der Versicherungsexperte, sei der Trend klar: “Die Entwicklung geht immer mehr weg von den reinen Inhouse-Lösungen hin zu externen und standardisierten Software- und Cloudlösungen.”

Für Thomas Bittner, Geschäftsführer der Organomics GmbH, “war die Pandemie schon ein großer Treiber, sozusagen ein ‘Homeoffice-Turbo’. Und viele Führungskräfte, die dem Thema Homeoffice eher skeptisch gegenüber stehen, konnten sich auch nicht mehr dagegen wehren. Und siehe da, es funktioniert. Mehr als ein Drittel der Befragten beobachtet sogar, dass die Produktivität rauf und der Krankenstand heruntergeht.”

Für Ulrich Leitermann, Vorstandschef der Signal Iduna, wäre es hingegen fatal, “wenn wir alle im Homeoffice arbeiten und uns dabei schleichend entfremden”. Gleichzeitig sei “die Corona-Krise auch eine Chance: Unternehmen, die kundenzentriert und digital aufgestellt sind, können gerade in Zeiten wie diesen erstklassigen Service bieten und ihre Stellung am Markt stärken.”

Für die Allianz scheint das ursprüngliche Provisorium Homeoffice eine Dauerlösung zu werden: “Jetzt sehen wir, dass wir zentrale Betriebsfunktionen virtuell darstellen können”, konstatierte Allianz-Vorstand Christoph Mascher bereits im August 2020. “Wir können digital um einen Tisch sitzen. Deswegen werden wir künftig mit kleineren Büros arbeiten“, betont der Versicherungsmanager gegenüber dem Handelsblatt.

Dadurch scheint sich der Münchener Versicherungskonzern augenscheinlich auch erhebliches Einsparpotenzial zu versprechen. “Die Standorte müssen überprüft werden, es geht vor allem um die Ausstattung”, so Mascher.

Autor: VW-Redaktion

Ein Kommentar

  • diese “positiven” Einschätzungen kann ich als Versicherungsmakler nicht teilen.
    Die Erreichbarkeit von kompetenten Ansprechpartnern bei Anfragen, zu schweigen bei Problemstellungen, ist schlechter geworden. Teamarbeit scheint kaum noch stattzufinden, keiner fühlt sich zuständig bzw. der / diejenigen, die zuständig wären sind wegen homeoffice nicht erreichbar.
    Die Kundenorientierung hat nachgelassen bei Vorgängen, die nicht in den Minimal-Standard oder in die engen vorgegebenen Regeln passen.

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