Munich Re-CEO Wenning: „Es gibt potenziell ruinöse Großrisiken wie Pandemie-, Cyber- und Kriegsschutz“

Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender der Munich Re. Quelle: Munich Re

Der Krieg in der Ukraine tobt unvermindert weiter. Die Ratingagentur S&P rechnet derzeit mit einer Schadenbelastung für die Versicherer zwischen 16 und 35 Mrd. Dollar. Gleichzeitig hält sich die Munich Re mit einer Schätzung auffallend zurück.

„Wenn Sie mich fragen, welche Belastung am Ende ganz konkret aus den von uns rückversicherten Risiken für die Munich Re entstehen könnte, dann muss ich Ihnen sagen, dass das im Moment niemand seriös abschätzen kann“, konstatiert Konzernchef Joachim Wenning. Mehr Sorgen scheinen ihm die Absicherung von Cyberrisiken und Naturgefahren zu machen.

So habe der Rückversicherer zwar die Kriegsgefahren „in Extremszenarien im Blick. Aber wir modellieren sie nicht annähernd so präzise wie etwa Naturkatastrophen. Dafür fehlen jegliche Grundlagen. Außerdem gilt: Krieg ist nicht versicherbar, weil er ruinös ist. In den wichtigsten Sparten wie Personen- oder Sachversicherungen sind Kriegsschäden deshalb ausgeschlossen“, betont Wenning im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Dabei rechnet der Konzernchef nicht damit, dass letztlich Gerichte die Frage klären müssen, ob Schäden unter den Kriegsausschluss fallen. „In den Hauptsparten sehe ich dieses Risiko nicht, weil Kriegsschäden explizit ausgeschlossen sind. Bei den Spezialversicherungen, zum Beispiel Luftfahrt, Schifffahrt oder Transport, können Kriegsschäden direkt oder indirekt mitversichert sein. Ob die reklamierten Kriegsschäden hierunter fallen, wird sich in der Realität zeigen müssen. Da es für einige Beteiligte um sehr viel Geld geht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass solche Fragen letztlich juristisch entschieden werden, relativ hoch“, so Wenning.

Mehr Sorgen bereiten dem Versicherungsmanager indes die Versicherbarkeit von Cyberrisiken. So könne der Rückversicherer angesichts des Ukraine-Krieges „bislang weder eine höhere Intensität noch eine höhere Aggressivität bei Cyberangriffen feststellen. Aber das kann sich schnell ändern. Was die Cyberversicherungen angeht, so gibt es weltweit keine einheitlichen Policenbedingungen. Aber stets ist intendiert, von Staaten ausgehende Attacken, sogenannten Cyberwar, von der Haftung auszuschließen.“

Allerdings sollte man, so Wenning, „vor Cyberrisiken einen gehörigen Respekt haben. Wie bei allen potenziell ruinösen Risiken limitieren wir unsere Kapazitäten stets auf ein von uns tragfähiges Niveau.“ Einen vollständigen Schutz könne man aber „unmöglich bieten. Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich.“ Dabei will die Munich Re künftig keine Cyberversicherung für Großkonzerne anbieten.

Eine Cyberattacke etwa gegen Fabriken eines größeren Industrieunternehmens ist für Wenning nicht mehr versicherbar, da der Schaden bei einem weitgehenden oder kompletten Produktionsausfall schnell in die Milliarden-Eurosummen gehe. „Dabei würden wir uns verheben, das können wir uns nicht leisten“, sagte der CEO von Munich Re jüngst beim Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten. Nur bis zu einem bestimmten Umsatz könne man Firmen noch Cyberversicherungen anbieten.

„Es gibt potenziell ruinöse Großrisiken wie Pandemie-, Cyber- und Kriegsschutz. Selbst diese Risiken überlassen wir nicht allein dem Staat, sondern tragen als Versicherer zu einer wirtschaftlich vernünftigen Lösung bei. Enttäuschend finde ich nur, dass es so lange dauert, bis der Ordnungsrahmen steht.“

Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender der Munich Re, gegenüber dem Handelsblatt

Staatliche Beteiligung bei Schutz gegen Cyberrisiken und Naturgefahren

Unversicherbar sind aus Wennings Sicht vor allem auch Attacken auf öffentliche Infrastrukturen. „Ein flächendeckender Stromausfall – ein sogenannter Blackout – könnte nach heute gängigen Schätzungen in einem westlichen Industrieland Schäden zwischen einer und sechs Billionen Dollar nach sich ziehen. Genauer lässt sich das bislang nicht eingrenzen, weil der Präzedenzfall dafür zum Glück noch nicht eingetreten ist.“

Vielmehr sei Wenning „davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft eine Poollösung mit staatlicher Gewährleistung benötigen. Dabei würde die Versicherungsbranche ein Mindestmaß an Haftung übernehmen. Das wäre aber der deutlich kleinere Teil, den Rest kann nur der Staat tragen.“

Für ein vergleichbares Modell plädiert der CEO der Munich Re auch bei der Absicherung durch Elementarschäden: „Wenn sich der Staat für eine Pflichtversicherung entscheidet, können wir das als Versicherungswirtschaft darstellen. Es muss jedoch risikoadäquate, individuelle Preise geben. Staatlich verordnete Einheitspreise werden nicht funktionieren“.

Dabei rechnet der Versicherungsmanager noch in diesem Jahr mit weiteren Fortschritten: „Der Branchenverband GDV bemüht sich, dass die Elementarschadenversicherung in neue und bestehende Wohngebäude- und Hausratpolicen eingeschlossen wird. Dazu ist eine gesetzliche Grundlage erforderlich. Ich hoffe, dass sich der Gesetzgeber noch 2022 entscheidet. Dann würde die Abdeckungsquote für Elementarschäden schnell und deutlich steigen.“

Gleichzeitig hält Wenning an seiner Strategie der Abkehr von Gas, Kohle und Öl weiterhin fest: „Wir werden an unseren Zielen festhalten. Naturkatastrophen nehmen weltweit wegen des Klimawandels zu. Die Belastungen lagen in der letzten Dekade jedes Jahr im Schnitt bei 200 Milliarden Euro weltweit. Im letzten Jahr waren es 250 Mrd. Euro – Tendenz steigend. Wenn wir nicht umschwenken, werden die volkswirtschaftlichen Schäden noch weitaus größer werden.“

Nach Angaben des Rückversicherers verursachten die Unwetter des vergangenen Jahres einen Gesamtschaden von 280 Mrd. US-Dollar. Davon waren etwa 120 Mrd. US-Dollar versichert. Für die Branche war es nach 2005 und 2011 das zweitteuerste Naturkatastrophenjahr (2017: 146 Mrd. US-Dollar).

Laut Rückversicherer entfiel ein wesentlicher Anteil der Schäden auf die Naturkatastrophen in den USA: Rund 145 Mrd. US-Dollar, davon waren etwa 85 Mrd. US-Dollar versichert. Die Gesamtschäden und die versicherten Schäden lagen deutlich über denen der Vorjahre (Gesamtschäden 2020: 100 Mrd. US-Dollar, 2019: 52 Mrd. US-Dollar; versicherte Schäden 2020: 67 Mrd. US-Dollar, 2019: 26 Mrd. US-Dollar).

Wenning sieht sich auf Kurs

Insgesamt ist Wenning jedoch mit seiner bisherigen Bilanz zufrieden: „Die ersten fünf Jahre waren davon geprägt, Ertragskraft und Rendite zu steigern. Zu Beginn meiner Amtszeit lag das Jahresergebnis bei etwa zwei Milliarden Euro, heute liegt es 50 Prozent darüber. Die Eigenkapitalrendite betrug unter zehn Prozent, heute ist sie deutlich darüber und 2025 bei bis zu 14 Prozent. Unsere Strategie funktioniert.“

Die Zahlen scheinen der Munich Re augenscheinlich recht zu geben. Unter dem Strich erzielte der Rückversicherer im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Gewinn von 2.932 Mio. Euro (2020: 1.211 Mio. Euro) und hat damit das Gewinnziel von 2,8 Mrd. Euro übertroffen. Das operative Ergebnis des Geschäftsjahres 2021 stieg im Vergleich zum Vorjahr deutlich auf 3.517 Mio. Euro (2020: 1.986 Mio. Euro). Die Prämieneinnahmen stiegen auf 59,6 Mrd. Euro und lagen damit 8,5 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Das Geschäftsfeld Rückversicherung steuerte im Geschäftsjahr 2021 insgesamt 2.328 Mio. Euro (2020: 694 Mio. Euro) zum Konzernergebnis bei. Im Lebengeschäft erzielte der Rückversicherer einen Gewinn von 325 Mio. Euro (2020: 123 Mio. Euro). Die Schaden/Unfall-Rückversicherung erzielte 2021 einen Ergebnisbeitrag von 2.003 Mio. Euro (2020: 571 Mio. Euro). Allerdings verzeichnete der Rückversicherer auch eine hohe Schadenbelastung: Die Großschäden aus Naturkatastrophen summierten sich auf 3,1 Mrd. Euro (2020: 906 Mio. Euro). 

Auch mit der Entwicklung der Konzerntochter Ergo zeigt sich Wenning zufrieden: „Inzwischen haben wir die Sanierung von Ergo abgeschlossen. Der Bereich hält sehr gut im Wettbewerb mit und trägt substanziell zum Gruppenergebnis bei. Bis 2025 soll Ergo eine Rendite von zwölf bis 14 Prozent erreichen. Der Anspruch ist, dass Ergo 2025 technologisch zur Spitze in der Branche gehört.“

Gleichzeitig zeigt sich der Konzernchef weiterhin offen für Zukäufe. Allerdings: „Große Übernahmen stehen bei uns momentan nicht im Fokus. So viele ganz gute Gelegenheiten gibt es auch gar nicht. Wenn die sich ergeben sollten, sind wir zur Stelle“, betont Wenning. Allerdings sei ein „Zukauf in der Erstversicherung am wahrscheinlichsten“.

Konkrete Pläne für die Zeit nach dem Ende seines aktuellen Vertrages im Jahr 2026 scheint Wenning wohl (noch) nicht zu haben – zumindest nicht offiziell: „Dann werde ich 61! Mehr möchte ich zu diesem Thema nicht sagen.“

Autor: VW-Redaktion

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