Gothaer wächst bei Einnahmen, „Bernd“ weitgehend rückversichert

der Der Gothaer Konzernvorstandsvorsitzende Oliver Schoeller. Quelle: Unternehmen.

Die Flutschäden durch das Mega-Tief „Bernd“ hat die Gothaer Versicherung deutlich getroffen. „Wir rechnen mit einem Schaden von rund 530 Millionen Euro“, sagte der Konzernvorstandsvorsitzende Oliver Schoeller anlässlich der Vorstellung erster Geschäftsergebnisse für das Jahr 2021. Dennoch wuchs das Unternehmen und lässt die Elementarbeiträge unangetastet. Zum Schluss hatten die Kölner noch ein Energieprojekt-Ass im Ärmel.

Zwar sei die Gothaer Allgemeine durch die Schäden der Flutkatastrophe Bernd stark geprägt, doch über einen hohen Rückversicherungsanteil sei der Aufwand abgefedert worden. So stieg die Combined Ratio nur um 6,8 Prozentpunkte auf nun 99,6 Prozent. Rund 480 Millionen Euro der Flutschäden seien schon „in den Büchern“, der Rest entfiele auf späte Schadenmeldungen. „Wir werden unsere Prämien in der Elementarschadenversicherung nicht wegen Bernd erhöhen“, sagte Thomas Bischof, Vorstandsvorsitzender der Gothaer Allgemeine Versicherung. Grundsätzlich würden die Elementarrisiken ständig überprüft und die Prämien regelmäßig angepasst. Zudem würden die Zonierungen neu festgelegt. Weiterhin versprach aber Bischof, dass jede Bestandsimmobilie in Deutschland Versicherungsschutz gegen Naturgefahren erhalten werde. „Das haben wir in der Branche über den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft so vereinbart“, erläuterte Bischof. Bei Neubauten sollten die Behörden aber mit den Versicherern kooperieren, damit dem Flutschutz von Anfang an Rechnung getragen werde.

Keine Beteiligung am KMU-Preiskampf

Während der Industriemarkt von der Gothaer weiterhin als „hart“ eingestuft wird, würde die geringe Mobilität durch die Pandemie den Kunden als „weicher Markt“ zugutekommen. An einem Preiskampf um den Gewerbekunden und Mittelstand will sich die Gothaer Versicherung aber nicht beteiligen. „Extrem billig ist bei der Versicherung von Mittelständlern nicht die beste Antwort“, sagte Bischof. Es komme auf die Kompetenz des Versicherers bei oft komplexen Lösungen und im Schadenfall an. Hier sieht sich der Kölner Versicherer besonders gut aufgestellt. Die Kunden könnten nach ihrer Risikostruktur beraten werden. Nach eigenen Angaben hat die Gothaer derzeit über 370.000 Unternehmerinnen und Unternehmer aus dem Mittelstand unter Vertrag.

Wachstum über Markt

„Trotz Pandemie ist der Gothaer Konzern 2021 mit einer Steigerung der Beitragseinnahmen um 2,4 Prozent auf 4,6 Milliarden Euro über den Markt gewachsen“, so Schoeller. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) würde die Branche insgesamt nur ein Beitragsplus von rund zwei Prozent erzielen. Bei der Gothaer hätten alle Sparten zum Wachstum beigetragen. Die Gothaer Allgemeine konnte die Beiträge um 3,3 Prozent auf 2,0 Milliarden Euro steigern. Der Markt sei hingegen nur um rund 2,2 Prozent gewachsen. Die Bruttoeinnahmen bei der betrieblichen und privaten Altersvorsorge stiegen um 0,7 Prozent auf 1,31 Milliarden Euro.

Zahlen der Gothaer 2021. Quelle: Gothaer

Kunden legen nachhaltig an

Das Neugeschäft nahm hier aber um 21 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro Beitragssumme netto zu. Grund sei ein neues Produkt, bei dem die Anleger nachhaltig investieren könnten. Hiervon würden 75 Prozent bereits Gebrauch machen. Zudem würden sich viele Kunden in der privaten Altersvorsorge noch die alten Garantiewerte sichern. Ab 2022 sinkt der Höchstrechnungszins von 0,9 auf 0,25 Prozent. Auch die private Krankenversicherung der Gothaer konnte in 2021 zulegen. Sie erzielte ein Beitragsplus von 2,2 Prozent. Überwiegend resultiert das Plus aber aus dem Geschäft mit privaten Zusatzversicherungen. So stieg die Zahl der Versicherten Personen hier um 23,2 Prozent auf rund 561.000. In dieser Zahl verstecken sich auch Neukunden aus dem Bereich der betrieblichen Krankenversicherung (bKV), die nach Angaben der Gothaer um sage und schreibe 86 Prozent zulegen konnte. Wie viele Kunden die Gothaer in der bKV insgesamt unter Vertrag hat, wollte das Unternehmen aber nicht verraten. „Die Zahlen nennt in der Branche niemand“, verteidigte Sylvia Eichelberg, Vorstandsvorsitzende der Gothaer Krankenversicherung die Haltung der Kölner Assekuranz.

Gothaer will Energiewende mit mittelständischen Kunden realisieren

Neben den Zahlen haben die Kölner auch ein neues Projekt vorgestellt. 500 mittelständische Kundinnen und Kunden möchte die Gothaer Versicherung bei ihrer Energiewende helfen. Wer mitmacht, erhält auf seine Sachversicherungsprämien einen Nachlass von zehn Prozent.

„Denn die Kooperation setzt den Willen zur Transformation voraus und ist nicht zum Nulltarif erhältlich“, sagte Vorstand Bischof. Die Kunden müssten sich verpflichten, etwa ihre Flotte oder ihren Gebäudebestand energetisch vollkommen zu verändern. Ziel sei es, den CO₂-Ausstoß der kooperierenden Kunden in den nächsten fünf Jahren um 50 Prozent zu senken. Bischof: „Wir zeigen auf, wie so ein positiver Business-Case funktionieren kann und können über unsere Netzwerkpartner auch zur Finanzierung der jeweiligen Energiewende beitragen“.

Sofortige Anmeldung möglich

Die Initiative nennt sich „500-50-5“, bezogen auf 500 Unternehmen, 50 Prozent CO₂-Reduktion und den Zeitraum von 5 Jahren. Unternehmerinnen und Unternehmer, die mitmachen wollen, können sich sofort registrieren lassen. Dafür hat die Gothaer eine neue Website gestartet. Als einen typischen Referenzkunden stellte die Gothaer den Handwerksbetrieb Böhm E|Mobility aus Troisdorf vor. Das Unternehmen habe es bereits geschafft, 80 Prozent der eigenen Flotte mit E-Fahrzeugen auszurüsten und würde gleichzeitig selbst umfassend mit dem Aufbau von Elektrotankstellen für die Energiewende stehen.

Mittelstand soll Klimawandel tragen

„Der Mittelstand ist Dreh- und Angelpunkt des Klimawandels“, sagt Vorstandschef Schoeller. Laut ihm steht die gesamte deutsche Gesellschaft vor einer Mammutaufgabe: Bis 2030 müssten jährlich 33 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen eingespart werden. Nach eigenen Angaben hat die Gothaer über 370.000 mittelständische Unternehmen unter Vertrag. Sie sei daher besonders geeignet, die Herausforderungen der Mittelständler bei der Energiewende zu begleiten.

Kostenlose Analyse

Im ersten Schritt erhalten die Teilnehmer der neuen Initiative eine kostenlose Analyse, um ihren CO₂-Fußabdruck mit wenigen Eingaben zu berechnen. „Basierend auf diesen Ergebnissen werden wir gemeinsam mit den Unternehmen erste Maßnahmen zur Reduktion ihres CO₂-Ausstoßes entwickeln und Fördermöglichkeiten aufzeigen“, so Schoeller. Zum Netzwerk der Gothaer gehören Klima-Experten wie das Beratungshaus Climate Partner, Anbieter von Infrastruktur für E-Mobilität oder Solaranbieter wie Wegatech.

Der Gothaer Konzern hat nach eigenen Angaben bereits 1,3 Milliarden Euro in Kapitalanlagen der Erneuerbaren Energien investiert und arbeitet daran, seinen Deckungsstock nachhaltiger zu gestalten. Der Anteil der klassischen Anlagen wurde seit 2019 von 77,3 auf 68 Prozent reduziert.

Autor: Uwe Schmidt-Kasparek

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