Montagskolumne: Warum sich Reiner Will über eine Explosion auf der Großbaustelle Pflege sorgt
 Top-Entscheider exklusiv 

Reiner Will ist geschäftsführender Gesellschafter und Mitbegründer der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur. Quelle: Assekurata - von der Redaktion bearbeitet

Der dritten Corona-Welle soll eine zweite Corona-Prämie folgen. Nachdem bereits alle Beschäftigten, die in der Zeit vom 1. März 2020 bis 31. Oktober 2020 mindestens drei Monate lang in einer zugelassenen Pflegeeinrichtung tätig waren, Anspruch auf eine Prämie zwischen 100 und 1.000 Euro hatten, sollen nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nun weitere 1.500 Euro folgen.

Die Idee stößt politisch auf breite Akzeptanz. Kritisiert wird jedoch, dass nur Klinikmitarbeiter und nicht auch Altenpfleger profitieren sollen. Ein Bonus für die besondere Belastung und Leistung in der dritten Corona-Welle ist unzweifelhaft angebracht und als Wertschätzung geboten. Jedoch darf dies nicht von der Frage einer allgemein adäquaten Vergütung der Pflege ablenken, aber auch hier tut sich etwas.

Unterstützt durch Finanzminister Olaf Scholz will Arbeitsminister Hubertus Heil die Löhne in der Altenpflege per Gesetz erhöhen. Laut ihrem Entwurf soll es für die Betreiber von Pflegeeinrichtungen nur noch dann Geld aus der Pflegeversicherung geben, wenn sie mindestens den Tariflohn zahlen.

Vermutlich ist es Zufall, dass sich kurz vor den anstehenden Bundestagswahlen viele Politiker beim Thema Pflege mit Boni und verbindlicherer Vergütung medial besonders ins Zeug legen. Die Pflegeleistung einerseits fair und andererseits so attraktiv zu vergüten, um dem steigenden Mitarbeiterbedarf gerecht zu werden, sind allerdings schon lange Zeit Großbaustellen. Erhöhungen beim Pflegemindestlohn wurden deshalb bereits im Juli 2020 auf den Weg gebracht, weitere folgen stufenweise bis April 2022.

Diese grundsätzlich positive Botschaft für die Beschäftigten ist gleichwohl für die Versicherten und die Leistungsempfänger mit Kostensteigerungen verbunden. Gesundheitsminister Spahn nutzte dieses Argument als “Retourkutsche” in Richtung Arbeits- und Finanzministerium für deren unabgestimmte Gesetzesinitiative. Die Tariflöhne zu erhöhen, greife zu kurz, da sie auf Kosten der Pflegebedürftigen und Angehörigen ginge. Es sei deshalb notwendig, die Eigenanteile der Pflegeheimbewohner finanziell zu deckeln. Viel politisches Geplänkel, jedoch mit einem äußerst ernsten Hintergrund. Anpassungen bei den Gehältern sind nur ein Kostentreiber in der Pflege.

Mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) wurden 2017 nicht nur die Leistungen durchgehend angehoben, sondern es sind auch mehr Menschen als zuvor anspruchsberechtigt. Damit erhöhten sich sowohl die Beiträge in der gesetzlichen Pflegeversicherung als auch in der privaten Pflegezusatzversicherung – letztere bei vielen Gesellschaften sowohl im Bestand als auch im Neugeschäft. In der Zusatzversicherung trägt dazu auch das niedrige Zinsniveau bei. Zudem werden die Versicherungsnehmer immer älter und nehmen immer mehr Unterstützung von externer Seite anstatt durch Angehörige in Anspruch. Bei all diesen Kostentreibern ist keine Trendumkehr zu erkennen.

Finanzielle Vorsorge für das Pflegerisiko zu betreiben und auch die Pflegelücke zur gesetzlichen Pflegeversicherung abzudecken, machen daher viel Sinn – je früher, desto besser. Hierdurch sinkt das Risiko von Risikozuschlägen aufgrund von Vorerkrankungen. Darüber hinaus konnten wir in unserer aktuellen Studie ermitteln, dass die Ausgaben bezogen auf den Monatsbeitrag als auch über die gesamte Laufzeit dann geringer sind als gemeinhin angenommen.

Zum Autor: Reiner Will ist geschäftsführender Gesellschafter und Mitbegründer der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit der Analyse und Bewertung von Versicherungsunternehmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

5 + 18 =