Die Lebensversicherung ist mal wieder der Prügelknabe – aber der Widerstand erstarkt

Wieder einmal wird auf die Lebensversicherung eingeschlagen, doch Unternehmen und Verband wehren sich. Bild von Steve Buissinne auf Pixabay

„Vor dem Aus“, „Abgrund“ schlechter „Deal“; LV-Berichterstattung ist selten positiv. Ein aktueller und sich auf eine Untersuchung des Bund der Versicherten (BdV) stützende Untersuchung ist da keine Ausnahme. Die Versicherer werden nicht gefragt, das übernimmt VWheute für die Kollegen. Die Antwort von Verband und Unternehmen ist eindeutig, die Studie sei schlicht schlecht.

Zunächst hatte die Bild das Thema aufgegriffen, der Focus zog nach. Gestützt wird sich bei der „Schock-Studie“ auf Zahlen des BdV, basierend aus einer Untersuchung gemeinsam mit Zielke Research, über die auch VWheute berichtete. Die Ergebnisse der Studie münden in Aussagen wie „jeder 4. Lebensversicherung droht das Aus!“ (Bild) oder „schlimme Lage bei Lebensversicherungen“ (Focus).

Einige Versicherer werden herausgegriffen und in drei Gruppen eingeteilt. Gruppe eins „dürfte dieses Jahr Verlust einfahren“. Diese sind laut den berichtenden Medien die Nürnberger Beamten, R+V,  Sparkassen-Versicherung Sachsen, Süddeutsche, Universa, Signal Iduna und VPV.

In der zweiten Kategorie finden sich Lebensversicherer mit „geringer Zahlungsfähigkeit“. Diese sei so gering, „dass der Geschäftsbetrieb nur mit Übergangsmaßnahmen weiter erfolgen kann“. Dazu gehören, Bayerische Beamten, Concordia, Debeka,  Ergo, Frankfurt Münchener LV, Frankfurter LV, HDI, HUK-Coburg, Landeslebenshilfe,  Neue Leben, Rheinland,  Öffentliche LVA Oldenburg, VRK (vormals Familienfürsorge).

Es folgen fünf Unternehmen, die in beiden zuvor genannten Gruppen geführt werden: DEVK, Frankfurter LV, Landeslebenshilfe, PB LV, Rheinland. Die Genannten „leiden sowohl unter Verlusten im laufenden Jahr“ als auch „unter einer angespannten Finanzsituation“

Die Vorwürfe gegen die Branche sind nicht neu und erscheinen regelmäßig in den Medien. Das überrascht nicht, die Lage ist für einige Versicherer dank Minizinsen und rechtlichen Anforderungen tatsächlich herausfordernd. Das zeigt nicht zuletzt die Existenz von Bestandsaufkäufern wie Athora, die Versicherern ihre ungewollten LV- Verträge abkaufen und diese selbst verwalten.

Die Versicherer und GDV greifen BdV an

Die Frankfurter Leben, einer der genannten Bestandsaufkäufer, sieht die Gefahr für die Branche, sich selbst allerdings auf der sicheren Seite: „Es ist richtig, dass die LV unter der Null Zinspolitik der EZB leiden. Die in dem Artikel des Magazins behauptete dramatische Lage können wir zumindest für die Unternehmen der Frankfurter Leben Gruppe nicht erkennen.“ Die geforderte Solvenzquote von mindestens 100 Prozent werde erfüllt und „unsere Prognoserechnungen zeigen“, dass sogar unter sehr pessimistischen Annahmen die gesetzlichen Anforderungen „auch über das nächste Jahrzehnt“ hinweg erfüllt werden.

Die Signal Iduna Leben (SI-L) widerspricht der Aussage der Berichte und greift die Studie an. „Die Signal Iduna Lebensversicherung erwartet zukünftig keine Verluste, wie es in der aktuellen Berichterstattung vom Bund der Versicherten suggeriert wird.“ Auch in der lang anhaltenden Niedrigzinsphase ist die SI-L „sehr solide aufgestellt“ und „steht zu den gegebenen Garantien“.

Der große Bestand an hochverzinsten Verträgen spiegelt sich im aktuellen Wert, der sogenannten Gewinnerwartung, wider, auf den Bezug genommen wird, erklärt das Unternehmen. Die vom BdV definierte Kennzahl „Gewinnerwartung“ habe „kaum Aussagekraft“. Ohne die Betrachtung weiterer Kennzahlen sei eine Interpretation in Richtung etwaiger Verluste „nicht aussagekräftig“ und in der Branche „auch nicht üblich“. Bei Betrachtung der Gesamtsituation erwartet das Unternehmen „keine Verluste“.

Maßgeblich sei die Solvenzquote. Diese lag bei der SI-L im Jahr 2019 nach den Solvency II-Regeln bei „514 Prozent – ohne Rückstellungstransitional betrug sie 134 Prozent“, schreibt das Unternehmen. An der Finanzstärke der SI-L ändere die Feststellung vom BdV nichts.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) übt ebenfalls Kritik an der Studie. Die Solvenzlage deutscher Lebensversicherer ist nachweislich besser, als vom Bund der Versicherten (BdV) und von Zielke Consult dargestellt. Auch andere Kernaussagen und die Methodik der Untersuchung sind in „wesentlichen Punkten fragwürdig“, erklärt der Verband.

Das sieht auch die R+V so, die die Einschätzung des GDV „grundsätzlich teilt“. Der Artikel erzeuge mit seiner Darstellung den Eindruck, dass die Gewinnerwartung der R+V Lebensversicherung negativ ist und damit Verluste erwartet werden. Diese Darstellung ist „völlig falsch“, schreiben die Wiesbadener.

Vielmehr habe die R+V-LV eine „positive Gewinnerwartung“. Der BdV lege diese positive Gewinnerwartung allerdings negativ aus und kritisiert Ausschüttungen an die Aktionäre, ohne allerdings „die Ausschüttungen an die Versicherungsnehmer“ zu berücksichtigen. In diesem Bereich liege das Unternehmen „deutlich über“ den gesetzlich geforderten Mindestbeteiligungen und „sehr gut“ im Branchendurchschnitt.

Die R+V-LV besitzt eine „hohe Ertragskraft“ und kann sämtliche „finanziellen Verpflichtungen dauerhaft erfüllen“. Die Solvenzquote lag zum 31. Dezember 2019 bei 441 Prozent. Bei dieser wurden von der R+V „nicht einmal die Quote erhöhende Übergangsmaßnahmen oder eine Volatilitätsanpassung in Anspruch“ genommen.

Huk-Coburg, Ergo und DEVK

Am deutlichsten in ihrer Kritik wird die Huk-Coburg. „Die Berechnung seitens Herrn Zielke und des BdV beruhen auf der falschen Annahme, bereit stehendes Eigenkapital der Huk-Coburg-Lebensversicherung in Höhe von 765 Mio. Euro nicht anzurechnen.“ Dieses Kapital sei allerdings jederzeit abrufbar und steht zur Bedeckung zur Verfügung. Diese Nichtanrechnung steht im direkten Widerspruch zu den gesetzlichen Regeln von Solvency II.“ Herrn Zielke sind „handwerkliche Fehler im Umgang mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen unterlaufen“, schreibt das Unternehmen.

Für die Huk-Coburg ist es „nicht nachvollziehbar“, warum im Rating für einzelne Gesellschaften in der reinen Solvenzquote mehr oder weniger willkürlich Eigenmittel gekürzt werden, während bei anderen anscheinend die Quote ohne Übergangsmaßnahmen durch Anrechnung eben dieser Übergangsmaßnahmen erhöht wird. „Die Legitimation der stillschweigend im Rating vollzogenen Veränderungen bei der Bewertung der Eigenmittel ist uns schleierhaft. Insofern halten wir das ganze Rating für fehlerhaft und intransparent.“

Auch die Ergo hat zur Studie und Berichterstattung etwas zu sagen. „Selbstverständlich erfüllen alle unsere Rechtsträger die nötigen aufsichtsrechtlichen Anforderungen. Das gilt auch für die Lebensversicherer. Hierbei nutzen wir teilweise die aufsichtsrechtlich vorgesehenen und zulässigen Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassungen.“

Die Ergo LV-AG ist „angemessen kapitalisiert“, die Solvenzquote liegt mit 420 Prozent „weit über den Anforderungen“. Wir stehen zu den Leistungszusagen an unsere Kunden, erklärt das Unternehmen.

Insbesondere in Zeiten von Nullzinspolitik, volatilen Aktienmärkten und steigender Lebenserwartung ist die private Altersvorsorge ein unverzichtbarer Bestandteil neben der gesetzlichen Rente, „dort sind wir mit unseren Lebensversicherungs-Produkten als auch mit unseren reinen Fondsprodukten sehr gut aufgestellt“, schreibt der Versicherer.

Dass die Lebensversicherung tatsächlich noch nicht unter der Erde liegt, zeigen aktuelle Zahlen des GDV. Die Lebensversicherung insgesamt, also unter Berücksichtigung der Pensionskassen und –fonds, entwickelte sich 2019 „ausgesprochen positiv“. Die Beitragseinnahmen stiegen um 11,5 Prozent auf gut 103 Milliarden Euro. Die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge konnte um 5,4 Prozent auf 5,2 Millionen gesteigert werden, die Stornoquote betrug  2,68 Prozent, im Vorjahr waren es 2,63 Prozent.

Am Ende werden weder Versicherer, BdV noch GDV die Zukunft der LV entscheiden, das übernimmt König Kunde mit seinen Investmententscheidungen – es bleibt spannend.

Autor: Maximilian Volz

Ein Kommentar

  • Natürlich sind sie Solvency II Quoten nur ohne Übergangsmaßnahmen langfristig tragfähig und vergleichbar!
    Aber die bedeuten ja nicht akut Gefahr, aber im 200J-Szenario.

    Die Studie zeigt sich seit Jahren beratungsresistent

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