Generali-Managerin: „Digitalisierung hat durch die Corona-Pandemie einen enormen Schub bekommen“

Iris Handke. Quelle: Generali

Corona hat auch die Kultur – darunter Museen und Ausstellungen – in den vergangenen Wochen hart getroffen. Viele dürfen indes in diesen Tagen unter strengen hygienischen Auflagen wieder ihre Pforten für die Besucher öffnen. VWheute hat exklusiv mit Iris Handke, Leiterin der ARTE Generali Deutschland, über die Auswirkungen der Pandemie auf die Kunstversicherung gesprochen.

VWheute: Viele Museen und Galerien bieten mittlerweile Online-Besuche an, wie sehen Sie diese „Ver-Online-isierung“ der Kunst?

Iris Handke: Grundsätzlich kann das eine gute Ergänzung zum Museumsbesuch sein. Neben der reinen Online-Präsenz haben Museen schon zuvor gerade im Bereich Social Media viel getan, um einen neuen Zugang zu den Sammlungen und Werken zu ermöglichen, und das hat sich in der aktuellen Situation verstärkt und ausgeweitet.

Die Pinakotheken in München bieten beispielsweise eine Live-Dialogführung „Kunst und Krise“ auf Instagram an, bei der ausgewählte Kunstwerke besprochen werden. Das Museum Barberini in Potsdam, die National Gallery in London und viele andere Museen geben Einblicke in einzelne Werke, Ausstellungen oder gleich Kuratorenführungen. Und die Frick Collection in New York lädt jeden Freitag zu „Cocktails with a Curator“ ein, selbstverständlich mit Mocktail-Alternative für Leute unter 21.

Ich finde es höchst interessant, wie Museen ihre Sammlungen mit digitalen Mitteln in Szene und in neue Zusammenhänge setzen. Einer meiner Favoriten ist das Royal Ontario Museum in Toronto, das einen unglaublich informativen und gleichzeitig wirklich witzigen Zugang gewählt hat und es dadurch schafft, so unterschiedliche Themen wie Naturwissenschaften, Archäologie, Mode, Kunst oder Geschichte gleichermaßen attraktiv und spannend zu machen.

Darüber hinaus gibt es immer mehr Museen, die sich gezielt überlegen, wie sie alles von Augmented Reality bis zum Selfie und Hashtag in ihre Ausstellungskonzepte integrieren können. Ich finde das sinnvoll, denn es eröffnet Museen und Besuchergruppen neue Ansätze, einen Zugang zum Museum und den Ausstellungen zu bekommen. Die Technik, wenn richtig eingesetzt, kann das persönliche Erlebnis ergänzen und abrunden, und ich bin gespannt, was die Digitalisierung in Zukunft noch alles bringen wird.

Das tatsächliche Vor-Ort-Erlebnis können und sollen solche Online-Aktivitäten sicherlich nicht ersetzen, aber sie können einen besseren Zugang eröffnen, informieren und Lust auf mehr Museum machen.

VWheute: Welchen Einfluss hat das Phänomen auf die Kunstversicherung?

Iris Handke: Gerade durch die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung einen enormen Schub bekommen. In allen Bereichen unseres täglichen Lebens wird nach Potenzialen und Ansätzen gesucht. Auch Kunstversicherer müssen verstärkt digitale Services anbieten, denn diese Entwicklungen werden unsere Zukunft bestimmen. Die Herausforderung besteht darin, die persönliche Ansprache, die Erfahrung eines Experten und die Technik so zu vereinen, dass sich möglichst viele Kunden und Vertriebspartner angesprochen fühlen und ein tatsächlicher Mehrwert für Kunstsammler entsteht.

Unser Ansatz war von vorneherein und auch schon vor der Krise: Wo macht es Sinn digitale Anwendungen zu integrieren? Wie kann man durch neue Tools und Services die Kunstversicherung vereinfachen und besser verständlich machen? Wie können wir die Kunstversicherung in 21. Jahrhundert bringen und dabei die persönliche Komponente, die gerade in diesem Bereich so wichtig ist, nicht aus den Augen verlieren?

VWheute: Sie haben in Ihren Schutz einen Concierge-Service und innovative digitale Werkzeugen integriert, was kann sich der Kunde darunter vorstellen?

Iris Handke: Unser Concierge-Service soll Kunden bei ihrem Sammlungsmanagement unterstützen, indem sie Zugang zu unserem Netzwerk und zu unserer Expertise bekommen – insbesondere wenn ein geeigneter Restaurator oder eine Kunstfachspedition etc. gesucht wird. Der Concierge-Service hilft also, einen Spezialisten für das jeweilige Anliegen zu finden.

Darüber hinaus entwickeln wir gerade eine App, mit der der Kunde tagesaktuell seine Versicherung, aber vor allem auch seine Sammlung managen kann. So kann er beispielsweise seine Sammlung katalogisieren, er erhält Zugang zu wichtigen Versicherungsinformationen oder kann einen Schaden melden. Diese Basis-Funktionen werden sukzessive um spezielle Services erweitert, wie ein Online-Bewertungsservice oder Marktanalysen, die sich auf digitale Entwicklungen wie Blockchain, Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality stützen. Alles in allem wollen wir über die reine Kunstversicherung hinausgehen und Innovationen im digitalen Bereich in unser Angebot integrieren.

VWheute: Wenn eine „vermögende Privatperson“ mehrere Kunstwerke von unterschiedlichem Wert versichern möchte. Wie gehen Sie bei der Risikoprüfung vor, was prüfen Sie und wie?

Iris Handke: Zunächst prüfen unsere Kunstexperten, worum es sich bei den einzelnen Werken handelt und ob die Versicherungswerte angemessen sind, damit der Kunde adäquat versichert ist. Darüber hinaus sehen wir uns natürlich sämtliche Risikoumstände an: Wo soll die Sammlung versichert werden? Wie werden die Kunstwerke aufbewahrt? Wie sehen beispielweise die Sicherungen vor Ort aus?

Kurzum werden bei einer Risikoprüfung zahlreiche Faktoren aus unterschiedlichsten Bereichen einbezogen, die uns ein möglichst klares Bild vom zu versichernden Risiko geben sollen. Vieles davon können wir vorab über Fragebögen, Fotos und andere Dokumente machen, aber das komplette Bild bekommt man sicherlich am besten vor Ort.

VWheute: Ist eine solche Vor-Ort-Prüfung in Coronazeiten möglich, wie gehen Sie vor?

Iris Handke: Eine Vor-Ort-Prüfung ist momentan kaum machbar, aber wir behelfen uns mit Vorab-Informationen, Fotos etc. Wir versuchen das zu unterstützen, indem wir auch hier die Möglichkeiten über eine E-Mail hinaus erweitern und eine Übermittlung von wichtigen Unterlagen über ein Vermittlerportal direkt in unser Underwriting-Tool einrichten werden. Später wird auch die Meldung neuer Kunstwerke direkt über die App möglich sein.

Aber neben all diesen technischen Möglichkeiten ist es immer wichtig, dass sich alle Beteiligten gut abstimmen und austauschen, damit sie alle auf demselben Stand sind und das bestmögliche Ergebnis erzielen. Das muss immer im Vordergrund stehen!

VWheute: Ihr Angebot richtet sich an eine gut verdienende Klientel, wie unterscheidet sich diese Gruppe von gewöhnlichen Kunstsammlern, gibt es Unterschiede in der Ansprache und dem Verhalten Ihrerseits? Haben Sie eine – anonymisierte – Anekdote, die die Unterschiede zusammenfasst?

Iris Handke: Unser Angebot richtet sich in erster Linie an Kunstsammler – ob mit großer oder kleinerer Sammlung. Zusammen mit der Kunstversicherung bieten wir die Erweiterung auf eine sogenannte Multiline-Versicherung an, mit der auch Hausrat, Wertgegenstände und Gebäude abgesichert werden können.

Sammler sind – unabhängig vom Umfang, Wert oder Sammlungsgebiet – leidenschaftliche Menschen, die viel Zeit, Gedanken, Herzblut und letztlich auch Geld in die Auswahl, Anschaffung und Aufbewahrung ihrer Objekte investieren. Die Leidenschaft für die Kunst ist der Berührungspunkt, den wir gemeinsam haben.

Für mich ist es immer ein ganz besonderes Highlight, wenn Kunden mir ihre Sammlung präsentieren und erzählen, warum sie gerade dieses Kunstwerk angesprochen hat, unter welchen besonderen Umständen sie es erworben haben oder was sie mit dem Künstler erlebt haben, als sie es gekauft haben. Das sind oft wunderbare Anekdoten und auch für mich etwas ganz besonderes.

Die Begeisterung für die Kunst schafft eine Basis für einen Austausch, der weit über die Versicherung hinausgeht – egal ob wir von einer großartigen Kunstsammlung sprechen oder jemandem, der zum Beispiel weniger bekannte, regionale Künstler sammelt.

VWheute: Fürchten Sie, dass der Kunstmarkt durch die Wirtschaftsflaute, einige sprechen von Rezession, Schaden nehmen wird und wie reagieren Sie darauf?

Iris Handke: Welche Auswirkungen die Corona-Krise haben wird, ist momentan schwer einzuschätzen. Dafür ist es noch zu früh. Es zeichnet sich allerdings ab, dass Banken bei der Kreditvergabe für Kunst wahrscheinlich vorsichtiger werden. Denn Kunstwerke sind per Definition schwerer zu liquidieren und daher als Sicherheit nicht so attraktiv.

Wenn wir uns die Finanzkrise ab dem Jahr 2008 als Vergleichsmaßstab ansehen, denke ich, dass das hochpreisige Segment nicht so sehr leiden wird. es allerdings in anderen Bereichen schwierig werden könnte. Momentan sehen wir, dass der kleinsummige Bereich, der auch online gehandelt wird, gerade eher einen Schub erfährt. Hier gibt es Möglichkeiten für Galeristen und Sammler, trotz der Beschränkungen Kunst zu kaufen und anzubieten. Galeristen, Kunsthändler, aber auch Messen probieren neue Wege aus, die einem Einbruch des Marktes entgegenwirken.

Gerade in finanziell unsicheren Zeiten ist besonders wichtig, eine Kunstsammlung als Teil des Investments abzusichern. Daher werden sich auch Sammler, die sich bisher nicht mit einer Spezialversicherung beschäftigt haben, jetzt für eine weitergehende Absicherung interessieren. Als Spezialversicherer stehen wir da natürlich gerne zur Verfügung.

VWheute: Welche nächsten Schritte wollen Sie mit Ihrer Kunstversicherung in naher Zukunft gehen?

Iris Handke: Wir sind bereits in Deutschland aktiv und werden mit ARTE Generali schon bald in weiteren europäischen Ländern, wie Frankreich und Italien, an den Start gehen. Zudem arbeiten wir ständig daran, unser digitales Angebot – vor allem unsere App – zu erweitern, und überlegen, wie sich neuste Entwicklungen im digitalen Bereich sinnvoll für unsere Vertriebspartner und Kunden in unsere Strategie einbinden lassen.

Und selbstverständlich haben wir auch eine Liste an Ideen und Projekte für „die Zeit danach“, wenn wir auch wieder persönlich in der realen Welt agieren können.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

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