Hybris gegen Big Data in der KFZ-Versicherung

24. Kölner Versicherungssymposium des Instituts für Versicherungswesen der Technischen Hochschule Köln, Podium. Quelle_Lier.

Schuld ist immer der andere, gerade bei Unfällen. Diese Gedankenmodell macht auch Versicherern wie der Huk-Coburg zu schaffen. Ihren im Juni gestarteten Kraftfahrt-Tarif „Telematik Plus“ konnte 90.000 Mal verkauft werden. Durch das Jahreswechselgeschäft dürfte sich die Vertragszahl bis Januar verdoppeln, erklärte Dr. Thomas Körzdörfer, Chief Data Scientist, der Huk-Coburg auf dem 24. Kölner Versicherungssymposium des Instituts für Versicherungswesen der Technischen Hochschule Köln. Ist die Telematik die Zukunft der KFZ-Versicherung.

Die bisher 15 Millionen telematisch begleiteten Fahrten brachten dem Versicherer 50 Terabyte Daten und etwa 1.000 Schäden. Der schwierigste Aspekt ist eigentlich die Risikodifferenzierung und diese man dank der Erfahrung von drei Jahren aus einem Vorgänger-Tarif. „Der Umgang mit diesen großen Datenmengen und die sehr direkte und zeitnahe Interaktion mit den Kunden stellt uns vor große mathematische, logistische und kommunikative Herausforderungen, so Körzdörfer. Technisch gelingt es zwar, dem Kunden innerhalb von zwei Minuten nach Ende der Fahrt seinen Scorewert auf das Smartphone zu senden, doch die Einschätzung der Kunden sind oftmals anders.

Statistisch hätten 50 Prozent der Fahrer einen Score von 50 Punkten oder weniger (von 100 möglichen Punkten). Umfragen zeigten, dass sich die Fahrer aber besser einschätzten. Im Mittelwert würden 80 Punkte erwartet. Weise man die Befragten daraufhin, dass die Hälfte maximal die Hälfte der Punkte erreiche, gingen sie für sich selbst noch von einem Wert von 70 aus. „Das Feedback an die Fahrer ist wichtig, aber schwierig“, so Körzdörfer. „Wir diskutieren viel und lange, wie wir unseren Kunden ihre Werte verständlich machen.“ Beispielsweise werde erwogen, kostenlose Fahrtrainings anzubieten oder die Kunden zu warnen, wenn sie Handy während der Fahrt nutzten. Telematik sei das zurzeit ambitionierteste und teuerste Projekt der Huk. „Aber es lohnt sich. Denn Telematik ist die Zukunft“, gab er sich überzeugt.

Die Huk hat die Erfahrung gemacht, dass rund ein Viertel der Fahrer mit Telematik ihren Fahrstil weiter verbessern. Die Hälfte fährt mittelmäßig und bleibt auf diesem Niveau, während das letzte Viertel anfangs vorsichtig fährt, dann aber zu alten Fahrweise zurückkehrt und den Scorewert verschlechtert. Dies seien auch tendenziell die Kunden nach einer Weile den Tarif wechselten.

Der Fahrstil im Fokus

Für bestimmte Features wie „leichte Tempolimitüberschneidung“, „mittelschwere Tempolimitüberschneidung“, „hohe Beschleunigung bei niedriger Geschwindigkeit“, „harte Kurvenfahrten“, „harte Bremsvorgänge“ und ähnliches kann die Huk Coburg Korrelationen mit der Unfallhäufigkeit nachweisen. „Bestraft“ würden aber nicht einzelne Situationen, sondern der Fahrstil ganzheitlich bewertet.

Dass sich die jeweils fünf Prozent mit dem besten und dem schlechtesten Score nur um einen Faktor acht und nicht mehr unterschieden, sei der fehlenden Akzeptanz bestimmter Einflussfaktoren bei den Kunden geschuldet. So verzichte die Huk beispielsweise auf die besondere Bewertung von Fahrten auf Landstraßen, nachts oder im Ausland. „Obwohl alles mit der Unfallhäufigkeit korrelliert“, so Körzdörfer. Die 20 Prozent der Fahrer mit den schlechtesten Scorewerten verursachten 35 Prozent aller Unfälle.

Der Digitalisierung steht die Mehrheit der Deutschen eher skeptisch gegenüber, berichtete Prof. Horst Müller-Peters, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Marketing und Behavioral Insurance und Leiter der Forschungsstelle Versicherungsmarkt am ivwKöln/TH Köln, aus einer Studie mit 1.000 Befragten im November 2018. Die Folgenabschätzung für Wirtschaft und Gesellschaft fielen eher negativ aus. Es werde eher eine Entdemokratisierung statt einer Zunahme der Meinungsvielfalt befürchtet. Gehe es aber um die praktische Anwendung, sei der Nutzer „faul und läuft der Masse hinterher“. Müller-Peters macht hier ein „Nutzerparadoxon“ aus – Einstellung und Verhalten klaffen weit auseinander. Die Bevölkerung habe inzwischen auch ein digitales Grundwissen, wenn es auch noch Wissensdefizite zu Vernetzung IoT and Privacy gebe. Die meisten sähen Defizite der User im Umgang mit ihren Daten, jedoch sei nur eine kleine Minderheit wirklich datenschutzaktiv. Ob Kunden ihre Daten beispielsweise einem Versicherer überlassen, hänge von der Anwendung. Im diesem Umfeld werde sich die Rolle der Assekuranz hin zum Schadenmanager oder sogar Coach und Schadenverhüter. Möglich sei aber auch eine Rolle als Kontrolleur und Motivator mit unmittelbarer Einflussnahme auf das Verhalten des Versicherungsnehmer durch Sanktionen.

Dem Hype um KI und Big Data hält Dr. Thomas Zabel, Leiter Markt- und Kundenanalyse, der LVM-Versicherungen, entgegen, dass einige der Ansätze und Methoden schon bis zu 70 Jahre alt sind. Sinnvoll sei, nicht die Technik in den Fokus zu stellen, sondern sich einen Business Case überlegen, für den der Einsatz statischer Methoden gewinnbringend sei. Er berichtete, wie die LVM-Gruppe nach Kundenwerten für die nächsten Jahre (Zahlungsausfälle, Cross Selling, Storno und Betrug) gesteuert werde. Dazu verwende man Methoden wie Entscheidungsbäume, Boosting, SPV, Random Forest, aber „nichts Neues“. Über originäre und abgeleitete Daten komme man auf 1.000 Kundenmerkmale.

Prof. Dr. Björn Bloching , der bei Roland Berger das globale Geschäft im Bereich „Digitalisierung leitet, warnte mit Blick auf die Internetgiganten in China und den USA davor, dass die Digitalisierung für die offene, freiheitliche Werteordnung auch „dramatisch schief gehen“ könne. „Europa muss ein globaler Akteur im Digitalbereich werden.“ Dafür müsse entsprechend investiert werden und unter anderem eine gemeinsame digitale Industrie in Europa aufgebaut werden. Auch sollten die Europäer den 5-G-Ausbau selbst in die Hand nehmen, auch wenn es länger dauern werde, statt sich in die Hand des chinesischen Technikgiganten Huawei zu begeben.

Prof. Jan-Philipp Schmidt, Professor am Institut für Versicherungswesen, kündigte an, dass man im Studiengang nun ein Datasciencemodell haben wird. Man wolle die Arbeit vom Grundsatz her aufbereiten.

Autor: Monika Lier