Mercer-Experte: Stärkung der kapitalgedeckten bAV bisher noch nicht gelungen

Udo Müller. Quelle: Mercer

Deutschlands Rentensystem landet im internationalen Vergleich allenfalls im Mittelfeld. Dies hat jüngste eine aktuelle Analyse von Mercer ergeben. Wo es derzeit hakt und welche Rolle die betriebliche Altersversorgung spielen kann, erläutert Udo Müller im Exklusiv-Interview mit VWheute.

VWheute: Was machen Länder wie die Niederlande und Dänemark besser als Deutschland?

Udo Müller: Beim Subindex Angemessenheit (Adequacy) wird Deutschland sogar besser als Dänemark und etwa gleich wie die Niederlande bewertet. Das bedeutet, dass wir hier durchaus mit den Spitzenreitern mithalten können. Im Bereich „Integrität“ liegen wir etwas hintern den beiden Ländern, sodass das schlechtere Abschneiden im Wesentlichen auf dem Subindex Nachhaltigkeit (Sustainability) basiert.

Hier liegen wir bei etwa 45 von 100 Punkten. Im Vergleich dazu liegen hier die Niederlande und Dänemark bei 78 bzw. 82 von 100 Punkten. Alles in allem zeigt sich also, dass die Spitzenreiter bei allen Indizes vorne dabei sind und gegenüber Deutschland vor allem im Bereich Nachhaltigkeit punkten können.

VWheute: Sie kritisieren die Nachhaltigkeit des deutschen Systems, was muss besser werden?

Udo Müller: Wir sehen hier zwei grundlegende Aspekte, die nicht völlig neu sind. Um einen Punkt vorweg zu nehmen: Wir halten den gesunden Mix aus gesetzlicher Rente, betrieblicher Altersversorgung (bAV) und privater Vorsorge für sehr wichtig und sinnvoll. Das bleibt unbestritten. Im Bereich Nachhaltigkeit sehen wir zum einen die solide Finanzierung unserer Rentensysteme und zum anderen die Verbreitung der Altersversorgung, insbesondere für Geringverdiener als zentrale Aspekte.

Ohne hier die Diskussion „Kapitaldeckung versus Umlageverfahren“ führen zu wollen, halten wir eine Ergänzung der gesetzlichen Rente durch eine kapitalgedeckte bAV für sinnvoll. Aber wir sehen in der Verbreiterung der bAV einen sehr wichtigen Aspekt. Mit der Förderung für Geringverdiener gem. § 100 EStG und der Idee des Sozialpartnermodells wurde dies erneut in Angriff genommen, wobei die Zeit zeigen muss, ob dies Früchte trägt. Wichtig ist aber auch (nach wie vor), die Erwerbsquote älterer Mitarbeiter zu erhöhen. Last but not least halten wir die Mitarbeiterkommunikation für extrem wichtig.

VWheute: Die Unternehmen sollen die „betriebliche Altersvorsorge als einen zentralen Benefit attraktiver zu machen“, fordern Sie. Wie soll das geschehen und warum passiert es nicht?

Udo Müller: Unternehmen und Mitarbeiter erkennen zwar grundsätzlich die Bedeutung der bAV, waren aber in den letzten Jahren eher zurückhaltend bei der Einführung neuer Modelle bzw. der Teilnahme an Entgeltumwandlungsmodellen. Die Altersversorgung kann unseres Erachtens mit einfachen Mitteln attraktiver gestaltet werden.

Wir sehen hier im Bereich der Kommunikation mittels elektronischer Medien (Portallösungen und Rechentools) ein enormes Potenzial. Nur wenn der Mitarbeiter erkennt, wie hoch sein Kapitalbedarf im Alter und seine Lücke ist und wie er diese schließen kann, ist er bereit, in die Altersversorgung zu investieren. Und dies muss zielgruppenorientiert erfolgen. Mit einem Arbeitgeberzuschuss, der beispielsweise die eingesparten Arbeitgeberbeiträge weiter antizipiert, wird die bAV zielgerichtet gestaltet.

VWheute: Sie fordern die „Ergänzung des umlagefinanzierten Systems durch kapitalgedeckte Modelle“, wie kann das geschehen?

Udo Müller: Umlagefinanzierte und kapitalgedeckte Modelle haben unterschiedliche Vor- und Nachteile. Die beste Altersversorgung ergibt sich aus einem Mix beider Finanzierungsformen. Ein solcher Mix kommt derzeit aber großen Teilen der Bevölkerung nicht zugute, weil sie ausschließlich oder fast ausschließlich auf die gesetzliche, umlagefinanzierte Altersversorgung setzen.

Daher ist es wichtig, die private Altersvorsorge und insbesondere die bAV zu stärken. Insbesondere das Sozialpartnermodell (in der Presse teilweise „Nahles-Rente“ genannt) hatte das Ziel, die kapitalgedeckte bAV zu stärken, was bisher noch nicht gelungen ist.

VWheute: Niedriglohn-Rentner sollten mehr Unterstützung erhalten, woran machen Sie das fest und was empfehlen Sie?

Udo Müller: Unterschiedliche Quellen verdeutlichen, dass gerade im Niedriglohnsektor die bAV nicht sehr stark verbreitet ist. Aber auch in den anderen Sektoren zeigt sich, dass die bAV bei Beziehern niedriger Einkommen sehr gering ausfällt. Mit der Förderung gem. § 100 EStG, aber auch mit der Einbindung verschiedener Vorsorgevehikel, kann hier einiges erreicht werden. Denken Sie nur an die steuerliche Förderung von Arbeitgeberzuschüssen in Kombination mit einer Riesterförderung. Hier müssen wir kreativer werden und über den Tellerrand hinausschauen.

VWheute: Bitte vervollständigen diesen Satz: Das deutsche Rentensystem muss in den nächsten drei Jahren …

Udo Müller: … vor allem Erleichterungen für die bAV erfahren, damit eine Ausweitung der kapitalgedeckten Altersversorgung gelingt.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

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