Das Wetter als Game Changer für Versicherer

„2021 überstiegen die versicherten Naturkatastrophenschäden erneut den bisherigen Zehnjahresdurchschnitt." Quelle: Pixabay

Extremwetter schlägt zunehmend auf die Ertragslage von Versicherern durch. Angesichts des Klimawandels avancieren präzise meteorologische Informationen damit zum Game Changer über den gesamten Versichererzyklus. Ein Gastbeitrag von Dr. Michael Fassnauer, CEO und Gründer des privaten Wetterdienstes UBIMET.

Wenn Überschwemmungen nach Starkregen von wochenlanger Hitze und Dürre mit katastrophalen Ernteschäden abgelöst werden, dann ist Sommer in Deutschland. Und zwar nicht einer, wie er früher einmal war, sondern einer im Zeichen des Klimawandels.  2018 wird es laut dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wohl unter die fünf schwersten Sturmjahre der vergangenen Jahrzehnte schaffen. Mit 1,3 Mrd. Euro lagen die versicherten Sturm-, Hagel- und Starkregenschäden an Wohngebäuden bereits im ersten Halbjahr so hoch wie sonst im Gesamtjahr. Und die Schäden in der Landwirtschaft durch die anhaltende Trockenheit im Sommer dürften sich für 2018 auf mehr als zwei Mrd. Euro summieren. Soweit, so alarmierend.

Für Versicherer war 2017 jedenfalls das teuerste Jahr der Geschichte: Hurrikane und andere Extremwetterereignisse kosteten die Branche weltweit rund 144 Mrd. US-Dollar – mehr als je zuvor. Rechnet man noch die nicht versicherten Vermögenswerte dazu, kommt man in Summe auf nicht weniger als 345 Mrd. US-Dollar. Ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden. Das geht aus einer Untersuchung der Munich Re, dem weltweit größten Rückversicherer, hervor. Auch wenn laut ihren Klima-Experten nicht bewiesen ist, dass der Klimawandel dafür verantwortlich zeichnet, gibt es doch starke Indizien dafür. Ungewöhnlich hohe Naturkatastrophenschäden häufen sich nämlich. In den historischen Daten der Munich Re existieren nur drei Jahre, in denen die versicherten Schäden inflationsbereinigt mit über 100 Mrd. US-Dollar zu Buche schlugen – und sie alle liegen in den vergangen 14 Jahren. Die Zahlen für Deutschland sind mit zwei Mrd. Euro an wetterbedingten Schäden für 2017 zwar unterdurchschnittlich, dürften für 2018 aber Rekordniveau erreichen. Laut dem renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung könnte etwa die Zahl der Hochwasseropfer in Deutschland bis in die 2040er-Jahre um das Siebenfache(!) steigen. Der GDV verzeichnete mit 280 Mio. Euro für 2018 auch die höchsten Schäden durch Blitzschlag und Überspannung seit 15 Jahren.

NACH EINEM UNWETTER IST DIE BESTE ZEIT FÜR DIE AKQUISE VON NEUKUNDEN

Auch wenn Statistiken bekanntermaßen mit Vorsicht zu genießen sind, lässt sich eines nicht mehr wegdiskutieren: Wetter hat einen exorbitant hohen Einfluss auf die wirtschaftliche Verfasstheit der Versicherungswirtschaft – Tendenz steigend. Nicht von ungefähr unterhält die Munich Re seit Jahren ein eigenes Kompetenzzentrum für Klima- und Naturrisiken. Und nicht von ungefähr bekennt GDV-Präsident Dr. Michael Weiler angesprochen auf die Folgen des Klimawandels öffentlich: „Wir nützen alle Kanäle, um die Menschen aufzurütteln.“ Aufzurütteln und vor den Konsequenzen von Extremwetterereignissen auf Leib und Leben sowie das eigene Hab und Gut zu warnen, muss für Versicherer daher oberste Priorität haben. Nur so können Schäden vermieden oder zumindest reduziert werden.

Seit über 15 Jahren praktizieren wir das sehr erfolgreich mit unseren Unwetterwarnungen für zahlreiche namhafte Assekuranzen. Aus unserer langjährigen Erfahrung wissen wir, welche Bedeutung Versicherungen akkuraten, richtig kommunizierten Unwetterwarnungen beimessen. Eine Umfrage unter den Versicherungsnehmern eines renommierten europäischen Versicherers ergab, dass 74 Prozent der Befragten mit unseren Unwetterwarnungen Schäden vermeiden konnten. Das bestätigt auch Oliver Hauner, Leiter des Bereichs Sachversicherung beim GDV: „Verlässliche und frühzeitige Unwetterwarnungen helfen, menschliches Leben und Hab und Gut zu schützen.“ 

Die Integration von Wetterinformationen beginnt aber bereits mit der Risikobewertung von Versicherungsnehmern, also der Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein angehender Kunde von Extremwetterereignissen betroffen sein wird und wie hoch sich daher seine Prämie bemisst. Wetter spielt aber auch eine entscheidende Rolle beim Vertragsabschluss. Assekuranzen, die präzise über bevorstehende Unwetter informiert sind, können die Wirksamkeit von Verträgen so terminieren, dass unmittelbar daraus resultierende Schäden noch nicht bezahlt werden müssen. Zudem sensibilisieren Extremwetterereignisse die Menschen erwiesenermaßen für die Bedeutung eines adäquaten Versicherungsschutzes. Der Moment nach einem Ereignis stellt daher den idealen Zeitpunkt für die Akquise von Neukunden dar. Mit vergleichsweise geringem Aufwand lassen sich in dieser Zeit Vertragsabschlüsse lukrieren und effektive Marketingmaßnahmen setzen. Nichts schafft mehr Bewusstsein für eine gute Police als extreme Wetterkapriolen.

NAGELPROBE KUMUL-EREIGNISSE

Kommunikationskanal Nummer eins zum Kunden ist und bleibt das Smartphone. Es fungiert als vermittelnde Instanz. In Zusammenarbeit mit Branchenführern haben wir daher ein Service entwickelt, mit dem betroffene Versicherungsnehmer nach einem Unwetter eine „Are you OK?“-Nachricht auf ihr Smartphone erhalten. Sie eruiert, ob der Kunde einen Schaden erlitten hat. Ist das der Fall, kann er ihn über einen Link in der Nachricht sofort online geltend machen. Dem Versicherer erlaubt das die digitale Verarbeitung der Schadenmeldung während sich der Kunde umsorgt fühlt. Die direkte Kontaktaufnahme mit dem Versicherungsnehmer via Smartphone dürfte in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Digitalisierungsstrategien der Branche fokussieren folgerichtig schon heute darauf.

Welche strategische Bedeutung qualitative Wetterinformationen für Assekuranzen haben, erschließt sich auch aus den immer häufiger auftretenden Extremereignissen. Beispiel Orkan „Friederike“: Dieser verheerende Sturm Anfang 2018 war bereits der fünfte innerhalb weniger Monate nachdem im Sommer 2017 schon Berlin, Brandenburg und der Harz von schweren Starkregenfällen und Überschwemmungen heimgesucht wurden. Insbesondere „Friederike“ löste bei Versicherern flächendeckend den Kumulfall aus, also einen Managementplan für Krisensituationen, in denen zehntausende oder hunderttausende Kunden gleichzeitig rasche, unkomplizierte Hilfe benötigen.

Ist man als Assekuranz rechtzeitig präzise darüber informiert, wo und wann genau mit dem Schlimmsten zu rechnen ist und kann man vielleicht auch noch einen Teil der Schadenmeldung-Lawine teilautomatisiert digital verarbeiten, bedeutet das enorme Kosteneinsparungen. Man kann etwa die Personalplanung so gestalten, dass die Schadenabteilungen und Callcenter ausreichend besetzt sind, genügend Experten zur Begutachtung zur Verfügung stehen, zeitnah eruieren, welche Kunden am schwersten betroffen sind und die zumeist knappen Ressourcen auf diese bündeln, um zu zeigen, dass man sich aktiv um sie kümmert. Ein straff und effizient organisiertes Krisenmanagement hinterlässt bei Kunden entsprechend positive Eindrücke, zumal sie gerade in solchen Situationen nach starken Ansprechpartnern suchen.

PRÄZISE VERIFIKATION WETTERBEDINGTER SCHÄDEN

Besondere Relevanz kommt präzisen Wetterdaten natürlich dann zu, wenn ein Schaden bereits eingetreten ist. Systeme zum punktgenauen, schnellen und zuverlässigen Abgleich jeder Wetterlage der Vergangenheit mit Meldungen von wetterbedingten Schäden ermöglichen kürzere Bearbeitungszeiten, geringere Prozesskosten und avancieren daher zunehmend zum Standardinventar im Schadenmanagement. Die Bearbeitung erfolgt dabei automatisiert und in Echtzeit – Stichwort Dunkelverarbeitung – über einen Datenbankabgleich, der sofort eine Entscheidung darüber trifft, ob und in welcher Höhe ein Schaden abgegolten werden muss. Zudem ermöglicht ein derartiges System wie es auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) verwendet, die effektive Betrugsbekämpfung. Angesichts der Tatsache, dass um die 20 Prozent aller Schadenmeldungen Betrugsversuche sind, lassen sich damit beträchtliche Summen sparen. 

Wie wir gesehen haben, stellt Wetter also über alle Phasen des Versicherungszyklus einen strategischen Faktor dar, dessen Bedeutung im Angesicht des voranschreitenden Klimawandels gar nicht hoch genug bewertet werden kann. Auch in Deutschland werden sich Versicherer in Zukunft mit noch mehr und noch extremeren Wetterereignissen konfrontiert sehen. Adäquat vorbereitet zu sein und die sich ergebenden Chancen zu nutzen, ist daher das Gebot der Stunde.

Autor: VW-Redaktion