Too Big To Exist: Aon und Willis scheitern mit Fusion an der US-Justiz

Vorerst dürfte sich bei Aon nichts groß verändern, die Fusion mit Willis Towers Watson ist geplatzt (Quelle: Aon)

Man hatte schon Dutzende Auflagen erfüllt und mehrere Unternehmen an kleinere Konkurrenten verkauft. Doch es half nichts. Die Fusion zwischen Aon und Willis Towers Watson ist am Widerstand der US-Wettbewerbshüter gescheitert. Der durch den neuen Deal entstandene Monopolist hätte den Markt zu sehr dominiert. Gegenargumente konnten beide Unternehmen nicht liefern, dabei hatte die EU bereits grünes Licht gegeben.

Klassisch ist die Film-Szene, in der der Pfarrer nach Erklingen des Mendelssohn’schen Hochzeitsmarsches die eigentlich nur rhetorische Frage an die Kirchgemeinde richtet, ob denn jemand etwas gegen die Eheschließung einzuwenden habe. Wenn er sich nun nicht melde, habe er für immer zu schweigen. Groß ist dann die Bestürzung, wenn sich tatsächlich einer von den hinteren Bänken meldet und für den Abbruch der Zeremonie sorgt. Im Mega-Fusionsfall Aon und Willis Towers Watson (WTW) spielte die Orgel bereits seit einigen Monaten in der Endlosschleife. Im Publikum saßen mit gemischten Gefühlen große Erstversicherungskunden und wichtige Zedenten.

Wollte die EU bewusst den Amerikanern die Rolle des Spielverderbers überlassen?

Der Deal wurde im März 2020 zwischen Aon und WTW vereinbart und würde einen gemeinsamen Eigenkapitalwert von rund 80 Mrd. US-Dollar schaffen. Im Juli stimmte die EU-Kommission in ihrer Rolle als Wettbewerbsbehörde der Fusion zu. Voraussetzung sei, dass Aon eine ganze Reihe von Verpflichtungszusagen, die die Veräußerung zentraler Teile der Geschäftstätigkeiten von WTW an den Makler Arthur J. Gallagher beinhalten, vollständig umsetzt. Die kartellrechtlichen Bedenken waren auch bei der EU groß. Aber sowohl Aon als auch Willis sind formal Gesellschaften irischen Rechts und aus Sicht der EU-Kommission könnte man argumentieren, dass man das Entstehen eines gemeinschaftlichen Champions im Bereich der Makelei nicht verhindern könnte, da die USA in allen anderen Finanzbereichen dominieren. Es besteht jedoch die Theorie, dass die Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, die in den vergangenen Monaten einige Schlappen vor dem European General Court, dem Europäischen Allgemeinen Gericht hinnehmen musste, gar keine so guten Karten hat, den Aon-Willis-Deal zu verhindern und bewusst eine Fusionsvereitelung lieber den Amerikanern überließ.

Unbestrittene Monopolmacht

Das US-Department of Commerce reichte im Juni 2021 gegen Aon und Willis beim United States District Court for the District Of Columbia Klage ein, mit dem Ziel, die Fusion unter Anwendung des Clayton Act zu verhindern. In der Klagebegründung heißt es, die Fusion werde den Wettbewerb reduzieren und höhere Preise sowie weniger Innovation zur Folge haben. Die 35-seitige Klageschrift argumentiert, es gehe um die Fusion des zweit- und des drittgrößten Versicherungsmaklers. Dies habe erhebliche Auswirkungen auf den Zugang von US-Firmen zu Nicht-Lebensdeckungen, aber auch zu Kollektivkranken und Pensionsverträgen. Der Gedanke an eine Fusion mit Willis sei Aon gekommen, nachdem 2015 Willis mit Towers Watson fusionierte. Aon habe befürchtet, es wachse ein ernst zu nehmender Konkurrent heran, der den beiden Marktführern Aon und Marsh Paroli bieten könne. Zitiert wird der Aon-Chief Broking Officer, der selber von einem Oligopol gesprochen habe, welches durch die Fusion noch weiter gestärkt werde, was wiederum Preiserhöhungen für Versicherungskunden bedeute.

Das DOJ sagt, dass der für alle Geschäftsfelder ausgeführte Hypothetical Monopoly Test zu einem positiven Ergebnis führte, d.h. gäbe es dort einen Monopolisten, so könne dieser seine Preise signifikant und dauerhaft erhöhen. Dies ist der in den USA generell angelegte Maßstab. Des Weiteren führe das Wegfallen eines Wettbewerbers zu erhöhter Marktkonzentration und reduziertem Wettbewerb. Die beiden Fusionanten lägen kombiniert in allen der genannten Felder bei bereits mehr als 40 Prozent Marktanteil. Der verbleibende einzige echte Konkurrent hieße dann Marsh, nur der verfüge über vergleichbare Expertise und Marktzugang.

Insgesamt las sich die DOJ-Klageschrift als dürften es den Fusionanten schwerfallen, gegen die sich abzeichnende Duopolisierung des Marktes zu argumentieren. Und so war es auch tatsächlich. „Wir sind in den Gesprächen mit dem US-Justizministerium in eine Sackgasse geraten“, sagte Aon-Chef Greg Case. Am Montag verkündete Aon, dass die Fusion geplatzt sei. Man habe sich angesichts des Widerstands der US-Wettbewerbshüter entschlossen, die im Frühjahr 2020 geschlossene Vereinbarung zu lösen. Mit einer Entscheidung eines Justizstreits wäre nicht vor dem 9. September 2021 zu rechnen gewesen. Doch zu diesem Stichtag endet die Vereinbarung über die Fusion. Willis Towers Watson hat nun Anspruch auf die für diesen Fall vereinbarte Abstandszahlung über eine Mrd. Dollar.

Autor: Philipp Thomas

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