Was der Tarifabschluss im Außendienst über die Lage deutschen Versicherer verrät

Pavel Statsenko auf Pixabay

Verdi und AGV haben sich auf einen neuen Tarifabschluss für den Außendienst (AD) geeinigt. Beide Parteien betonen die schwierige, coronabedingte Ausgangslage und sind mit dem Abschluss zufrieden, wenn auch nicht euphorisch. Die größte Interessensvertretung der Versicherungskaufleute, BVK, wollte den Abschluss dagegen nicht kommentieren.

Die den Außendienst betreffenden Tarifabschlüsse für die Jahre 2020 bis 2022 sind beschlossen, für über 30.000 Außendienstler ist so Planungssicherheit erreicht worden. Die Gehälter werden leicht steigen, für Neueinsteiger im Beruf stärker als für erfahrenere Mitarbeiter. Ebenso werden die Höchstbeiträge für Sonderzahlungen angehoben – die genauen Details finden Sie HIER.

Natürlich muss bei steigenden Löhnen auch immer die Inflation berücksichtigt werden, die den Wert der Erhöhung sinken lässt.

Quelle: Statista

Wohl coronabedingt vereinbarten die beiden Parteien zehn „Null-Monate“, von Januar bis Oktober 2010, die bei einer Bewertung des Vertrags ebenfalls berücksichtigt werden müssen. Die vom Arbeitgeberverband angegebenen Nullmonate muss man allerdings relativieren, erklärt Verdi. Zwar sei der alte Gehaltstarifvertrag schon zum 31. Dezember 2019 ausgelaufen und die erste Erhöhung erfolgt erst zum 01. November 2020, allerdings hat die letzte Erhöhung aus dem vergangenen Tarifabschluss zum 01.November 2019 stattgefunden. Das heißt, „der Tarifvertrag sichert, dass es alle 12 Monate zu einer Einkommenserhöhung kommt“.

Dass die Coronazeit eine schwierige Situation für den Außendienst darstellt, musste unter anderem die Debeka erleben, ein unzufriedener AD-Mitarbeiter erhob schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen.

Im Gegensatz zum Innendienst ist der Tarifvertrag für den angestellten Außendienst eher eine Basis für die Einkommensentwicklung. Er regelt die Mindesteinkommen und Höchst- und Begrenzungsbeträge beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld, sowie der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Das reale Einkommen wird betrieblich über die Vereinbarungen und Regelungen zur Provision geregelt.

Verdi „nicht euphorisch“ aber zufrieden

Im Großen und Ganzen ist die Gewerkschaft Verdi zufrieden mit dem Abschluss, wenn auch nicht alle erhofften Punkte erreicht wurden. Das Ziel war es, einen Tarifabschluss zu erreichen, „der im Niveau möglichst nah an den Tarifabschluss im Innendienst heranreicht“.

Das war aus mehreren Gründen „so nicht erreichbar“, erklärt die Gewerkschaft. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich durch die Coronakrise „deutlich verschlechtert“ und es bestehe, obwohl die Branche gut durch die Krise kam, eine „sehr große Unsicherheit über die Entwicklung der nächsten Monate“. Zudem würden wegen der langanhaltenden Niedrigzinsphase die wesentlichen Geschäftsfelder, Leben- und Krankenversicherung, immer mehr unter Druck geraten.

Doch die Probleme des Außendienstes sind zumindest teilweise hausgemacht. Der angestellte Außendienst habe einen „deutlich niedrigeren Organisationsgrad als der Innendienst“, wodurch die Durchsetzungsmöglichkeiten bei Verhandlungen geringer sind, erklärt die Gewerkschaft. Zudem würden nur noch wenige Versicherungsunternehmen auf „große angestellte Außendienste“ setzen.

„All dies berücksichtigend halten wir den Abschluss für einen vertretbaren Kompromiss, insbesondere,  weil wir Arbeitgeberforderungen nach eine Absenkung der Mindesteinkommen für Kolleginnen und Kollegen, die sich länger im Unterverdienst befinden und zu einer Veränderung der Berechnungsgrundlage bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die für einen Teil der Beschäftigten Nachteile gebracht hätten, abwehren konnten“, erklärt Martina Grundler, Fachgruppe Versicherungen. Dennoch stimme sie der Abschluss „nicht euphorisch“.

Gesamt betrachtet sei der aktuelle Tarifabschluss „in einigen Elementen sogar etwas besser als der letzte“, das gelte insbesondere für die letzte Erhöhungsstufe zum 01. November 2022.

Der AGV will Jobs erhalten

Der Arbeitgeberverband der Versicherer betont ebenfalls, dass die Verhandlungen coronabedingt nicht einfach waren, im Mittelpunkt stünde derzeit die Arbeitsplatzsicherheit. „Angesichts der aktuellen Krise, die auch den Versicherungsvertrieb trifft, stand das Thema Beschäftigungssicherheit im Vordergrund. Deshalb konnten nur leichte Tarifanpassungen erfolgen. Es soll nämlich vermieden werden, dass durch wirtschaftlich nicht vertretbare Lohnkostensteigerungen im Bereich des Vertriebes durch eigene Angestellte ein unnötiger Anpassungsdruck entsteht“, erklärt Sebastian Hopfner, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Syndikusanwalt des Verbandes.

Der Abschluss trage den Interessen beider Seiten unter den aktuellen Rahmenbedingungen „hinreichend Rechnung“. Leider konnten die seitens des AGV adressierten Themen des Manteltarifvertrages nicht zum Gegenstand der Einigung gemacht werden, bedauert Hopfner. Allerdings hat man sich mit Verdi darauf verständigt, bis zur nächsten Runde diese Themen nochmals im Detail zu erörtern. Beide Parteien blieben im Gespräch.  

Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK), sonst selten wortkarg, wollte den Abschluss nicht kommentieren.

Auch ansonsten ist die Branche ausgesprochen schweigsam. Ob es an Corona, dem Sommerurlaub oder Teilnahmslosigkeit liegt, muss offenbleiben. Nach dem Abschluss ist das Thema Außendienstgehalt zumindest bis zum Jahr 2022 abgehakt. Wie sich der Markt und Vertrieb bis dahin verändern, weiß niemand, vielleicht stehen die nächsten Verhandlungen unter einem ganz neuen (Digital-) Stern.

Autor: Volz Maximilian

AGV und Verdi sind zufrieden mit dem Abschluss – zumindest ein wenig. Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

15 − 7 =