Rettungspaket für Kreditversicherer: Kommt der große Knall erst noch?

koon boh Goh auf Pixabay

Ein Deal mit dem Staat sichert deutschen Kreditversicherern und Versicherungsmaklern das Überleben. Für internationale Geschäfte birgt die nationale Rettungsaktion neue Probleme. Denn überall ist Liquidität ein knappes Gut geworden.

Kreditversicherungen sind weltweit aktiv. Sie schützen ihre Kunden davor, dass Lieferkredite nicht bezahlt werden. Kommt es zu Forderungsausfällen oder längerfristigen Zahlungsverzögerungen, wird die Rechnung vom Kreditversicherer beglichen. Das macht den Warenverkehr vor allem in der aktuellen Krise überhaupt erst möglich.

„Es muss noch kein Insolvenzverfahren des Abnehmers eintreten, um einen Leistungsfall auszulösen“, erläutert Thomas Langen, Direktor beim Kreditversicherer Atradius und Vorsitzender der Kommission Kreditversicherung beim GDV. So ist es möglich, Tarife zu wählen, die schon bei einer Zahlungsverzögerung von fünf Monaten leisten. Die Bonität ihrer Kunden können Unternehmer vielfach nur schwer zuverlässig einschätzen. Das gilt für alle Abnehmer – egal, ob die Kunden groß, klein, alteingesessen oder neu sind.

Die Pleite kann jeden treffen. Und das gilt nun für ganz, ganz viele Unternehmen, die nach dem weltweiten Lockdown durch den Corona-Virus nicht mehr auf die Beine kommen werden. Niemals war der Schutz von gelieferten Waren und Dienstleistungen daher wichtiger als in der Corona- Welt-Krise. Doch in Notzeiten stehen Kreditzusagen immer auf der Kippe. Deutet die Bonitätsprüfung eines Kunden auf drohende Zahlungsprobleme hin, kann das Kreditlimit reduziert oder aufgehoben werden.

Genau das verhindert derzeit in vielen Fällen der Schutzschirm, den die Bundesrepublik gemeinsam mit den in Deutschland tätigen Kreditversicherern aufgespannt hat. „Den Schutzschirm für die Kreditversicherer begrüßen wir sehr“, sagt Sebastian Kentenich, Leiter Kreditversicherungen beim internationalen Versicherungsmakler und Risk Consultant der Funk-Gruppe aus Hamburg.

„Wir sehen den Schutzschirm als extrem hilfreich und notwendig an.“

Heiko Walter, Kreditversicherungsmakler

Das Prinzip des Schutzschirms: Unternehmen, die vor der Corona-Krise ein funktionierendes Geschäftsmodell hatten, sollen weiter versichert werden. Die negative Auswirkung der Pandemie auf die Zahlungsfähigkeit soll neutralisiert werden. Bereits vor der Krise nicht gesunde Firmen fallen nicht unter die Maßnahme. Mit dem Schutzschirm soll ein Großteil der Kreditgarantien von über 400 Mrd. Euro aufrechterhalten werden.

„Wir sehen den Schutzschirm als extrem hilfreich und notwendig an. So werden die für die deutsche Wirtschaft lebensnotwendigen Lieferketten zumindest bis zum Einzelhandel stabilisiert“, sagt Heiko Walter von der Walter – Kammann Kreditversicherungsmakler. „Wir sind zuversichtlich, dass die Maßnahmen die bestehende Nervosität am Kreditversicherungsmarkt deutlich lindert und es auch einfacher wird, unversicherten Firmen wieder Angebote mit ausreichendem Versicherungsschutz vorlegen zu können.“

Kreditversicherer tragen selbst Verluste bis 500 Mio. Euro

Am Schutzschirm nehmen die Kreditversicherer Atradius, Coface, Euler-Hermes, R+V und Zurich über bilaterale Verträge mit dem Staat teil. Die Bundesregierung übernimmt dafür rückwirkend zum März 2020 bis zum Jahresende eine Garantie von 30 Mrd. Euro. Die Kreditversicherer tragen selbst Verluste bis 500 Mio. Euro sowie Ausfälle, die über die Bundesgarantie hinausgehen. Dafür erhält die Bundesregierung 65 Prozent des Prämienaufkommens, dass sich nach Angaben des GDV 2019 auf rund 817 Mio. Euro belief. „Vielfach beneidet man uns darum, auch innerhalb der EU, dass hierzulande so schnell und umfassend reagiert wurde“, sagt Jens Klawun, Leiter Geschäftsbereich Credit Specialties bei Marsh Deutschland. Das gelte grundsätzlich auch weltweit. In der Praxis wirft der Schutzschirm viele Fragen auf und es gibt auch Kritik.

So bestätigen alle Spezialmakler, dass die beteiligten Kreditversicherer klar das Bestreben zeigen, die Deckungen aufrechtzuerhalten. „Es ist aber nicht so, dass die Regierung den Kreditversicherern die Bürgschaft zur freien Verfügung stellt und diese nun einfach wahllos die Kreditlimits der einzelnen Kunden beibehalten. Durch den Schutzschirm bildet sich eine Gefahrengemeinschaft zwischen dem Bund und den unterschiedlichen Kreditversicherern“, erläutert Viktor Margaritopoulos, Head of Credit Insurance DACH beim Gracher Kredit- & Kautionsmakler aus Trier. Der Schutzschirm sei kein Freifahrtschein dafür, jedes Risiko zu zeichnen. „Die Überprüfung der Bonität der Warenempfänger ist also nach wie vor essenzieller Bestandteil der Kreditversicherer“, betont Margaritopoulos.

Das schlechte Image aus alten Krisen abwerfen

Immerhin haben die Versicherer in den letzten Wochen einige Erleichterungen für die Versicherungsnehmer eingeführt, die unter anderem dazu beitragen sollen, dass verlängerte Zahlungsziele und sonstige Unterstützungen zwischen Lieferanten und Kunden möglichst im Einklang mit Meldepflichten und Obliegenheiten der zugrundeliegenden Policen stehen. „Damit möchte man eine Flut an unnötigen Meldungen und Administration verhindern“, sagt Jörg Mielke, Member of the Executive Board der Credit Solutions Aon Deutschland.

Ein Problem ist, das der tatsächliche Bedarf vielfach vom zur Verfügung gestellten Limit deutlich abweichen kann. Es ist teilweise zu hoch. Mielke ist aber skeptisch, ob bei einer Anpassung dann in Zukunft – wenn der Bedarf wieder steigt – die Versicherer auch mitziehen werden. Daher müssten die Unternehmen derzeit umfassend beraten werden. Und nicht nur sie, sondern teilweise auch die Versicherer.

Denn nach Einschätzung von Kentenich zeige sich schon jetzt, dass die Kreditversicherer ihrer Aufgabe aus dem Schutzschirm in „unterschiedlichem Maße“ nachkommen. „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, hier Transparenz für unsere Kunden zu schaffen und auf Versicherer einzuwirken.“ Bisher heißt der wesentliche Tenor in der Branche: Die Kreditversicherer verhalten sich fair. Sie haben aus den Krisen 2002 und 2008 gelernt – damals wurden per Knopfdruck etwa alle Limite der Baubranche gekündigt – und wollen aktuell ihr Image schützen.

Der große Bang kommt erst noch

Doch der große „Bang“ kommt erst noch. Viele Unternehmen werden sich aus dem Stillstand der Corona-Krise nur schwer befreien können. Daher hätte sich der Markt eine längere Laufzeit für den Schutzschirm gewünscht, der nur bis zum 31.12.2020 gilt und eine recht kurze Verlängerungsoption bis zum 31. März 2021 hat. Das führt nach Einschätzung der Branchenexperten schon heute zu Unsicherheit über das Zeichnungsverhalten und den Umgang mit Insolvenzen nach Auslaufen des Schutzschirmes.

„Wir denken, dass sich aus diesem Grund alle Beteiligten zurückhaltender verhalten, als dies die Intention des Schutzschirmes gewesen sein dürfte“, sagt Aon-Experte Mielke. In Krisenzeiten dürfte zudem bei Schadenfällen kaum Raum für Kulanz sein. Deshalb erwartet z.B. die Funk-Gruppe „strikte“ Schadenprüfungen. Und auch wenn die Regierung die Insolvenzantragspflicht mit dem COVInsAG mindestens bis zum 30. September 2020 ausgesetzt hat und so auch das Risiko einer künftigen Insolvenzanfechtung minimiert wurde, gilt das nicht ewig. Die Makler empfehlen daher den Unternehmen, den Schutz für dieses Risiko falls notwendig zu erweitern.

Doch das Neugeschäft hat es derzeit schwer. Obwohl die Nachfrage „brummt“ und die Assekuranzen ebenfalls stark an neuen Kunden interessiert sind. Immerhin ist das Potential sehr groß, denn viele Unternehmen sind nicht versichert. Laut dem GDV sind Exporte lediglich zu 15 Prozent geschützt. Und trotz des hohen wirtschaftlichen Risikos von Forderungsausfall, schätzt der Kreditversicherer Coface, dass in Deutschland vor der Krise nur 20 bis 25 Prozent der Unternehmen eine Police abgeschlossen hatten.

Nun sind die Firmen aufgewacht, die bisher eher keine Affinität zur Kreditversicherung hatten, z.B., weil die Kundenstruktur oder die Branche erstklassig war. Zudem entschließen sich viele Versicherungsnehmer dazu, bisher herausgenommene Bereiche oder Kunden mit Top-Bonitäten nun doch zu versichern. „Aber auch hier gilt, dass für schwache Risiken im Kundenportfolio derzeit quasi keine Kapazitäten zur Verfügung stehen“, sagt Mielke. Gleichzeitig werden die höheren Ausfallwahrscheinlichkeiten bereits jetzt eingepreist.

Autor: Uwe Schmidt-Kasparek

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Quelle: VVW GmbH

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