Spartencheck Komposit: Risiko, wohin man blickt

Wokandapix auf Pixabay

Eine stärkere Fokussierung auf das Komposit-Geschäft hat sich 2019 noch nicht als Garant für Erfolg erwiesen. Im Gegenteil: Wichtige Sparten sind weiterhin notleidend oder wachstumsschwach. Für 2020 steht für viele Versicherer noch eine Menge Sanierungsarbeit an. VWheute wird nach einer kurzen Winterpause pünktlich zum 7. Januar weiter für Sie berichten.

Während sonst im deutschen Schaden-/Unfallgeschäft kaum Wachstum zu erwarten ist, entsteht mit Cyber eine Sparte, die die Kfz-Versicherung womöglich als volumenstärkste Sparte ablösen könnte, prognostizieren Assekurata und Instinctif in einer gemeinsamen Studie. Schon 2017 schätzte die Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaft KPMG, dass dieses bisher vor allem in den USA gezeichnete Risiko in Deutschland bis zum Jahr 2036 auf 20 Mrd. Euro Prämie wachsen werde. In einem besonders optimistischen Fall könnten es laut KPMG sogar über 26 Mrd. Euro werden. Drei Viertel des Aufkommens entfielen dabei auf das Geschäft mit Privatkunden und kleinere Unternehmen.

Eine Schätzung, an die der oberste Versicherungsaufseher Dr. Frank Grund, wie er jüngst vor der Presse kundtat, „nicht glaubt.“ Denn der Markt entwickele sich langsam. Die Anbieter agierten bei diesem neuen Risiko vorsichtig – und damit seien sie auch gut beraten. Deckungssummen in mehrfacher Millionenhöhe würden seiner Kenntnis nach nicht ausgelegt und könnten allenfalls europaweit eingesammelt werden. Einen Überblick über die Cyber-Policen will sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht in einem Aufsichtsschwerpunkt 2020 verschaffen.

Noch also „fliegt“ Cyber nicht. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nennt für 2018 ein Prämienvolumen von rund 50 Mio. Euro. Die Aktuare von Meyerthole Siems Kohlruss schätzten im Frühjahr, dass erst 50.000 Cyber-Policen mit einem Beitragsvolumen von 100 bis 200 Mio. Euro verkauft worden sind. In diesem jungen, dynamischen Umfeld beginne sich allerdings erst langsam ein „Common Cense“ herauszubilden, welche Potenziale der Markt realistischerweise biete und mit welchen Leistungen die Assekuranz ein solides Angebot aufbauen könne, schreiben Assekurata und Instinctif.

Viele und hohe Schäden

Gleichwohl: Die Sensibilität für dieses Risiko wächst – spätestens durch Schaden werden die potenziellen Kunden klug. In Deutschland ist bereits knapp jeder Vierte ein Opfer von Internetkriminellen geworden. Meist ging es um Betrug beim Onlineshopping (36 Prozent), Phishing (28 Prozent) und Schadsoftware (26 Prozent), so eine Umfrage des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK).

Im gewerblichen Bereich sieht es nach Schätzungen verschiedener Experten noch kritischer aus. Jede zweite Firma fiel nach verschiedenen Expertenschätzungen in den letzten zwei Jahren Hackern, digitalen Wirtschaftsspionen, Saboteuren oder Erpressern zum Opfer. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) schätzte den Schaden 2017 auf 55 Mrd. Euro.

So sieht auch Aon Risk Solutions Deutschland den Markt für Cyber-Versicherungen in Bewegung: Die Nachfrage nach Cyber-Versicherungen steige stetig. Versicherer seien wieder bereit, individuelle Deckungserweiterungen zu diskutieren und in den Versicherungsschutz aufzunehmen. Nachdem die Prämien 2018 gestiegen und die Kapazitäten zurückgegangen sind, trete 2019 etwas Entspannung ein. Die Bereitschaft der Versicherer, Cyber-Risiken zu zeichnen, sei wieder gewachsen.

Sie forderten von den Versicherten aber vermehrt detaillierte Risikoinformationen an. Wettbewerber Marsh berichtet in seinem „Versicherungsmarktreport 2019 für Deutschland“ hingegen von stabilen bis leicht steigenden Preisen für Cyber. Vereinzelt würden Versicherer, insbesondere jene, die bereits früh in den deutschen Markt eingestiegen seien, diese zu erhöhen. Für die Nachfrager seien die Preise durch den Eintritt von neuen Marktteilnehmern und ein starkes Wettbewerbsumfeld aber noch immer attraktiv.

Hoher Sanierungsbedarf

Zu den Sparten mit hohem Sanierungsbedarf zählt die Vermögensschadenhaftpflicht für Unternehmensleiter, kurz Directors-and-Officers-Versicherung. Für 2018 weist die D&O-Statistik des GDV eine Schadenquote von 112,9 Prozent aus. 2017 betrug die Quote zwar nur 85,3 Prozent. Doch dürfte auch das nicht auskömmlich gewesen sein, wenn man eine Kostenquote von etwa 20 Prozent unterstellt, wie sie etwa in der Kreditversicherung vorkommt, die diesem Geschäft der Struktur nach ähnlich ist.

Die Verbandsstatistik ist jedoch noch sehr jung und lückenhaft: Von den rund 50 GDV-Mitgliedern, die dieses Geschäft zeichnen, haben nur 33 Anbieter Zahlen gemeldet – nämlich 247 Mio. Euro verdiente Bruttobeiträge. Für alle 50 Anbieter schätzt der Verband ein Aufkommen von etwa 310 Mio. Euro, für den gesamten inländischen Markt 500 Mio. Euro. Auch wenn nur rund die Hälfte des Marktes statistisch in Erscheinung tritt, dürfte das Schadengeschehen insgesamt hoch sein – wie die Pressemeldungen über viele und teuere Schäden, auch im Zusammenhang mit Insolvenzen wegen Verschleppungen durch das Management und im Mittelstand, zeigen. Prämienerhöhungen werden seit langem gefordert.

Die Maklergruppe Marsh geht in ihrem Update zum Versicherungs-Marktreport 2019 Deutschland vom September davon aus, dass sich dieser Markt nicht „durchgängig“ verhärtet. Die D&O-Prämien für große wie mittelständische Unternehmen seien in der Regel stabil auf relativ niedrigem Niveau. Einige Versicherer reduzierten zwar Kapazitäten, doch werde dies durch neue Anbieter weitgehend kompensiert. Auch gelinge es nur vereinzelt, die Bedingungen einzuschränken oder Prämien anzuheben. Bei den Versicherungsnehmern mit US-Börsennotierungen würden einzelne Versicherer ihre Kapazitäten stark einschränken, höhere Prämien und ein Engagement im Grundvertrag „sehr genau prüfen“.

Teure Widerrufe

Die Sparte Rechtsschutz hat sich gerade erst von den Folgen der Gebührenverteuerung durch das zweite Kostenrechtsmodernisierungsgesetz erholt, da wird es bereits wieder ungemütlich. Der Widerruf von etwa 100.000 Immobiliendarlehen dürfte die Sparte nach Einschätzung von Meyerthole Siems Kohlruss rund eine halbe Mrd. Euro kosten und damit teurer werden als der „Dieselgate“. Während die Streitwerte der rund 144.000 Prozesse der VW-Besitzer bei durchschnittlich 25.000 Euro lagen, geht es im Falle der Darlehen um durchschnittlich ca. 80.000 Euro. MSK hält es für möglich, dass die Einzelfallreserven zu niedrig angesetzt sind und nachträglich um 20 bis 50 Prozent aufgestockt werden müssen.

Mit einer Combined Ratio von 98,8 (97,8) Prozent machte die Sparte 2018 zum zweiten Mal in Folge nach drei defizitären Jahren einen kleinen Gewinn. Bei MSK rechnet man damit, dass die Rechtsschutzsparte ihren Rückversicherungsbedarf neu bewerten wird. Bislang gibt die Sparte wenig an die Rückversicherer weiter. Das könnte sich mit vermehrten Kumulszenarien wie etwa durch die Insolvenz des Reiseveranstalters Thomas Cook (Kunden und Mitarbeiter/Arbeitsrechtsschutz), Rezession, aber auch aufgrund von Rechtsunsicherheiten bei einem ungeregelten Brexit ändern.

Dauersanierungsfall Wohngebäude

Die verbundene Gebäudeversicherung (VGV) bleibt ein Sanierungsfall. 2018 sind die Wohngebäudeversicherer mit einer Schaden- und Kostenquote von 102,44 (95,36) Prozent wieder in die roten Zahlen gerutscht. Die Sanierungsversuche der letzten Jahre mit Kündigungen und Beitragserhöhungen haben nicht ausgereicht. Dabei hatten die 64 (66) VGV-Anbieter ihre Prämien je Vertrag seit 2011 um rund ein Drittel auf durchschnittlich 377,82 (2017: 356,52) Euro angehoben.

Dies zeigen Marktauswertungen der Kivi GmbH Kölner Institut für Versicherungsinformation und Wirtschaftsdienste. Der Sparte, auf die rund neun Prozent aller Prämien in der Schadenversicherung entfallen, machen vor allem die vielen Frequenzschäden bei Leitungswasser zu schaffen. Im längerfristigen Vergleich ist sie übrigens defizitärer als die stets kritisch betrachtete Kraftfahrtversicherung.

Da VGV als Anker- und Türöffnersparte für eine an sich interessante Kundschaft gilt, dürfte sich der Markt nicht durch Austritte sanieren. Absehbar bzw. nötig sind weitere Beitragsanpassungen, besseres Underwriting und die Verbesserung des Schadenmanagements.

In eigener Sache: VWheute wird nach einer kurzen Winterpause pünktlich zum 7. Januar 2020 um 00.04 Uhr wieder für Sie berichten. Zwischen den Feiertagen versorgen wir Sie je nach Meldungslage außerhalb des regulären Newsletters direkt über VWheute.de gerne mit kurzen Sprintnews.

Redaktionelle Bilanz

Und wie sieht die Jahresbilanz 2019 aus Sicht der VWheute-Redaktion aus? Die redaktionellen Momente 2019 hat Michael Stanczyk im Blick.

Quelle: VWheuteTV

Autorin: Monika Lier

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der Dezember-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

16 − zehn =