Klaus Zehner: „Unfallversicherung gehört noch immer zu den profitablen Sparten am Markt“

Die Unfallversicherung ist des Versicherers liebstes Kind. Die Schäden sind gering, die Gewinne hoch, doch nicht jeder Versicherer kann vom Produkt gleichermaßen profitieren. Steigende Schadenquoten und Auszahlungen erschweren laut Assekurata das Geschäft, das liegt nicht nur an immer aktiveren Rentnern. Doch wie sehen das die Versicherer? VWheute hat dazu exklusiv mit Klaus Zehner, Vorstand Schaden/Unfall, bei der Sparkassenversicherung gesprochen.

VWheute: „So ist ersichtlich, dass etwa die Hälfte der Marktteilnehmer bei zumeist hoher Profitabilität unter dem Strich Bestandabgänge hinnehmen musste“. Teilen Sie die Ansicht und wie ist das in Ihrem Haus?

Klaus Zehner: Die Unfallversicherung gehört noch immer zu den profitablen Sparten am Markt. Unser Haus konnte in den vergangenen Jahren ein Wachstum der Verträge von rund zwei Prozent p.a. in der Sparte Unfall Privat verzeichnen. Das Wachstum der Bestandsbeiträge fiel in den vergangenen Jahren deutlich höher aus und lag im Durchschnitt bei ca. sieben Prozent p.a. Dies ist hauptsächlich auf die in den Verträgen enthaltenen Dynamiken sowie ein umfangreicherer Leistungsumfang und dem damit verbundenen Anstieg der Durchschnittsbeiträge im Neugeschäft zurückzuführen.

VWheute: Negativ wirkt sich auf die Combined Ratio schadenseitig die fortschreitende Alterung der Bestände nieder. Und zudem, dass ältere Versicherte heute deutlich aktiver sind und statistisch häufiger, meist auch schwerere, Unfälle haben. Gibt es da eine Lösung, härtere Bedingungen, Ausschlüsse?

Klaus Zehner: Eine höhere Schadenfrequenz und folglich ein erhöhter Schadenaufwand in den Jahrgängen 50plus können auch wir bestätigen. Die Folge ist die von Ihnen beschriebene Verschlechterung der Combined Ratio mit zunehmendem Durchschnittsalter im Bestand.

Die Vermutung, dass ältere Versicherte deutlich aktiver sind und somit auch häufiger schwere Unfälle erleiden, liegt nahe. Um diese Vermutung statistisch nachweisen zu können, müsste man einen Unfall aufgrund höherer Aktivität älterer Versicherter klar identifizieren können. Dies ist allerdings nicht so einfach.

Um dem Trend der fortschreitenden Alterung des Bestandes entgegenzuwirken, haben wir im vergangenen Jahr für das Neugeschäft einen risikogerechten und altersdifferenzierten Tarif eingeführt.

Möchte man im Bestand auf eine negative Schadenentwicklung reagieren, bleiben einem nur die unbeliebten Maßnahmen der Beitragsanpassung oder der Kündigung. Beides haben wir in der Vergangenheit vermieden und versuchen es nach Möglichkeit auch in Zukunft zu vermeiden.

VWheute: Die Schadenquote stieg in den vergangenen zehn Jahren marktweit deutlich von durchschnittlich 51,92 auf 58,23 Prozent an. Wie ist das bei Ihnen, was kann Abhilfe schaffen. Hilft es vielleicht, die internen Kosten per Digitalisierung zu senken?

Klaus Zehner: Auch wir verzeichnen in den letzten Jahren eine Steigerung der Schadenquoten, mit leicht steigender Tendenz. Die Combined Ratio liegt im Vergleich auf Marktniveau.

Einen Einfluss auf die Combined Ratio haben selbstverständlich auch die Kosten. Die Digitalisierung von Prozessen kann durchaus helfen, Kosten zu reduzieren. Zunächst kostet sie aber bekanntlich viel Geld. Unabhängig von den Kosten, ist die zentrale Aufgabe eines Versicherers, das Verhältnis von Beiträgen und Leistungen ausgewogen zu gestalten.

VWheute: Das Zeichnen von jungen Risiken ist in der UV schwierig, unter anderem aufgrund der zunehmenden Bedeutung der Internetvergleichsportale. Teilen Sie diese Einschätzung?

Klaus Zehner: Bei jungen Kunden ist das Bewusstsein für das Risiko und die notwendige Absicherung nicht immer vorhanden. Oft sind es die Eltern, die Ihre Kinder gegen Unfälle absichern. Die Unfallversicherung ist grundsätzlich ein erklärungsbedürftiges Versicherungsprodukt, das auf den Bedarf des Kunden angepasst werden muss. Es eignet sich meines Erachtens daher nur eingeschränkt für den Abschluss über Internetvergleichsportale. Die Angebote unterscheiden sich leistungsseitig doch sehr stark.

Diese Unterschiede können Internetvergleichsportale nur bedingt darstellen, hier steht meist ausschließlich der Preis im Vordergrund. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Kunden durch die Beratung unserer Vertriebsmitarbeiter einen für ihre Belange optimalen Schutz erhalten. Der Preis spielt auch dabei eine Rolle, aber nicht ausschließlich. Diese Beratungsleistung kann ein Internetvergleichsportal nicht bieten.

VWheute: Eine Ausweitung des Leistungsspektrums und damit einhergehend Verkomplizierung des Produktes sei keine Lösung, glaubt Assekurata, insbesondere wegen den gebundenen Vermittlern und Vertrieben. Was sagen Sie dazu und was ist die Lösung?

Klaus Zehner: Der Markt war in den vergangenen Jahren durch einen leistungsseitigen Wettbewerb gekennzeichnet. Die Leistungsausweitungen werden sich mit Blick auf die steigende Combined Ratio im Markt meiner Ansicht nach in Zukunft so nicht fortführen. Durch die Leistungsanreicherungen der vergangenen Jahre sind die Produkte sicher nicht einfacher geworden. Die Leistungserweiterungen fanden nicht in existenzabsichernden Leistungen statt, sondern in Sofortleistungen. Da sich die Sofortleistungen deutlich in der Schadenfrequenz bemerkbar machen, kann ich mir vorstellen, dass hier in Zukunft ein Umdenken in der Branche stattfinden wird und die Produkte damit auch wieder „einfacher“ werden.

VWheute: „Aufgrund der Tatsache, dass den Versicherern im derzeitigen Zinsumfeld auch bedeutend weniger Erträge aus der Kapitalanlage zur Verfügung stehen, suchen viele Unternehmen neue Ertragsquellen in anderen Zweigen.“ Stimmt das, was sind diese Quellen?

Klaus Zehner: Das Kerngeschäftsfeld eines Schadenversicherer ist das versicherungstechnische Geschäft, nicht die Kapitalanlage. Viele Versicherungsunternehmen konnten in der Vergangenheit ihre negativen oder niedrigen versicherungstechnischen Ergebnisse durch Erträge aus den Kapitalanlagen kompensieren. In Zeiten niedriger Zinsen wird dies immer schwieriger.

Unser Haus hat diesen Umstand schon vor vielen Jahren erkannt und sein versicherungstechnisches Ergebnis mit diversen Maßnahmen wie zum Beispiel auskömmliche/risikogerechte Tarifierung, Verbesserungen im Underwriting, Bestandssanierungen, Risikoselektion und optimierte Rückversicherung in allen betriebenen Sparten deutlich gesteigert.

Ich bin überzeugt davon, dass die Schadenversicherer erfolgreich sein werden, die sich um ihre Versicherungstechnik kümmern und sich nicht bei der Suche nach weiteren Ertragsquellen verzetteln.

VWheute: Was ist die Zukunft der UV, einfachere Produkte, die schnell online abschließbar und sowohl portals- wie auch vermittlertauglich sind, oder umfangreichere Produkte, die viel abdecken aber erklärungsbedürftig sind?

Klaus Zehner: Versicherungsprodukte sind in der Regel keine einfachen Produkte. Dies gilt besonders für Unfallprodukte. Meine langjährige Erfahrung in dieser Branche hat mit gezeigt, dass Attribute wie „schnell“ und „einfach“ in diesem Fall mehr einen Marketingcharakter haben.

Ich würde mich als Kunde immer für eine bedarfsgerechte Lösung interessieren und diese ist nun mal nicht „einfach“ oder „schnell“ mit ein paar Klicks zu erstellen.Ich könnte mir aber trotzdem vorstellen, dass es beide Lösungen geben kann. Auf der einen Seite wird es einfache Produkte geben, die einen standardisierten Basisschutz bieten und onlinefähig sind. Auf der anderen Seite wird es weiterhin umfangreiche Produkte geben, die einem individuellen Kundenbedarf gerecht werden und die einer qualifizierten Beratung bedürfen.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.

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