BVK-Präsident Heinz zieht Bilanz: „Positiv ist auf jeden Fall, dass die Einführung einer Bürgerversicherung keine Berücksichtigung im Koalitionsvertrag gefunden hat“

„Wir werden nicht müde werden, unseren sozialpolitischen Auftrag hervorzuheben und diesen gegenüber den neuen Ministern und Abgeordneten immer wieder betonen“, erklärt BVK-Präsident Heinz. Quelle: Steffen Wahl auf Pixabay.

Die Versicherungs- und Vermittlerbranche stehen unwägbare Zeiten bevor, sowohl in politischer als auch pandemischer Hinsicht. Aufgrund der Corona-Pandemie hatten auch die Vermittler Einkommenseinbußen, wie die Corona-Umfragen des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) in 2020 ergaben: 18 Prozent der Teilnehmer mussten im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr Bestandsverringerungen hinnehmen. Diese Quote liegt im Vergleich zu den vorherigen BVK-Studien um 5 Prozentpunkte höher. Es wird sich zeigen, welche Maßnahmen in Deutschland ergriffen werden, um wieder halbwegs ein normales Geschäftsleben zu ermöglichen. BVK-Präsident Michael H. Heinz berichtet.

Doch wir sehen die Pandemie, wie jede Krise übrigens, auch als eine Chance, uns weiterzuentwickeln. So waren die diversen Lockdowns und Kontaktbeschränkungen ein Trigger für unseren Berufsstand, sich verstärkt dem Thema Digitalisierung zu widmen und die eigene Vertriebstätigkeit hybrid durch Web-Meetings und Online-Beratung zu bereichern. Dies wird den Versicherungskaufleuten zukünftig im Wettbewerb mit Insurtechs weitere Wettbewerbsvorteile bescheren, weil wir gleich zwei Trümpfe in der Hand halten: Die persönlich-individuelle Beratung und Vertrauensbeziehung und – wenn es darauf ankommt – auch die Online-Beratung.

Bei dieser Digitalisierung der Vermittlerbetriebe half und hilft der BVK übrigens seinen Mitgliedern mit vielfältigen und günstigen Angeboten, Online-Kursen und seiner bewährten Rechtsberatung durch seine erfahrenen Rechtsanwälte.

Die zweite Unwägbarkeit ist politischer Natur und adressiert die Regierungsbildung der Ampel-Koalition. Zwar ist im Koalitionsvertrag keine Rede mehr von einem Provisionsdeckel oder von einer Abschaffung der Provisionsvermittlung zugunsten der Honorarberatung. Aber wie schon in den letzten Legislaturperioden können wir uns, angesichts der SPD und auch der Bündnisgrünen nicht sicher sein, ob die Versicherungsvermittler nicht doch die eine oder andere Kröte werden schlucken müssen.

Politik verzichtet auf Bürgerversicherung

Positiv ist auf jeden Fall, dass die Einführung einer Bürgerversicherung, wie sie in den Wahlprogrammen von SPD und Grünen anvisiert wurde, keine Berücksichtigung im Koalitionsvertrag gefunden hat. Auch das Bekenntnis zu den drei Säulen der Altersvorsorge und die Erhöhung des Sparerfreibetrages auf 1.000 Euro stimmen uns zuversichtlich.

Erfreut sind wir auch über die Pläne, die Altersvorsorgepflicht für Selbstständige mit einer Wahlfreiheit mit Opt-out für eine private Altersvorsorge zu versehen und somit diese Berufsgruppe nicht verpflichtend in die gesetzliche Rentenversicherung einzugliedern. Dies hätte auch Selbstständigen und ihrer unternehmerischen und volatilen betriebswirtschaftlichen Lage nicht entsprochen. Selbstständige können also frei bestimmen und ihre Altersvorsorge entsprechend ihrer Vorsorgepräferenz wählen. Versicherungs- und Finanzanlagenvermittler können ihnen hier passgenaue Angebote unterbreiten.

Doch die neue Ampel-Koalition wirft auch Schatten. Denn sie strebt eine grundlegende Reform der privaten Altersvorsorge an. Hier bleibt es abzuwarten, was die Prüfung „alternativer“ privater Altersvorsorge mit einer höheren Rendite als Riester ergeben wird. Dass die neue Regierung den Bestandsschutz für laufende Riester-Verträge erhalten will, begrüßen wir ausdrücklich, vermissen jedoch eine reformierte Fortführung dieses bewährten Systems der privaten Altersvorsorge.

Keine Aufsichtsübertragung auf die Bafin

Auch sieht der BVK Pläne sehr kritisch, die mangelnde Finanzierung der gesetzlichen Rente mit zehn Milliarden Euro auszustatten, die über einen Staatsfonds am Kapitalmarkt angelegt werden sollen. Dies wird hier auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein und keine lebensstandardsichernde Rente für Millionen ermöglichen, wie das ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie unlängst vorgerechnet hatte.

Angesichts der bisher bewährten Aufsicht der Industrie- und Handelskammern über die Finanzanlagenvermittler sind wir froh, dass sich zum Thema einer Aufsichtsübertragung auf die BaFin im Koalitionsvertrag nichts findet. Der BVK hat diese Pläne immer wieder mit Verweis auf unnötige bürokratische Doppelstrukturen, keinen Mehrwert und zusätzliche Kosten abgelehnt und wohl bei der an der neuen Regierung beteiligten FDP ein offenes Ohr gefunden.

Apropos Regulierung: Auf der Ebene der EU wird schon weiter daran gearbeitet: So werden im Verlauf des nächsten Jahres neue Informations- und Dokumentationspflichten zu Nachhaltigkeitsaspekten von Finanzanlagen greifen. Und es drohen neue zusätzliche Belastungen, wie beispielsweise der Digital Operational Resilience Act – (DORA), der uns mittelständische Vermittler behandelt, als wären wir für die Stabilität digitaler Systeme des Finanzsektors genauso systemrelevant wie große Finanzhäuser. Zudem bastelt die EU an der Taxonomie, also an einem Regelwerk, welche Produkte und Investments zukünftig erfüllen müssen, um die ESG-Vorgaben und den Green Deal der EU zu erfüllen. Aus Brüssel werden also weitere Vorgaben und Pflichten für den Versicherungsvertrieb zu erwarten sein.

Mehr Netzwerkarbeit

Doch wir lassen uns auch hier nicht irritieren und handeln als ehrbare, unternehmerisch denkende Versicherungskaufleute. Der BVK bietet uns dabei als Sprachrohr mit seiner Expertise und seiner guten Vernetzung hervorragende Möglichkeiten, um in Berlin und Brüssel gestaltend aktiv zu sein und dafür zu sorgen, dass den Berufsstand allzu belastende Regulierungen nie Wirklichkeit werden. Über die European Federation of Insurance Intermediaries (BIPAR) vertritt der BVK die Interessen des Berufsstands auf europäischer Ebene. In Brüssel wird der BVK zusätzlich im nächsten Jahr ein Repräsentanzbüro eröffnen, um näher am politischen Geschehen sein zu können. Und über den Bundesverband der Dienstleistungswirtschaft (BDWi) führen wir Hintergrundgespräche und sensibilisieren auch die neuen Bundestagsabgeordneten für die wirtschaftliche Lage der Vermittlerbetriebe.

Angesichts der neuen politischen Konstellation werden wir unsere Netzwerkarbeit und Kommunikation in dieser Legislaturperiode intensivieren und in unseren Gesprächen den neuen politisch Verantwortlichen deutlich machen, wie wichtig unser Berufsstand für die Absicherung weiter Bevölkerungskreise ist, im Hinblick auf die Bewältigung allgemeiner Lebensrisiken, aber auch für die dringend benötigte Reform der privaten Altersvorsorge und den Ausbau des Systems privater Krankenversicherungen. Deshalb werden wir auch nicht müde werden, unseren sozialpolitischen Auftrag hervorzuheben und diesen gegenüber den neuen Ministern und Abgeordneten immer wieder zu betonen.

Nicht zuletzt auch im Hinblick auf das Paradigma der Nachhaltigkeit: Denn das Geschäftsmodell der Vermittler ist per se nachhaltig, indem wir durch unsere qualifizierte Beratung und Vermittlung von Versicherungsverträgen zur Altersvorsorge und Absicherung zur Generationengerechtigkeit und Eigenverantwortung beitragen. Um dieses Bewusstsein auch bei den Vermittlern zu wecken und auszubauen, starteten wir vor kurzem die Initiative „Nachhaltiger Vermittlerbetrieb“. Hier sind alle Vermittler aufgerufen anhand von bestimmten Kriterien zur Nachhaltigkeit mitzumachen und dies auf dem extra dafür vorgesehenen Webportal www.nachhaltiger-vermittlerbetrieb.de zu dokumentieren.

Autor: Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute