Meissner zum Sozialpartnermodell: „It takes three to tango“

Henriette Meissner, Geschäftsführerin der Stuttgarter Vorsorge-Management GmbH und Generalbevollmächtigte für die bAV der Stuttgarter Lebensversicherung a.G. Quelle: Stuttgarter

Das Sozialpartnermodell in der bAV findet bei Arbeitgebern und Gewerkschaften bislang nur wenig Anklang. So verwundert es wenig, dass es aus der Branche bereits erste Forderungen nach einer ergänzenden Pflichtvorsorge gibt. VWheute sprach mit Henriette Meissner von der Stuttgarter über die aktuellen Herausforderungen in der bAV.

VWheute: Jüngsten Umfragen zufolge hat das Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) der betrieblichen Altersvorsorge noch keinen spürbaren Schub gegeben. Worin sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung und wo hakt es noch?

Henriette Meissner: Da muss ich widersprechen. Die Stuttgarter hat ihren Fokus auf der Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU). Dort ist die Direktversicherung der wichtigste Durchführungsweg. Das BRSG hat – und das höre ich auch sonst in der Versicherungsbranche – wichtige Impulse für die Verbreitung gebracht, die sich auch bei uns in den Zahlen des letzten Jahres deutlich widerspiegeln. Die Weitergabe der Sozialversicherungsersparnis, der Freibetrag bei der Grundsicherung und auch die Niedrigverdienerförderung sind da wichtige Highlights.

Nun ist gerade noch der Freibetrag für Betriebsrenten positiv hinzugekommen. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, so wäre es, dass das Bundesfinanzministerium die Förderung für Niedrigverdiener einfach umsetzbar hält – die geplante Änderung im EStG könnte zu neuen Zweifelsfragen führen – und als zweites, dass mit Blick auf die noch länger andauernde Niedrigzinsphase klargestellt wird, wieviel Garantie „in der bAV“ sein muss. Gerade in KMU braucht es Rechtssicherheit und für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen Angebote möglich sein, die eine auskömmliche, renditestarke Altersversorgung ermöglichen.

Mit Blick auf die Grundrente würde ich mir wünschen, dass nicht der Eindruck entsteht, als würde dadurch die eigene Vorsorge unnötig. Das würde unsere Anstrengungen zur Verbreitung in KMU und bei Niedrigverdienern deutlich konterkarieren.

VWheute: Sozialpartnermodelle fristen derzeit noch immer ein Schattendasein. Manch Experte rechnet damit, dass entsprechende Modelle frühestens erst 2021 in der Breite zu sehen sein werden. Warum tun sich die Unternehmen Ihrer Ansicht nach mit diesem Modell noch so schwer?

Henriette Meissner: „It takes three to tango“: Die Versorgungswerke stehen bereit. Die Stuttgarter konnte mit dem Rentenwerk, einem Konsortium zur Umsetzung des Sozialpartnermodells, das von Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit „gepowert“ wird, schon kurz nach Einführung des neuen Modells „ready“ melden.

Die Sozialpartner, die allein ein Sozialpartnermodell initiieren können, brauchen allerdings aus verständlichen Gründen Zeit, um dieses innovative Modell in der Breite zu diskutieren. Es geht ja um nichts weniger als um einen Paradigmenwechsel hin zu mehr sachwertorientierten Anlagen, die in Deutschland wenig Tradition haben. Dazu soll richtigerweise auf Basis eines breiten Konsens vorgegangen werden und da braucht es ein wenig Geduld.

VWheute: Das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) rechnet bereits damit, dass das mangelnde Interesse am Sozialpartnermodell zu einer Pflichtvorsorge führen könnte. Inwieweit teilen Sie solche Überlegungen?

Henriette Meissner: Wir brauchen unstrittig mehr zusätzliche Altersversorgung in Deutschland. Allerdings haben wir schon eine Pflichtvorsorge: Die gesetzliche Rentenversicherung. Dazu soll nun als weiteres Element die Grundrente als Sicherung „nach unten“ kommen. Zur Pflichtvorsorge habe ich mehrere Gedanken: Wie sollen diejenigen, die ohnehin schon wenig verdienen, nun eine weitere „Abgabe“ aufbringen?

Wie erklären wir den Bürgerinnen und Bürger, dass die Abgabenlast – die ohnehin die zweithöchste im OECD-Vergleich ist – nun nochmals deutlich ansteigen soll? Die Modelle, die dazu im Gespräch sind, sind alle analog zum Sozialpartnermodell sachwertorientiert und ohne Garantien. Das hat wie oben schon gesagt keine Tradition in Deutschland. Wie schaffen wir es, dafür einen Konsens herzustellen?

VWheute: In der bAV tut sich ja ständig etwas – in Ihrer Webinarreihe „Neues aus der bAV“, die drei bis vier Mal pro Jahr am Campus Institut stattfindet, berichten Sie regelmäßig darüber. Was ist im Moment die wichtigste Neuigkeit aus der Rechtsprechung oder aus der Politik?

Henriette Meissner: Wir haben gerade gesehen, in welch atemberaubenden Tempo die Politik Positives umsetzen kann: Der Freibetrag für Betriebsrenten ist ein großer Schritt. Und das Gesetzesverfahren, wie auch die praktische Umsetzung des durchaus komplexen Themas wird uns sicherlich die nächsten Wochen „auf Trab“ halten. Genauso wichtig ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Insolvenzsicherung von gekürzten Pensionskassenleistungen, bei denen der Arbeitgeber insolvent wurde.

Das EuGH hat zugunsten der Betriebsrentnerinnen und -rentner entschieden. Nun ist die Bundesregierung am Zug: Denn hier gibt es noch keine gesetzliche Regelung. Einen ersten Entwurf haben wir schon vor Weihnachten gesehen. Im ersten Halbjahr 2020 sind gesetzliche Aktivitäten zu erwarten. Ende Februar erwarten wir ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts zur Beratungshaftung von Arbeitgebern bei der Entgeltumwandlung. Im Moment haben wir eine hohe Taktzahl, was neue Urteile, Gesetzgebung usw. angeht. Der Stoff geht zurzeit nicht aus. Die Stuttgarter berichtet dazu immer sehr aktuell auf www.bavheute.de.

VWheute: Aufgrund der steigenden Komplexität in der bAV engagieren Sie sich stark für die Qualifizierung in diesem Bereich – u.a. als langjährige Dozentin beim Studium Betriebswirt/-in für betriebliche Altersversorgung am Campus Institut und an der Hochschule Koblenz. Wem empfehlen Sie dieses Studium?

Henriette Meissner: Zunächst einmal glauben wir bei der Stuttgarter an die Wichtigkeit der Aus- und Weiterbildung unserer eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die unserer Geschäftspartner. Daher engagieren wir uns stark, z. B. bei der Deutschen Makler Akademie oder bei dem Studiengang Betriebswirt/-in für bAV. Das besondere an dem Studiengang in Koblenz ist die sehr hochwertige Verbindung von Theorie und Praxis.

Das wird durch exzellente Referenten, die in ihren Fachgebieten gestandene Praktiker und meist auch publizierte Autoren sind, erreicht. Ein weiteres Plus, und das sage ich als Absolvent des zweiten Jahrgangs, ist das tolle Netzwerk: Zweimal im Jahr wird ein Austausch der Ehemaligen mit Vorträgen zu aktuellen Themen und Zeit für den Gedankenaustausch organisiert. Der Studiengang ist seit 2003 eine Erfolgsstory.

Aus der Praxis kann ich berichten, dass von diesem Studiengang viele profitieren: Verwalter, Vertriebler, Personaler, Steuerberater, Juristen, Rentenberater, Aktuare – all diejenigen, die sich im Alltag qualifiziert mit der betrieblichen Altersversorgung auseinandersetzen.

VWheute: Werfen wir einen kurzen Blick in die berühmt-berüchtigte Glaskugel von VWheute: Vor welchen Herausforderungen steht die bAV in den kommenden drei bis fünf Jahren und wie kann diese künftig noch attraktiver gestaltet werden?

Henriette Meissner: Aus meiner Sicht ist die wichtigste Herausforderung für die betriebliche Altersversorgung, dass sie immer wieder an neue Gegebenheiten angepasst wird. Es reicht nicht, wenn kurzfristig und manchmal auch hektisch auf die Veränderungen einer schnelllebigen Zeit von Seiten der Politik und des Gesetzgebers reagiert wird, wenn das Kind schon fast im Brunnen liegt. Wir brauchen auf der einen Seite eine ruhige Hand und auf der anderen Seite regelmäßige und kluge Anpassungen, damit wir auch künftig eine gute Altersversorgung in Ergänzung zu einer möglichst guten ersten Säule liefern können.

In der Glaskugel sehe ich, dass die Niedrigzinsphase aus vielen Gründen länger andauern wird und da brauchen wir kluge Maßnahmen, wie wir in der Welt der bAV Sicherheit erhalten und gleichzeitig die Rendite attraktiv halten können. Ich hoffe auch, dass die sogenannte säulenübergreifende Renteninformation kein Trugbild in der Wüste bleibt, sondern dass hier bald pragmatische erste Schritte erfolgen, damit mehr Bürgerinnen und Bürger einen Überblick über ihre Altersversorgung bekommen.

Und ich sehe auch, dass die bestehenden Versorgungsträger mit ihrer großen Erfahrung in langfristiger Vorsorge und gut ausgebildete Vermittler und Berater, die komplexe Sachverhalte „dolmetschen“ können, wichtige Motoren für eine Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung bleiben.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

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