Huk-Experte Körzdörfer: „Telematik versetzt uns in die Lage, echtes Big Data und KI zu lernen“

Autobahn

Gehören Telematiktarifen die Zukunft? Quelle: Bild von John Howard auf Pixabay

Telematiktarife sind in der Branche nicht unumstritten. Die Huk-Coburg gehört dabei zu den Vorreitern, wenn es um die Nutzung der Technologie geht. Welchen Vorteil der Kfz-Versicherer daraus zieht, erläutert Thomas Körzdörfer, Leiter Telematik Analytics, Huk-Coburg Datenservice und Dienstleistungen, anlässlich der heutigen K-Tagung im Exklusiv-Interview mit VWheute.

Thomas Körzdorfer. Quelle: privat

VWheute: Wie bewerten Sie die aktuelle Lage auf dem Kfz-Versicherungsmarkt – auch mit Blick auf die neuen Formen von Mobilität?

Die Mobilitätswende durch Elektromobilität, Carsharing, vernetzte Fahrzeuge und autonomes Fahren wird seit Jahren in der Branche diskutiert. Doch Fakt ist, dass diese Entwicklungen doch deutlich langsamer umgesetzt werden als viele in der Branche angenommen hatten. Selbst wenn Corona in vielen Bereichen der Digitalisierung und Mobilität nun als Beschleuniger wirkt sehen wir das Thema für uns aktuell nicht als Sprint, sondern eher als Marathon. Ein gutes Beispiel dafür ist auch das Thema Telematik.

Die Huk-Coburg bietet bereits seit Ende 2016 einen Telematik Tarif an. Gerade am Anfang stellte uns Telematik vor viele Herausforderungen: Infrastruktur, Know-how, Personal, Kundeninteraktion. Aber wir haben unsere Hausaufgaben gemacht: Heute verarbeiten wir täglich riesige Mengen an Fahrdaten in Echtzeit und können damit gezielte und effiziente Risikodifferenzierung betreiben. Unsere App „Mein Auto“ ermöglicht uns den direkten digitalen Austausch mit unseren Kunden und wir können Ihnen so unmittelbar nach dem Ende der Fahrt direktes Feedback zum Fahrverhalten geben.  

Nicht zuletzt durch die Erfahrungen, die wir über Telematik gesammelt haben, sind wir heute in der Lage, Chancen, die sich durch die Weiterentwicklung neuer Mobilitätsformen ergeben, schneller und gezielter zu nutzen. Zumal wir glauben, dass gerade in Bezug auf neue Mobilitätsformen Fahrdaten deutlich an Bedeutung für die Kfz-Versicherung gewinnen und viele klassische Tarifierungsmerkmale dafür in den Hintergrund treten werden.

VWheute: Welche Erfahrungen haben Sie bei der Huk-Coburg bislang mit dem Thema Telematik gemacht? Und wie wird die „Telematik Plus“ bislang angenommen?  

Telematik Plus wird von unseren Kunden, quer durch alle Altersgruppen, sehr gut angenommen. Wir sind vor knapp 16 Monaten mit Telematik Plus gestartet und haben heute bereits deutlich mehr als 260.000 Verträge mit Telematik-Baustein. Das Interesse der Kunden, vor allem auch neuer Kunden, am Produkt ist nach wie vor sehr hoch und die Anzahl Telematik Kunden wächst stetig.

Mein Eindruck ist, dass Telematik sich so langsam herumspricht und dass das allgemeine Interesse am Thema steigt. Auch im privaten Umfeld erlebe ich immer wieder, dass immer mehr Autofahrer die Vorteile von Telematik Plus für sich entdecken. Immer häufiger sind die in der App „Mein Auto“ angezeigten Fahrwerte ein Gesprächsthema. Viele Menschen interessieren sich dafür zu erfahren, wie sie ihr persönliches Unfallrisiko senken und dabei Geld sparen können.

VWheute: Telematik stößt in der Branche nicht unbedingt auf ungeteilte Zustimmung: Können Sie die Kritik daran nachvollziehen und welche Vorteile sehen Sie in der Telematik?

Unsere Wahrnehmung ist hier tatsächlich eine andere: Wir erfahren für Telematik Plus insgesamt sehr viel Zuspruch und vor allem interessierte Nachfragen, auch aus der Branche. Unser Eindruck ist, dass die Branche das große Potential der Telematik erkannt hat. Aber klar ist auch, dass die Einführung von Telematik Zeit und Geld kostet.

Zur Frage nach den Vorteilen: Durch Telematik lernen wir unglaublich viel. Telematik versetzt uns in die Lage, „echtes“ Big Data und KI zu lernen. Durch die direkte, digitale Interaktion über die „Mein Auto“ App rücken wir näher an unsere Kunden heran und können ihre Bedürfnisse besser verstehen. Die Auswertung der Fahrdaten ermöglicht uns zudem eine bessere Risikodifferenzierung als die Verwendung klassischer Tarifierungsmerkmale. Übrigens wird dies auch von unseren Kunden als fairer wahrgenommen.

Wer vorausschauend und sicher fährt, zahlt mit Telematik deutlich weniger als jemand, der durch sein Fahrverhalten ein höheres Risiko in Kauf nimmt. Die Prämienersparnis greift dabei vom ersten Tag an, ohne dass sich Kunden erst Jahr für Jahr eine bessere Schadenfreiheitsklasse erfahren müssen. Unsere Erfahrung zeigt zudem, dass Telematik-Kunden in der Regel vorsichtiger fahren und weniger Unfälle verursachen. Eine klassische Win-Win-Situation für Kunden und Versicherer.

Schließlich geht es bei Telematik aber natürlich auch um strategische Fragen. Autofahren wird immer digitaler, Mobilität wird flexibler. Fahrdaten und deren Auswertung gewinnen immer mehr an Bedeutung. Für Versicherer geht es dabei nicht nur darum am Ball zu bleiben, sondern diese Entwicklung mitzugestalten und Chancen zu nutzen.

VWheute: Seit längerem streiten Kfz-Versicherer und Automobilhersteller um die Frage: Wem gehören die gewonnenen Daten? Wie ist Ihre Einschätzung?

Aktuell nutzen die Automobilhersteller und deren direkte Vertragspartner die Daten aus vernetzten Fahrzeugen ihrer Kunden noch weitestgehend exklusiv. Warum eigentlich? Wer mit seinem Smartphone ein Foto macht, seine Laufstrecke aufzeichnet oder seine Schritte zählen lässt, akzeptiert auch nicht, dass der Hersteller des Smartphones darüber bestimmt, wer diese Daten zu welchen Zwecken nutzen darf. Aus welchem Grund sollte das also bei einem Auto, das heute in vielerlei Hinsicht einem Computer auf Rädern gleicht, anders sein?

Die Daten gehören dem Kunden, der schließlich auch das Fahrzeug samt der dort verbauten Sensorik gekauft hat. Der Kunde allein muss entscheiden können, wem er die Daten zu welchem Zweck zur Verfügung stellen möchte.

VWheute: Marktbeobachter sprechen immer wieder von einem Preiskampf in der Branche: Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Klar ist, der Preis ist wichtig. Daher arbeiten wir auch so intensiv daran, die Risikodifferenzierung stetig zu verbessern und die Schadenregulierung zu optimieren. Dies ist die Grundlage, dass wir auch in Zukunft allen Kunden risikogerechte, faire und günstige Preise anbieten können.

Aber mindestens ebenso wichtig wie der Preis ist das Preis-Leistungs-Verhältnis. Der Kunde erwartet im Schadenfall eine schnelle und effiziente Regulierung. Die Digitalisierung unterstützt uns darin, die nötigen Prozesse für unsere Kunden einfach, sicher und zuverlässig zu gestalten. Service ist ganz wichtig beim Thema Kundenbindung, davon sind wir überzeugt.

Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.

Thomas Körzdörfer referiert heute auch auf der K-Tagung von SCOR Rückversicherung Deutschland und Meyerthole Siems Kohlruss zum Thema Telematik.

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