Corona verschärft Probleme der Lebensversicherer

Guido Bader. Quelle: Stuttgarter

Die Corona-Krise trifft die Assekuranz vor allem über den Kapitalmarkt. „Das alte Problem, der Zins, ist zugleich auch das Neue, aber verschärft“, sagte Guido Bader, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV) vor der Presse. Die Versicherungsrisiken seien nicht existenzbedrohend.

Herbert Schneidemann fordert in seiner Eigenschaft als stellvertretender DAV-Vorstandsvorsitzender, die Garantiemodelle in der Lebensversicherung an das Tiefzinsumfeld anzupassen. Über den Vorschlag der Aktuare, den Höchstrechnungszins für Neuverträge ab 1. Januar 2021 von 0,9 auf 0,5 Prozent zu senken, hat das Bundesfinanzministerium noch nicht entschieden.

Die Aktuare befürchteten, dass sich die Niedrigzinsphase nun noch über Jahrzehnte hinweg ziehen wird. Erschwerend komme hinzu, dass nicht nur die Aktien- und Anleihemärkte sich hochvolatil und unberechenbar entwickelten, sondern auch im Immobilien- und Hypothekenmarkt sowie bei den alternativen Investments stabile Renditen in Frage gestellt sein könnten. „Wir haben im Moment einen Anlagenotstand und dieser wird kurz bis mittelfristig anhalten beziehungsweise sich eher weiter verschärfen,“ so Bader.

Der Referenzzins für die Zinszusatzreserve (ZZR) der Lebensversicherer werde voraussichtlich zwischen 1,7 und 1,75 Prozent liegen. Damit könnten 2020 erstmals 92 Prozent aller Lebensversicherungstarife von der ZZR betroffen sein, so Bader. Für die Lebensversicherer werde es bei den aktuell illiquiden Märkte schwierig, außerordentliche Erträge zur Finanzierung der ZZR zu generieren. „Das ist das Hase-und-Igel-Spiel. Uns läuft das Ziel immer weiter weg“, so Bader. „Ich will nicht sagen, dass diese Situation vom Gros der Lebensversicherer nicht gemeistert werden kann, aber es liegen noch harte Jahre vor uns.“

Insbesondere die Solvenzquoten der Lebensversicherer würden „signifikant“ zurückgehen, „aber noch nicht in den roten Bereich“, so Bader. Blieben die Zinsen allerdings weiterhin so tief, werde es kritisch. Die Aktuare haben daher gefordert, dass es keine zusätzlichen Belastungen durch einen vorschnellen und überzogenen Solvency-ll-Review geben dürfe. Inzwischen haben Eiopa und die EU-Kommission beschlossen, eine weitere Auswirkungsstudie vorzunehmen, bei dem auch die Auswirkungen von Corona sehr genau verfolgt werden sollen, und das Review verschoben.

Die DAV-Empfehlung der Absenkung des Höchstrechnungszinses 0,5 Prozent wurde dieses Mal mit einer geänderten Methode berechnet. Statt eines fünf- beziehungsweise zehnjährigen Mittels von Renditen zehnjähriger Staatsanleihen höchster Bonität im Euroraum basiere die Berechnung auf einem branchentypischen Mix aus Anlageformen. Ob sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) dieser Empfehlung an das Ministerium angeschlossen hat, wissen die Aktuare nicht. Zu fürchten ist, dass die Aufsicht für 0,25 Prozent oder weniger plädiert. Dies ist der Satz, den die Aufsicht unlängst den regulierte Pensionskassen für die Genehmigung ihres Neugeschäftes vorgeschrieben hat.

Im Hinblick auf die Vorlaufzeiten für die Umsetzung der Änderung des Höchstrechnungszinses appelliert Schneidemann an das Bundesfinanzministerium, sich spätestens bis Ende Mai zu entscheiden. „Die Umstellung des Höchstrechnungszinses erfordert eine Neukalkulation der gesamten Produktpalette. Für dieses Großprojekt müssen die Unternehmen je nach Größe und Produktbreite 1.000 bis 5.000 Personentage investieren“, so Schneidemann. Zudem drängt er darauf, die Garantieanforderungen bei geförderten Produkten wie der Riesterrente zeitgleich mit einer Absenkung des Höchstrechnungszinses anzupassen.

„Risikominderungstechniken können Garantien nicht ersetzen. Und die Kunden wollen Planungssicherheit bei ihrer Altersvorsorge“, so Schneidemann. Die 100-Prozent-Beitragsgarantie verenge in diesem Kapitalmarktumfeld den Spielraum für chancenorientierte Investments dramatisch und minimiere damit die Ertragschancen für die Versicherungsnehmer. Er sieht zudem zusätzlichen Bedarf für ein „modernes, einfaches und damit kostengünstiges“ Standard-Riesterprodukt. Elementarer Bestandteil müssten lebenslange Renten sein.

Beide berichtete aus ihren Häusern (Stuttgarter Leben und die Bayerische), dass sich im Zuge der Corona-Krise das Storno in Form von Beitragsfreistellung deutlich erhöht habe.

Autorin: Monika Lier

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