„Porno = Storno“: Strukturvertriebler suchen nach Kunden bei Tinder

Laut airnowplc.com belief sich die Anzahl der monatlich aktiven Nutzer von Tinder in Deutschland, die sich die App über den Google Play Store heruntergeladen haben, im Januar 2022 auf rund 478.000. (Bildquelle: solenfeyissa/Pixabay)

Nach rechts wischen und man ist schon verliebt – oder pleite durch Betrug. Auf Singlebörsen wie Tinder, Bumble & Co. tummeln sich viele Schwindler, die mit dem Partner eine emotionale Bindung aufbauen, um dann Geldprobleme vorzutäuschen oder ihre Opfer zu erfundenen Geldanlagen wie Aktien und Kryptowährungen überreden. Manche Finanzvermittler drehen indes ihren Liebesbekanntschaften echte Produkte an, wie die FAS am Fall von der Swiss-Life-Tochter Tecis schildert. Allerdings ist die Stornogefahr recht hoch, wenn es zu intim wird.

Da sagt noch einer, dass Vermittler die digitale Ansprache nicht beherrschen. Während der Corona-Pandemie hatten viele Produktverkäufer es recht schwer an neue Kunden zu kommen. Schließlich fanden keine Partys, Seminare oder andere Events statt, wo man Networking betrieb. Der soziale Austausch verlagerte sich in die sozialen Netzwerke und dorthin wanderten auch einige Vermittler. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) hat mit einem Dating-App-Nutzer gesprochen, der von seiner Bekanntschaft nach dem fünften Treffen die Frage erhielt: „Hast du dich eigentlich schon mal mit deiner Altersvorsorge auseinandergesetzt?“ Die Bekanntschaft war ein Finanzvermittler von der Swiss-Life-Tochter Tecis, der dann nach einem Beratungsgespräch mit Produktvorschlägen herausrrückte, darunter eine fondsgebundene Lebensversicherung kombiniert mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Und auch eine Haftpflicht- und Hausratversicherung. Tecis erklärte auf Anfrage der FAS, dass es solche Fälle im Unternehmen nicht gebe.

Auch nach der Pandemie wird die Methode offenbar von einigen Strukturvertriebler angewendet: „Früher war es der Sportclub, wo die Vermittler nach Kunden suchten. Heute kommen die digitalen Kontaktbörsen dazu“, wird Hartmut Walz, Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, von der FAS zitiert. Manche Vermittler würden bereits nach ein paar Chatnachrichten die Finanzsituation ansprechen, andere hingegen treffen sich regelmäßig und bauen eine emotionale Beziehung auf. Denn dann könnte man ja seiner neuen Bekanntschaft nicht „Nein“ sagen.

Der Aufwand für Strukturvertriebler rechnet sich nicht immer. Auch wenn man den Freundes- und Verwandtenkreis bereits abgegrast hat und auf der untersten Stufe der Pyramide unter Druck steht, Deals abzuschließen, besteht nach einem Abschluss ja noch die Stornogefahr. Diese ist recht hoch, wenn der Vermittler dann plötzlich kaum noch Zeit für seine neue Bekanntschaft hat. Ist noch Sex im Spiel, dann will sich das Opfer an der gescheiterten Liebe revanchieren und die abgeschlossenen Verträge werden meist gekündigt. „Porno = Storno“ nennt man das in der Branche. Gegenüber VWheute erklärt ein ehemaliger Finanzvermittler aus einem Strukturvertrieb, dass es in der Tat schlecht fürs Geschäft sei, wenn es zu intim mit den Kunden wird – unabhängig davon, ob man sich auf Tinder oder in der realen Welt trifft.

Autor: David Gorr

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