Allianz-Chef Bäte: „Kein Insurtech hat die Branche revolutioniert, aber wir haben viel von Lemonade gelernt“

CEO Oliver Bäte verteidigt seine Errungenschaften bei der Allianz (Bildquelle: Allianz)

Allianz-Chef Oliver Bäte wird oft vorgeworfen, bei der Digitalisierung seines Unternehmens vieles falsch gemacht zu haben. Er zieht eine andere Bilanz: „Die Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit ist gestiegen, die Kostenquote gesunken. Digitalisierung hat bei uns funktioniert“, sagte er auf dem Handelsblatt Summer Camp in München. Zudem analysierte er, was in Deutschland alles falsch läuft und verteilte Ratschläge an die Bundesregierung.

Zwei Tage lang ging es in Diskussionen um die Zukunft der Wirtschaft, die Herausforderungen der Gegenwart und neue Technologien. Über all das hat Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes mit Oliver Bäte gesprochen. Zunächst ging es politisch los und der Allianz-Chef hatte schon immer eine eigene Meinung, was in der Demokratie richtig und falsch laufe. Er glaubt, dass wir in der deutschen Gesellschaft stets unzufrieden sind und immer mehr haben wollen – vor allem vom Staat. Keiner frage jedoch, wie man all das finanziert. Jeder sei für grüne Energie, aber keiner wolle ein Windrad vor seinem Haus haben. „In Frankreich ist das noch schlimmer, da sind die Menschen noch unzufriedener, obwohl sie in der EU am wenigsten arbeiten. Immer mehr Freizeit gleichzeitig immer höheres Einkommen fordern, funktioniert irgendwann nicht mehr. Irgendwann ist die Kasse leer, aber solange man Schulden machen kann, wird man das machen.“ Auch die Finanzierung des Gesundheitssystem würde zwar noch 15 Jahre lang so funktionieren, aber dann dürfe auch dort die Kasse leer sein.

„Wir haben halt das Problem, dass der Durchschnittsbürger so alt ist wie ich und denkt, für mich reicht es noch, ich kann noch gut leben.“ Seiner Meinung nach bringe es ja auch nichts, das Wahlalter auf 16 Jahre herunterzusetzen, wenn keiner zur Wahl geht von denen. Dennoch lobt Bäte auch die Bundesregierung in der aktuellen Krise, weil sie zumindest etwas mache und nicht in Schockstarre verfalle. Das betrifft auch die Gaslieferungen. „Ich bin ein Optimist, aber ich glaube, da tut sich wirklich viel.“ Vor sechs Monaten habe man gedacht, es dauere zweieinhalb Jahre, bis Deutschland das erste LNG-Terminal ans Netz bringe. Jetzt werde es wahrscheinlich schon im zweiten Quartal 2023 passieren. „Das heißt, Deutschland kann, wenn es sich mal aufrafft, viele Dinge möglich machen.“

Leider sei Deutschland „Weltmeister im Angst haben“ und darin, sich selbst zu kritisieren. „Unser Land ist viel leistungsfähiger als viele glauben. Wir sind gut im Bereich Maschinenbau und Pharma, aber man muss sich nicht deglobalisieren, sondern diversifizieren was Abhängigkeiten angeht – nicht nur im Energiebereich.“ Und man brauche eine andere Vernetzung. „Dänemark muss zum Beispiel regelmäßig ihre Propeller abstellen, weil wir nicht in der Lage sind, deren Überstrom nach Deutschland zu transportieren. Wir müssen also nicht nur in die Energieerzeugung investieren, sondern auch in die Energieverteilung.“

Weltklasse bei den Produkten, mittelmäßig in der Kundenzufriedenheit

Neben Deutschlands Geschäftsmodell ging es auch um die Transformation der Allianz. Als er 2015 den Chefposten übernahm, „waren wir Weltklasse in Produkten, aber mittelmäßig in der Kundenzufriedenheit.“ Der größte Fehler in der Zeit sei gewesen, dass man glaubte, mit Technologie lasse sich alles lösen. Digitale Geschäftsmodelle sind für Bäte so erfolgreich wegen den skalierbaren Kosten und Erträgen und dass Kunden mit digitalen Lösungen zufriedener sind. Die Allianz habe von daher die Finanzziele mit der Kundenzufriedenheit verdrahtet. Nach sechs Jahren der Transformation sagt Bäte, dass die Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit gestiegen und die Kostenquote gesunken sei. Das seien für die die wichtigsten Kennzahlen zur Messung der digitalen Transformation. „Erfolgreiche Digitalisierung heißt, dass wir in der Lage sind, Prozesse so zu vereinfachen, dass unsere Kunden mit unserer Dienstleistungen immer zufriedener sind.“

Angesprochen auf die Innovationen, die die Digitalisierung gebracht hat, betont er: „Kein Start-up hat das Geschäft revolutioniert, trotzdem darf man deren Einfluss nicht unterschätzen.“ Bei Lemonade, wo die Allianz investiert sei, habe man gelernt, dass man intelligente Chatbots so einsetzten kann, dass sie mit sehr hohen Kundenzufriedenheit viele Kundenanfragen lösen können. Auch einen anderen Umgang mit Daten hat man von Lemonade abgeschaut.  

Aber auch im eigenen Haus, besonders auf die Allianz X, ist Bäte besonders stolz, nicht nur finanziell. „Wir bauen eine integrierte Schadenarchitektur auf und ohne Allianz X wäre das nicht möglich gewesen.“ Das Geschäftsmodell der Tochter sei so erfolgreich, dass man es inzwischen für Drittkunden öffnen werde.

Autor: VW-Redaktion

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