Kapitalnot im Insurtechsektor: Versicherer zögern nicht aus bösem Willen

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Die Insurtechs befinden sich in der Klemme. Sie sind auf externes Geld angewiesen, in der Krise ist das Scheckbuch vieler Investoren aber verschlossen. Doch die Jungunternehmen können selbst viel tun, um ihre Situation zu verbessern, sagen unter anderem Finleap-CEO Ramin Niroumand und der Star-Investor Carsten Maschmeyer im zweiten Teil des VWheute-Insurtech-Schwerpunkts. Dazu verraten Axa, Ergo und R+V, ob sie in der Krise nicht vielleicht doch zuschlagen möchten.

Alles beginnt mit Corona, die komplette Wirtschaft leidet. Die Bewertungen von Insurtechs spiegeln das aktuelle wirtschaftliche Umfeld wider, doch gerade in einer solchen Situation bieten sich Chancen, weiß der Investor Carsten Maschmeyer, der kürzlich in die Insurtechs Nect und Neodigital investierte. Das andere zögern, verwundert ihn: „Wir beobachten als Investoren, dass viele andere Geldgeber momentan zögern oder sogar ganz ausfallen.“ Das eröffne in der jetzigen Zeit „zusätzliche Chancen“, erklärte er im ersten Teil des VWheute-Insurtech-Schwerpunkts.

Dass die Lage für die Insurtechs aktuell tatsächlich schwierig ist, weiß Gregor Wiest, Head of Innovation & Digital Transformation, Ergo Group.  „Einige Investoren haben sich zurückgezogen oder aber agieren deutlich vorsichtiger im Markt.“ Der Versicherer selbst will aktiv bleiben: „In dieser schwierigen Phase ist Ergo auch weiterhin auf der Suche nach interessanten Start-ups – nicht nur als Investor, sondern vor allem auch als Kooperationspartner. Bestehende Partnerschaften sollen gestärkt werden, „weit über den reinen Kapitalbedarf hinaus“, erklärt der Ergo-Experte.

Das momentane Zögern vieler Versicherer ist kein böser Wille oder das Pokern um günstigere Einstiegschancen, sondern hat praktische Gründe. Die durch die  Coronakrise ausgelöste Unsicherheit habe dazu geführt, dass der Fokus der meisten Investoren zunächst den Portfolio-Unternehmen galt. Investoren mussten die Auswirkungen der Krise auf ihr Portfolio abschätzen und ggf. Maßnahmen zur Unterstützung einleiten, erklärt Alexander Behr, Principal des Axa Innovation Campus. Das erschwere es den Jungunternehmen, an externes Geld zu kommen, abseits der Bestandsinvestoren.

Zu hoch bewertet?

Dass die Preise für Insurtechs derzeit fallen, dafür könnte es neben Corona auch eine andere Erklärung geben. „Die jahrelange Niedrigzinspolitik und der dadurch verbundene Anlagedruck seitens der Investoren hat in den vergangenen Jahren zu Rekordbewertungen geführt. Dies wird durch den Markt nun etwas korrigiert“, vermutet Behr.

Für alle Insurtechs gilt das laut dem Axa-Experten nicht. „Gerade die Unternehmen, die gut durch die Krise gekommen sind und vielleicht sogar von ihr profitieren, haben weiterhin gute Karten. Viele Fonds haben vor der Krise signifikant Kapital aufgenommen und müssen weiterhin investieren.“

Die Pandemie hat auch dazu geführt, dass Digitalisierungsinitiativen in  (Versicherungs-) Konzernen noch wichtiger werden. Profitieren werden also gerade die Insurtechs, die solche Initiativen durch entsprechende Technologien unterstützen, glaubt Behr. Auch die Axa Deutschland ist mit dem Axa Innovation Campus weiterhin „open for Business“ und investiert „auch während der Krise“ aktiv in zukunftsträchtige Technologien, versichert er. Einige Jungunternehmen könnten von der Krise sogar profitieren, glaubt Wiest, besonders diejenigen mit Lösungen „rund ums mobile Arbeiten“ oder telemedizinische Lösungsanbieter“.

Doch auch Insurtechs außerhalb der genannten Bereiche können ihre Position stärken. „Insurtech-Startups sollten sich stark auf den Vertrieb fokussieren, denn es wird Nachholeffekte geben. Dabei rate ich allen, die bisher noch keinen digitalen Vertrieb gemacht haben, jetzt schnellstmöglich darauf umzustellen und neue Formate zu entwickeln, wie Online-Demos oder Online-Seminare“, rät Carsten Maschmeyer. Viele etablierte Versicherer hätten erlebt, dass sie bei weitem noch nicht ausreichend digitalisiert sind. Daher wird die Offenheit zur Kooperation mit Insurtechs „groß sein wie nie“, ist sich Maschmeyer sicher.

Corona habe mit „ganzer Härte“ gezeigt, dass traditionelle Anbieter digitalisieren müssen, stimmt Ramin Niroumand zu. „Hier können Insurtechs helfen“, ihr Geschäftsmodell werde „mittelfristig daher noch gestärkt“, ist er sich sicher.  Insbesondere die um Partnerschaft mit der Industrie bemühten Jungunternehmen „werden von dieser Entwicklung profitieren“ – und nennt als Beispiel die Finleap-Tochter Element. Doch ein Selbstläufer ist auch der richtige Geschäftsansatz für Insurtechs nicht, denn das „Geld sitz nicht mehr so locker“ wie vor der Krise, weiß der Insurtech-Entwickler Niroumand.

Ein Investment als pure Geldanlage schließen viele Versicherer derzeit aus, beispielsweise die R+V. „Venture Capital ist nicht Bestandteil der aktuellen Investmentstrategie der R+V Versicherung. Deshalb investieren wir allein aus der Rolle eines Kapitalanlegers nicht in Start-Up-Unternehmen.“

Doch gleichwohl gäbe es Start-Ups, „die auf Grund ihres Geschäftsmodells interessant sind“, weil sie „wichtige Einblicke“ oder Zugang zu neuen Geschäftsmodellen, Produktlösungen oder Technologien verschaffen, die für die Weiterentwicklung bzw. Unterstützung des Geschäftsmodells „wertvoll“ sind. Die Wiesbadener ziehen eine Beteiligung daher „in Betracht“.

So kommen Insurtechs an das Geld

Am Ende wird es nur gemeinsam funktionieren. „Versicherer und Insurtechs können sich gegenseitig helfen. Die Versicherer haben in der Krise gesehen, was digital möglich und machbar ist. Viele Insurtechs wären bei Themen wie Produktgestaltung und Digitalisierung von Abläufen gute Partner und das Geld der Versicherer würde ihnen jetzt helfen“, erklärt Fabian Nadler Bereichsleiter Digital Insurance & Insurtech beim Digitalverband Bitkom.

Dennoch liegt der Ball primär in der Hälfte der Jungunternehmen. Insurtechs sollten potenziellen Versicherungspartnern aufzeigen, wo der Nutzen ihrer Lösungen gerade in und nach der Corona-Zeit liegt und ihr Geschäftsmodell ggf. auf das „new normal“ anpassen, erklärt Christian Gnam, Acting Managing Director des Insurtech Hub Munich. Ein schönes Beispiel sei die Kooperation zwischen MotionsCloud und der Generali zur Schadenregulierung per Video, erklärt er.

In Krisenzeiten sollten Startups mit begrenzten finanziellen Mitteln ihren Cashflow im Auge behalten – Gewinner wie Verlierer gleichermaßen, erklärt Sebastian Pitzler, Geschäftsführer des Insurlab Germany. Für die Sieger gelte es, ihr New Business Development „voranzutreiben“. Die nicht so Glücklichen sollten für sich identifizieren, wie sie Kosten senken und neues Geschäft generieren können, indem sie gezielt Partner bzw. Kunden akquirieren, rät er.Grundsätzlich empfiehlt er allen Insurtechs, sich über Förderprogramme und -angebote zu informieren, das Insurlab helfe dabei gerne.  

Kooperation, Kostenreduktion und Konzentration (auf den Vertrieb) sind laut den investitionsbereiten Experten die Faktoren für eine solide Zukunft der Insurtechs. Doch auch bei strikter Einhaltung werden nicht alle die Ziellinie sehen.

„Es ist zu erwarten, dass Corona den Ausleseprozess als eine Art Katalysator-Effekt verstärken wird. Allerdings wird es etwas dauern, bis das vorhandene Cash bei den gefährdeten Startups verbraucht ist. Insolvenzen oder Notverkäufe erfolgen daher nicht zwangsläufig zeitnah“, erklärt Nikolai Dördrechter, XTP-Vorstand, Autor des Insurtech-Radars und Co-Founder der Policen Direkt-Gruppe.

Es bleibt zu hoffen, dass in der Pandemie-Krise möglichst vielen Insurtechs der Weg in die Pleite erspart bleibt, den zuvor schon Unternehmen wie „Liimex“ und „Flypper“ antreten mussten.

Autor: Maximilian Volz

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