Drohendes Aus oder perfekter Moment zum Einstieg? Niroumand und Maschmeyer glauben an die Insturtechszene

Ramin Niroumand (l.) CEO Finleap, Quelle: Boris Breuer, und Geschäftsmann Carsten Maschmeyer, Quelle: TVNOW/ Bernd-Michael Maurer

Des einen Misere ist des anderen Chance: Rund die Hälfte der Start-ups hierzulande ist laut Studien durch Corona existenziell bedroht. Doch während bei vielen Investoren das Geld nicht mehr so locker sitzt, nutzen Finanzexperten wie Carsten Maschmeyer ihre Optionen. Auch Finleap-CEO Ramin Niroumand sieht Möglichkeiten am Markt, von Untergangszenarien halten beide Männer wenig.

Fast jedes zweite Start-up in Deutschland sieht sich wegen der Corona-Krise in seiner Existenz bedroht, 88 Prozent glauben an eine Verschlechterung der Lage, über dreiviertel erwarten eine Pleitewelle. Achim Berg, Präsident des Digitalverbandes Bitkom, hat den Alarmknopf bereits gedrückt: „Start-ups sind entscheidend für unsere digitale Innovationsfähigkeit“. Es sei in den vergangenen Jahren mit vielen Anstrengungen gelungen, Deutschland zu einem Hotspot für Technologie-Start-ups zu machen, diese Arbeit dürfe „jetzt nicht aufs Spiel gesetzt werden, mahnt der Chef des Digitalverbandes, der die genannte Studie verantwortet.

Große Gefahr, große Möglichkeiten

Der Szenebeobachter Policen Direkt, der gemeinsam mit der Unternehmensberatung Oliver Wyman den InsurTech Radar veröffentlicht, hat den Finger vermeintlich auf demselben Alarm-Button wie Berg. „Streng genommen sind 80 bis 90 Prozent aller Start-Ups in ihrer Existenz bedroht und werden rein statistisch betrachtet scheitern, erklärt Nikolai Dördrechter, XTP-Vorstand, Autor des Insurtech-Radars und Co-Founder der Policen Direkt-Gruppe. Diese allgemeine Daumenregel gilt aber nicht immer, denn die Statistik vermischt Kleingewerbe-Neugründungen mit Tech-Start-ups, die durch Innovationen, erfahrene Gründer und professionelle Investoren eine sehr viel höhere Überlebenschance haben als der Durchschnitt.

Viel hängt davon ab, in welcher Entwicklungsphase sich das Insurtech befindet, welche Zielgruppe von dem Produkt/Services des Start-ups adressiert wird und wie weit es in der Produktentwicklung ist, erklärt Sebastian Pitzler, MBA, Geschäftsführer Insurlab Germany in Köln und liegt damit argumentativ auf einer Linie mit Dördrechter und Carsten Maschmeyer, der auf Anfrage erklärt. „Es muss zwischen b2c und b2b-Startups unterschieden werden, Consumer Start-ups sind von der Krise stärker betroffen, b2b-Startups hingehen können profitieren, weil deren Kunden jetzt in der Krise die Digitalisierung schneller vorantreiben.“  

„Wichtig ist auch die genaue Branche, denn die Quote an Insolvenzen im Insurtech-Bereich liegt nach unseren Messungen aktuell noch sehr deutlich unter 50 Prozent“, erklärt Dördrechter. Ein coronabedingtes Massensterben sei noch nicht zu beobachten. Er stimmt der Aussage von Maschmeyer hinsichtlich der Widerstandskraft von Vertriebsmodellen zu. Plattform- und digitale Vertriebstechnologien seien sicher weniger betroffen, als neue B2C-Versicherungsprodukte. Dennoch bleibt der negative Grundton, die Finanzierungssituation habe sich seit Beginn der Krise verschlechtert.

Auch Ramin Niroumand glaubt an Veränderung: „Es wird eine Marktkonsolidierung bei Insurtechs geben“, jedes zweite Start-up, wie in der Bitkom-Studie genannt, empfindet er allerdings „persönlich deutlich zu hoch für den Insurtechbereich“. Die Bewertung und Einschätzung der Szene und einzelner Unternehmen gehört zu Niroumands Aufgabenroutine bei Finleap. Er ist sich sicher, dass die Branche auch in den nächsten Monaten Finanzierungsrunden sehen wird“, wenn auch „gezielter und nicht ganz so hoch, wie gewohnt.“

Krisengewinner Insurtech?

Es gibt auch in der Pandemie Erfolgsmeldungen. „Wir können für unser Netzwerk, den Insurtech Hub Munich, den negativen Ausblick nicht teilen. Im Gegenteil nehmen wir aktuell sowohl von Seiten vieler Insurtech-Startups als auch von Investoren und Versicherern als potenziellen Partnern oder Auftraggebern eine erhöhte Aktivität wahr“, erklärt Christian Gnam, Acting Managing Director des InsurTech Hub Munich. Dennoch sei sowohl bei den Investoren wie auch den Unternehmen während Corona eine “ große Verunsicherung“ spürbar gewesen.

Als Beleg für das größere Interesse nennt Gnam unter anderem die kürzlich erfolgreiche Finanzierungsrunde von Wechselgott oder GO Insurance.  Er verweist ebenfalls auf ein Investment eines bereits genannten Investors: Carsten Maschmeyer. Der investierte kürzlich in das Hamburger Start-up Nect und bereits im Januar in Neodigital. „Jede Krise bietet auch Chancen: Deswegen haben unsere Investmentfirmen selbst in den Corona-Höchstzeiten April und Mail mehrfach investiert. Zum Beispiel über den Fonds Alstin Capital in Nect, ein Start-up, das künstliche Intelligenz zur Online-Identifizierung entwickelt hat und bereits sehr stark von Versicherungen genutzt wird“, erklärt Maschmeyer.

Es gibt also sowohl Licht wie Schatten. Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Insurtech-Szene könne nicht pauschalisiert werden, erklärt Pitzler. Die Pandemie und die daraus entstehenden Konsequenzen könnten für die Insurtechs sowohl „Herausforderungen als auch Chancen hervorrufen“.  So bewertet auch Niroumand die Lage: „Natürlich trifft die Coronakrise auch die Versicherungsbranche. Für die einen ist die Krise eine Chance, für andere bedeutet sie große Verluste oder sogar das Ende.“

Für Maschmeyer ist die Antwort klar: „Wir werden als Investoren gerade jetzt weiterhin sehr aktiv bleiben und in digitale Geschäftsmodelle investieren.“Das funktioniert auch deswegen, weil mögliche Konkurrenten ihre Chance verschlafen. „Wir beobachten als Investoren, dass viele andere Geldgeber momentan zögern oder sogar ganz ausfallen, weil sie aktuell nicht mehr in Start-ups investieren wollen, können oder dürfen. Das eröffnet in der jetzigen Zeit zusätzliche Chancen.“

Anmerkung der Redaktion: Warum Versicherer nicht investieren, wie die Branche den Insurtechs, und andersherum, helfen kann und was die Jungunternehmen tun können, um sich aus der Corona-Krise zu befreien, lesen Sie im zweiten Teil der Geschichte in der nächsten Woche.

Autor: Maximilian Volz

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