Business Angel Herbert Schmitz: „Versicherer müssen ein Klima für neue Impulse und disruptive Ideen schaffen, um nicht völlig den Anschluss zu verlieren“

Herbert Schmitz, Business Angel, Quelle: hs

Herbert Schmitz blickt auf eine lange Karriere in der Versicherungswirtschaft zurück. Von 1987 bis 2010 arbeitete der Manager in den Vorständen mehrerer Gesellschaften des heutigen Gothaer Konzerns. Später beteiligte er sich an der Gründung von drei Versicherern, um heute als Business Angel Start-ups in ihrer Entwicklung zu fördern. Im Interview spricht er über Change-Prozesse und Eigenschaften, die sich etablierte Kräfte von jungen Machern abschauen sollten.

VW: Die Versicherungswelt schnelllebig geworden. Aus welchen Projekten oder Prozessen, die Sie in der Vergangenheit eingeführt, angestoßen oder mitbegleitet haben, werden noch heute Früchte getragen?

Herbert Schmitz: Die fortschreitende Verkürzung der Halbwertszeit von unternehmerischen Entscheidungen führt Strukturen und Prozesse, die für die Ewigkeit geplant werden, im Prinzip ad absurdum. Nichtsdestotrotz brauchen komplexe Organisationen auch ein stabiles Fundament und eine nachhaltige Statik. Aus meiner Ressortzuständigkeit waren es im Wesentlichen bestimmte Geschäftsmodelle, Organisationsformen und Systeme, die auch noch nach meiner aktiven Zeit bei der Gothaer Bestand haben: Kundenzentrierung, Zentralisierung der operativen Einheiten, Reduzierung der Wertschöpfungstiefe, IT-Servernetzwerke und Standardsoftware, HR-Management orientiert am HR Business Partner Modell. In jedem Fall gilt: Sachorientierte Entscheidungen überdauern im Allgemeinen politisch motivierte Strategien.

VW: Heute fördern Sie als selbstständiger Managementberater und Business Angel junge Unternehmer, kluge Geschäftsideen, nach wie vor aber auch die Versicherungsbranche selbst. Was treibt Sie an?

Herbert Schmitz: Um mit dem Erreichen der Altersgrenze von einem erfüllten Berufsleben zum Golfsport zu wechseln, fehlten mir sowohl das Talent als auch die Lust. Es hat mir immer Freude gemacht, mit jungen Menschen zu arbeiten, sie zu fördern und mit anspruchsvollen, aber erreichbaren Zielen nach vorne zu bringen. Ich selbst habe öfter diese Chance erhalten, und bin mit dem Vertrauen in die Fähigkeiten der mir anvertrauten Mitarbeiter immer gut gefahren.

Daher habe ich mich entschieden, meine Erfahrungen, mein Wissen und mein Netzwerk denjenigen anzubieten, die es aus meiner Sicht in besonderer Weise verdienen, gefördert zu werden – Startups aus den Bereichen Gesundheits- und Versicherungswirtschaft. So kann ich noch etwas von meiner Berufserfahrung in die Welt tragen. Und natürlich profitiere ich auch davon und genieße den Respekt und die Wertschätzung, die mir von den jungen Unternehmern entgegengebracht werden.

VW: Wie sehen die Gespräche mit den Start-ups aus?

Herbert Schmitz: Ich habe in den letzten zehn Jahren mit vielen Jungunternehmern gesprochen. Im Regelfall sind sie in die von ihnen entwickelte Geschäftsidee, in die eigene App oder den programmierten Algorithmus geradezu verliebt. Und natürlich versprechen sie sich auch einen großen wirtschaftlichen Erfolg. Nicht selten endete das Erstgespräch nach einer Diskussion über Chancen, Risiken und Finanzierungsaussichten aber mit meinem gut gemeinten Rat, das Thema besser nicht weiter zu verfolgen.

Bei erfolgversprechenden Konzepten und einem leidenschaftlichen Gründerteam liegen die Schwerpunkte meiner Dienstleistung in der eigentlichen Gründungsberatung, in der Finanzierungsberatung und der Beschaffung von Venture Capital, sowie bei Versicherern in der Begleitung durch den Bafin-Gründungsprozess und der Übernahme von Organfunktionen. Junge Entrepreneure unterstütze ich dabei, die Weichen von Beginn an richtig zu stellen, und sie können in allen Phasen der Unternehmensgründung von meinem beruflichen Netzwerk profitieren.

VW: Lernen Sie auch dazu?

Ich selbst bin in eine für mich völlig neue Community aus risikobereiten Jungunternehmern mit disruptiven Geschäftsideen, IT-Freaks, Nerds und VC-Investoren eingetaucht. Ich erfahre interessante Geschäftsideen und lerne von der Innovationskraft, dem Momentum und dem Erfolgswillen meiner Gründerteams und ihrer Mitarbeiter. Auch konnte ich aus der Zusammenarbeit mit der Bafin im Rahmen der Zulassungsverfahren von drei „auf der grünen Wiese“ gegründeten Versicherungsunternehmen neue Einblicke und viele positive Erfahrungen sammeln.

VW: Wie wichtig sind Impulse von jungen Köpfen für Wirtschaft, Wettbewerb und Versicherer?

Herbert Schmitz: Aus meiner Sicht sehr wichtig. Ende des 19. Jahrhunderts in den sogenannten Gründerjahren wurden in Deutschland unzählige Erfindungen gemacht, insbesondere in der beginnenden Automobilindustrie, im Maschinenbau, der Elektrotechnik und der chemischen Industrie. Damit einher ging die Gründung etlicher Versicherungsgesellschaften. Diesen Entwicklungen verdanken wir unseren Wohlstand und unsere Wirtschaftskraft. Im Vergleich zu anderen großen Wirtschaftsnationen verliert Deutschland aber seit einigen Jahren zunehmend an Bedeutung.

VW: Was ist Ihrer Meinung die Ursache?

Herbert Schmitz: Eine wichtige Ursache sind die unzureichenden Investitionen in Forschung und Innovation. Während Wettbewerber in den USA und China bis zu 50 Prozent ihres Innovationsbudgets in Akquisitionen, Corporate Venture Capital sowie Acceleration- und Incubation-Projekte – allesamt externe Innovationen – investieren, entfallen bei den DAX-Unternehmen lediglich vier Prozent auf externe Innovationen. Um in den nächsten Jahren nicht völlig den Anschluss zu verlieren, müssen wir auch in der Versicherungswirtschaft ein Klima für neue Impulse und disruptive Ideen schaffen. Mit dem InsureLab Germany wurde ein Anfang gemacht.

VW: Inwiefern unterscheidet sich die Mentalität und der Geschäftssinn der jungen Generation im Vergleich zu früher?

Herbert Schmitz: Die junge Generation wurde in eine Zeit hineingeboren, die vor allen Dingen von einem gewissen Maß an Wohlstand und Sicherheit sowie großer Freiheit und scheinbar grenzenlosen Wahlmöglichkeiten geprägt war. Sie sind mit digitalen Technologien vertraut, weil sie im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, nutzen Medien und soziale Netzwerke meist exzessiv, verteilen Likes und folgen Influencern. Daraus resultiert ein gewisses Anspruchsdenken. Sie möchten schon erfolgreich sein, auch finanziell, und sind auch leistungsorientiert, aber nicht um jeden Preis. Sinn und Selbstverwirklichung haben für sie im beruflichen Umfeld einen hohen Stellenwert.

VW: Ein Appell zum Abschluss: Wieso ist und bleibt das Geschäftsmodell Versicherung auch in Zukunft wichtig?

Herbert Schmitz: Versicherung ist nicht alles, aber ohne Versicherung wird schnell aus allem Nichts. Auch globalisierte digitale Wirtschaftssysteme erfordern adäquate Versicherungslösungen. Hier sehe ich ein weites Feld für innovative Deckungskonzepte in der Erst- und Rückversicherung.

Die Fragen stellte VW-Redakteur Michael Stanczyk.

Das vollständige Interview lesen Sie in der Februarausgabe des Magazins Versicherungswirtschaft.

Quelle: VVW

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