Arte Generali-Expertin Handke: „Werte müssen nicht nur realistisch, sondern auch marktgerecht angesetzt werden“

Arte-Generali-Chefunderwriterin Iris Handke. Bildquelle: Generali

Iris Handke ist seit knapp 20 Jahren im Markt für Kunstversicherungen aktiv. 13 Jahre war sie für Axa Art tätig. 2020 wechselte sie zum Konkurrenten Arte Generali, wo sie aktuell den Job des Chief Underwriting Officers bekleidet. Im Interview mit VWheute spricht sie über aktuelle Trends bei Sammlern, Bewertungsschwankungen von Kunstwerken und Captive-Lösungen für Museen.

VWheute: Ist das Kunsthandelssystem in einer Zeit effizienter Strukturen mit seinen 40- bis 50-prozentigen Margen auf Dauer noch zu halten?

Iris Handke: Nach über 20 Jahren Erfahrung mit Online-Kunstauktionen bleibt das Handelsvolumen weiterhin bei unter 15 Prozent und das überwiegend mit Werken, deren Einzelwerte unter 5.000 Euro liegen. Viele Galeristinnen und Galeristen üben ihren Beruf mit viel Leidenschaft aus und fördern die Entwicklung von Künstlern über Jahre hinweg. Sie schaffen Raum für Wachstum und Entfaltung. Dieses Engagement ist mit erheblichen finanziellen Risiken verbunden. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass wirtschaftliche Rentabilität ein wichtiger Aspekt ist. Ich persönlich glaube nicht, dass diese wichtige Rolle der Galerien ersetzt werden kann und wird.

Führt die zunehmende Abschottung von Märkten durch Zollpolitik/Kulturgutexportrestriktionen zu einer zunehmenden Lokalisierung der Kunstmärkte?

Das ist in der Tat eine Gefahr – und eine Entwicklung, die wir bereits beobachten können. Der Schutz von Kulturgütern ist wichtig und richtig. Dennoch sollte das Ziel sein, eine ausgewogene Balance zu schaffen: Einerseits den Erhalt des nationalen Kulturerbes zu sichern, andererseits aber auch den Kunstmarkt im eigenen Land zu fördern und offen zu halten.

Wir leben in einer globalisierten Welt und die Chancen, die sich daraus ergeben, sollten auch dem Kunstmarkt zugänglich sein. Dabei dürfen die Herausforderungen, die mit dieser Offenheit einhergehen, nicht aus dem Blick geraten. Es braucht also kluge, differenzierte Regelwerke, die sowohl Schutz als auch Austausch ermöglichen.

Wie rational sind die im Kunstmarkt praktizierten Wertansätze (denen Versicherer mit den vereinbarten Versicherungssummen folgen) und wie konstant im Zeitablauf? Werden vielleicht periodisch Hypes erzeugt, denen dann nach Abtreten der bisherigen Sammlergeneration/dem Tod des Künstlers ein drastischer Wertverfall folgt?

Die Bewertung von Kunstwerken ist eine der zentralen Herausforderungen in der Kunstversicherung. Werte müssen nicht nur realistisch, sondern auch marktgerecht angesetzt werden, und das in einem Umfeld, das von Schwankungen, Trends und gelegentlichen Hypes geprägt ist. Tatsächlich beobachten wir immer wieder, dass bestimmte Künstler oder Stilrichtungen kurzfristig stark an Wert gewinnen, oft getrieben durch mediale Aufmerksamkeit, Auktionserfolge oder gezielte Marktmechanismen.

Gerade deshalb ist es essenziell, die Entwicklung des Kunstmarkts kontinuierlich zu beobachten und die Versicherungswerte regelmäßig zu überprüfen. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit unseren Kunden Werte festzulegen, die nicht nur aktuelle Markttrends berücksichtigen, sondern auch langfristig Bestand haben.

Dabei setzen wir auf eine Kombination aus Erfahrung, Marktkenntnis und technologischer Unterstützung. In Zusammenarbeit mit Wondeur AI, einem führenden Unternehmen im Bereich datenbasierter Kunstmarktanalyse, nutzen wir Künstliche Intelligenz, um die Werthaltigkeit von Kunstwerken fundiert einzuschätzen. So können wir eine möglichst objektive und zukunftsorientierte Bewertung sicherstellen.

Wir leben in einer zunehmend digitalen Zeit. Ist es da nicht überraschend, dass dem Original eines Werkes immer noch so große Bedeutung beigemessen wird? Es muss behütet und jede Generation einmal restauriert werden, sein digitaler Klon stünde einer Vielzahl von Betrachtern zur Verfügung?

Diese Frage wird ja nicht erst seit der Digitalisierung diskutiert, bereits Walter Benjamin hat die Bedeutung der „Aura“ des Originals thematisiert. Und genau diese Aura ist es meiner Meinung nach, die eine Reproduktion – ob digital oder analog – niemals vollständig einfangen kann. Natürlich ist es ein großer Gewinn, dass Kunst durch Reproduzierbarkeit einem breiteren Publikum zugänglich wird. Doch das Erlebnis, einem Original gegenüberzustehen, ist dadurch nicht zu ersetzen. Ein Kunstwerk wirkt nicht nur visuell – es entfaltet seine Präsenz im Raum, in seiner Materialität, in der Wechselwirkung mit Licht, Umgebung und Betrachter und spricht damit alle Sinne an.

Ich erinnere mich an ein eindrucksvolles Beispiel: Ein monochromes Werk von Yves Klein, das in einem historischen Gründerzeit-Interieur hing. Die Wirkung war unglaublich, die Tiefe und Strahlkraft des Blaus, das Spannungsverhältnis zur Umgebung, all das hat das Konzept des Monochromen in einer Intensität vermittelt, die keine Reproduktion jemals so rüberbringen hätte können. Die Aura eines Kunstwerks entsteht nicht nur durch das Werk selbst, sondern auch durch seinen Kontext und dieser verändert sich im Laufe seines „Lebens“. Als Kunsthistorikerin und Kunstliebhaberin bleibt für mich damit das Original das Nonplusultra.

In früheren Zeiten fielen auch schon Heiligen-Reliquare und Historien-Schinken des 19. Jh. in spätere Ungnade. Welches sind die derzeitigen Trends bei den Sammlern, etwa weg von der Abstraktion hin zum Figurativen/Wiederentdeckung der Alten Meister/stark reduziertes Interesse an Oldtimern und Weinen?

Der Kunstmarkt ist ständig im Wandel und das spiegelt sich auch im Sammelverhalten wider. Heute beobachten wir eine zunehmende Vielfalt und Offenheit: Alle Stilrichtungen und Medien existieren nebeneinander, und genau darin liegt eine große Stärke unserer Zeit.

Ein besonders prägnanter Trend ist die verstärkte Sichtbarkeit und Wertschätzung von z.B. Künstlerinnen. Lange unterrepräsentierte Positionen werden gezielt gesammelt, gefördert und in den Kanon integriert – ein wichtiger Schritt zu mehr Diversität und Gerechtigkeit im Kunstsystem.

Zudem lässt sich eine Abkehr vom „sortenreinen“ Sammeln beobachten. Statt sich ausschließlich auf eine Epoche, Stilrichtung oder Technik zu konzentrieren, verfolgen viele Sammlerinnen und Sammler heute einen eher eklektischen Ansatz: Alte Meister hängen neben zeitgenössischer Fotografie, figurative Malerei trifft auf Konzeptkunst. Diese kuratorische Freiheit eröffnet neue Perspektiven und macht spannende Dialoge zwischen Werken möglich.

Welches sind die Motivationen großer Assekuranzgruppen, sich in der Kunstversicherung zu engagieren?

Große Versicherungsgruppen können die Entwicklung von Kunstversicherungen auf drei strategische Arten sehen: Einmal als Teil einer umfassenderen Strategie, die darauf abzielt, spezialisierte Geschäftsbereiche zu entwickeln, die ein höheres Wachstums- und Rentabilitätsprofil aufweisen als das allgemeine Geschäft. Dann auch als Erweiterung eines Angebots für vermögende Privatkunden durch die Entwicklung von maßgeschneiderten Lösungen. Letztlich aber auch vor dem Hintergrund der Verantwortung, die ein Unternehmen in der Gesellschaft hat, einen Beitrag zur Erhaltung unseres kulturellen Erbes zu leisten.

Die Industrie implementiert in der derzeitigen Hartmarktphase zunehmend Captive-Lösungen. Wäre solches auch für miteinander kooperierende Museen denkbar und stünde Generali hierfür als Fronting Partner zur Verfügung?

Unsere Kollegen von Generali Global Corporate & Commercial (GC&C) sind in dem Bereich Captives und Industrieversicherung aktiv. Für Museen stellt sich mir jedoch die Frage, ob es aufgrund der großen Komplexität sinnvoll wäre, so eine Struktur aufzubauen.

Wie sehen Sie in der Wertschöpfungskette der Kunstversicherung externe Ressourcen – also Makler, spezialisierte Transportunternehmen und unabhängige Schadenexperten?

Externe Spezialisten sind für uns unverzichtbare Partner. Kunstversicherung geht weit über den Schutz des finanziellen Aspekts hinaus – es geht um den Erhalt von Kulturgut und um Werke, die für unsere Kunden und Kundinnen oft einen hohen persönlichen, emotionalen Wert haben.

Deshalb ist es entscheidend, dass Kunstwerke fachgerecht transportiert, bewertet, restauriert und im Schadenfall professionell betreut werden. Dafür arbeiten wir eng mit erfahrenen Experten und Expertinnen zusammen.

Gleichzeitig profitieren auch wir als Versicherer von diesem Austausch: Wir erhalten Einblicke in neue Entwicklungen, Techniken und Standards und können dieses Wissen direkt in unsere Beratung und Risikoeinschätzung einfließen lassen. So schaffen wir echten Mehrwert, nicht nur in der Versicherung, sondern auch im Sammlungsmanagement.

Versicherer bezeichnen ihr noch nicht erschlossenes Marktpotenzial als den „protection gap“. Dabei geht es insbesondere auch um bislang unversichert gebliebene öffentliche Einrichtungen. Wie sehen Sie die Chance mit öffentlichen Sammlungen verstärkt ins Geschäft zu kommen?

Öffentliche Sammlungen verfolgen – wie alle Museen – in erster Linie das Ziel, Kunstwerke zu erhalten und professionell zu managen. Genau hier setzen wir an: Wir möchten diesen Institutionen nicht nur Versicherungsschutz bieten, sondern echten Mehrwert durch unsere langjährige Erfahrung im Umgang mit Sammlungen. Gerade in Zeiten knapper Budgets können wir als Partner unterstützen, etwa durch Beratung, Risikoeinschätzung und digitale Tools, die wir speziell für das Sammlungsmanagement entwickelt haben. Diese Lösungen helfen, Prozesse zu vereinfachen und Ressourcen zu schonen.

Bevor Sie im Januar 2020 zu ARTE Generali stießen, standen Sie 13,5 Jahre lang beim bisherigen Marktführer Axa Art an leitender Stelle. Wie vergleichen Sie den Marktauftritt und die Zeichnungsphilosophie der beiden Unternehmen?

Was die Underwriting-Philosophie betrifft, so teilen wir alle die Werte, die Nordstern in den 1980er-Jahren entwickelt hat: Profunde Kunstexpertise verbunden mit umfassendem Versicherungsschutz, um den Kunden maßgeschneiderte Lösungen anzubieten.

Versicherung ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Geschäftes, aber was einen wirklichen Kunstversicherer ausmacht, ist, inwieweit der Tatsache Rechnung getragen wird, dass Kunst als Kulturgut eine besondere Herangehensweise erfordert. Das ist es, was mich an Arte Generali begeistert, denn wir haben die Möglichkeit, genau diesen Ansatz zu verfolgen und weiterzuentwickeln, indem wir langjährige Erfahrung mit neuesten digitalen Entwicklungen verbinden. Indem wir mit KI-Unternehmen auf der einen Seite und mit Universitäten und Restauratoren, Registrars etc. auf der anderen Seite arbeiten. Für mich persönlich ist das der Weg zu Service und Underwriting auf hohem Niveau.

Welche Bedeutung haben für Arte Generali Kunstmessen, inwieweit treten Sie als Sponsor auf?

Kunstmessen spielen für Arte Generali eine zentrale Rolle – nicht nur als Treffpunkt der Branche, sondern als Plattform für aktiven Austausch. Sie bieten uns die Möglichkeit, mit Sammlerinnen und Sammlern, Galerien, Institutionen und anderen Marktteilnehmern in den Dialog zu treten. Dabei verstehen wir uns nicht nur als Sponsor im klassischen Sinne, sondern als aktiver Mitgestalter: Wir bringen uns mit Expertenrunden und Diskussionsformaten zu aktuellen Themen ein und fördern so den inhaltlichen Austausch innerhalb der Kunstwelt.

Welche Rolle spielen dabei die italienischen bzw. östereichisch-ungarischen Wurzeln der Gesellschaft?

Unser Engagement ist tief in der Geschichte von Generali verwurzelt. Als Unternehmen mit italienischen und altösterreichisch-ungarischen Wurzeln sind wir seit jeher eng mit Kunst und Kultur verbunden. Der Markuslöwe im Logo von Generali steht sinnbildlich für diese kulturelle Identität. Seit fast 200 Jahren übernehmen wir Verantwortung für den Erhalt und die Weiterentwicklung von Kultur – nicht nur durch Versicherungsleistungen, sondern auch durch gezielte Förderung.

Sie haben sowohl einen juristischen als auch einen kunsthistorischen Background. Wie relevant ist beides für Ihre tägliche Arbeit im Sinne von Provenienzforschung und Taxierung?

Auch wenn die Kombination meiner beiden Studienfächer zur damaligen Zeit eher ungewöhnlich war – und es vielleicht auch heute noch ist – ergänzen sich Jura und Kunstgeschichte aus meiner Sicht ganz hervorragend. Beide Disziplinen verlangen ein hohes Maß an analytischem Denken, was mir in meinem beruflichen Alltag sehr zugutekommt.

Gleichzeitig steckt in beiden auch viel Leidenschaft für die Materie. Ob bei der Einführung neuer Produkte, der Arbeit an Wordings und Klauseln in verschiedenen Ländern oder bei der Einschätzung großer Risiken – es ist immer ein Vorteil, juristische Denkweisen mit einem tiefen Verständnis für Kunst und Kunstgeschichte verbinden zu können.

Was sammeln Sie selbst?

Privat sammle ich vor allem Werke junger Künstler – darunter italienische Arbeiten, die in der Tradition der Arte Povera stehen, ebenso wie kanadische Künstlerinnen und Künstler, die sich mit der Geschichte und dem schwierigen Erbe der Kolonialzeit auseinandersetzen. Aber vor allem – um viele meiner Kundinnen und Kunden zu zitieren – sammle ich das, was mich berührt und worüber ich mich jeden Tag aufs Neue freuen kann.

Interview: Philipp Thomas