Maxpool-Chef Drewes bewertet Run-off als „moralische Bankrotterklärung“ und „Wortbruch eines Lebensversicherers“

Oliver Drewes, Geschäftsführer von Maxpool. (Quelle: Unternehmen)

Der Run-off hat in der öffentlichen Wahrnehmung seine Höhen und Tiefen. Aktuell scheint sich der Verkauf ungeliebter Leben-Altbestände vom Schmuddelkind-Image zu befreien. Für Maxpool-Chef Oliver Drewes ist das unbegreiflich. Er sieht im Run-off ein „unverzeihliches Vergehen“ und einen „massiven Vertrauensbruch“. Allein ist er mit dieser Meinung nicht, doch er spricht sie anders als viele offen aus.

Giovanni Liverani führte die Generali-Deutschland als Verantwortlicher 2018 in den Run-off und ebnete den Weg. Seinem Pfad folgten viele namhafte Unternehmen wie die Zurich-Deutschland und zuletzt mit Teilbeständen die Axa. Während sich der Italiener harter Kritik gegenüber sah – „toxisches Verhalten“ und Verrat gegenüber den Kunden – ist der Run-off mittlerweile etabliert. Jenseits der Verbraucherschützer ist selten offen Tadel zu hören.

Ein ehemaliger Allianz-Vorstand machte vor nicht allzu langer Zeit aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Die lassen sich für ihr Versagen feiern“, kommentierte er, während sich auf der Bühne einer branchenbekannten Messe zwei bestandsabgebende Vorstände für ihre Entscheidung gegenseitig beglückwünschten.

Rechnet sich der Run-off nicht?

Ob sich die Effizienzsteigerungen und die Kostengewinne in der Verwaltung der Bestände „tatsächlich zeigen“, hinterfragt der Maxpool-Chef Drewes. Er spreche aus, was „wohl alle Fachleute denken“, nämlich dass das „nicht klappen wird“. Die Migration der Bestände werde Zusatzkosten verursachen, „die im weiteren Verlauf kaum einzuholen sein werden“. Zudem gäbe es „stets zahlreiche weitere Komplikationen“. Es sei vermessen zu glauben, dass die deutschen Lebensversicherer so ineffizient verwalten, dass da „massive Kosteneinsparungen zu holen“ sind.

Doch genau das glauben sowohl Auf- wie Verkäufer. Kostenvorteile kann ein spezialisierter Bestandsversicherer besser als wir, erklärt Axa-Deutschlandchef Thilo Schumacher in der aktuellen Versicherungswirtschaft. Ein Ruhmesblatt für die Branche ist es nicht, dass ein Drittunternehmen besser verwalten kann.

Dass sich der Run-off für alle Beteiligten am Ende auszahlt oder wenigstens nicht nachteilig auswirkt, glauben zumindest öffentlich offenbar fast alle – inklusive BaFin und GDV. Drewes gehört nicht zu dieser Gruppe. „Mit den Beständen soll Geld verdient werden“, stellt er fest. Die Aufkäufer hätten „natürlich ausschließlich das Wohl der Investoren im Blick“. Die Altersversorgung der Menschen werde so zu einer „Handelsware degradiert“ – die Verbraucherzentrale sprach in dem Zusammenhang gar von einer Resterampe.

Kein Grund zu Kundenfreundlichkeit

Die Überschusszuteilungen und die eigentlichen Ergebnisse der Kapitalanlagen der Aufkäufer werden sich längerfristig sicherlich als „kundenunfreundlich herausstellen“, erwartet Drewes. Sie hätten kaufmännisch gesehen auf längere Sicht gar keinen Grund dafür, „dauerhaft marktfähige Zahlen zu zeigen“.  

Damit dürfte er nicht falsch liegen, denn obwohl „die meisten“ Run-off-Gesellschaften höhere Umsatz- und Kapitalrenditen als der Markt erzielen“, wie Assekurata analysiert, ist die Verteilungsphilosophie des Rohüberschusses „primär auf den Aktionär ausgerichtet“. Das ist wenig verwunderlich, denn im Gegensatz zu den Lebensversicherern haben die Aufkäufer weder einen moralischen noch einen wettbewerbsrechtlichen Grund für Kundengeschenke. Der Wettbewerb um den Versicherungsnehmer wird beim Run-Off gegen einen einmaligen Bieterwettkampf der drei maßgeblichen Run-off-Anbieter eingetauscht.

Die Gewinnbeteiligungssätze sind daher laut Assekurata „erst von wenigen Run-off-Gesellschaften angehoben worden“. Es werde „nur ausbezahlt“, was „unbedingt ausbezahlt werden muss“, kommentiert Drewes. Und zwar ohne die Aspekte der fairen Behandlung des Gesamtbestandes und der Wettbewerbsfähigkeit zu beachten, „weil ja kein Neugeschäft gezeichnet wird“. 

Und die Moral?

Drewes ist kein Fan der Verantwortungsabgabe. “Aus meiner Sicht bleibt vor allem die moralische Bankrotterklärung und der Wortbruch eines Lebensversicherers, der auf diesem Wege sein gegebenes Leistungsversprechen einseitig durch eine Auslagerung der Bestände beendet.“ Wem das zu moralisch erscheint, der kann nach Großbritannien schauen. Der High Court entschied, dass der Run-off von einem großen Versicherer zu einem kleinen Abwickler Nachteile bringen könnte. Der Kunde habe sich bewusst für einen Versicherer entschieden und eine Vertragsauflösung können nicht einseitig erfolgen. Das Geschäft wurde folglich zunächst untersagt.

Die Ansicht teilt Drewes: „Als Kunde habe ich meine Rentenversicherung bei einem renommierten Lebensversicherer abgeschlossen, weil ich an die Solidität und das Renommee des Versicherers geglaubt habe. Eine Generali, eine Zurich oder eine Axa haben stets mit Tradition, mit Unternehmensgröße und mit Solidität geworben.“ Diese und weitere der genannten Argumente sind in der Branche häufig zu hören, aber stets nur hinter vorgehaltener Hand.

In der Revision vor dem High Court hielten die Argumente um Vertragstreue und Größe allerdings nicht stand. Das Revisionsgericht hob das Urteil auf und der Transfer erfolgte nach rund zwei Jahren. Das Berufungsgericht stellte fest, dass der Richter am High Court seinen Ermessensspielraum „falsch ausgeübt“ hatte. Die unterschiedlichen Kapitalverwaltungsstrategien von Prudential und Rothesay sowie die Einwände einer kleinen Gruppe von Versicherungsnehmern wären zu Unrecht berücksichtigt worden.

Es ist anzunehmen, dass Drewes diese Ansicht nicht teilt. Sein Run-off-Fazit ist eindeutig. „Nicht alles, was rechtlich machbar ist, ist auch verantwortbar. Lebensversicherer, die ihre Verpflichtungen nicht mehr tragen können, sollten entweder ein ordentliches Insolvenzverfahren in Verbindung mit Protector einleiten oder sich insgesamt schlicht an eine tragfähige Gesellschaft verkaufen.“ Wenn ein Lebensversicherer seine Kundenbestände an einen Aufkäufer „als Renditeprodukt verscherbelt“, sei das ein „unverzeihliches Vergehen und ein massiver Vertrauensbruch“. Die dahinter stehenden Entscheider sind „Wortbrecher“ und „sie zerstören das Vertrauen in die deutsche Lebensversicherungsindustrie: Sie sollten sich schämen“. 

Autor: Maximilian Volz

4 Kommentare

  • Der Grund LV Bestände weiter zu verkaufen, ist ein gänzlich anderer. Viel mehr Kunden kündigen danach Ihre Verträge und der Aufkäufer macht große Stornogewinne (Vereinnahmung der Schlussgewinne, Überschüssen usw.)

  • Auch Korrekt
    https://www.dasinvestment.com/prolife-felix-m-fruechtl-untergang-sparer/ Richtig. Wir haben die ideale Lösung für Versicherungsvorstände und erstmals für fast alle Bürger, entwickelt. Die Frage ist nur noch, wird diese Innovation in D mit Alleinstellung umgesetzt, oder über Amazon, Meta oder China Life…

  • Robert Kerschbaumer

    Gratulation Herr Drewes ! Es ist selten geworden, dass ein Spitzenmanager sowohl mit moralischer Verantwortung als auch fachlich die Prioritäten völlig richtig setzt. Umso wichtiger ist es, dass Manager wie Sie auch Ihre Einschätzung öffentlich machen, um damit auch Vorbild für jüngere Generationen zu sein.

  • Michael Wöstefeld

    Wer wettet, der will betrügen. So sagte meine Mutter immer zu mir. Das dieses auch noch mit Hilfe und unter dem Schutz des Staates erfolgt, ist für Bürger nicht nur unverständlich, sondern ein klarer Verstoß gegen alle Regeln. Dass Versicherer nicht gerade den besten Ruf haben, liegt an diesen und vielen anderen kleinen Tricks, das Geld des Bürgers nicht zu verwalten, nicht zu vermehren, sondern ein gutes Geschäft zu machen und sich für großartige Dividenden feiern zu lassen. Wenn der Staat schon die Vermögen von unten nach oben verteilt, warum nicht die Versicherer. Ob und wie lange sich diese Moral noch halten lässt und wann die Stimmung umkippt, wird sich zeigen. Von einer Verbesserung des Image zu träumen mit „weiter so“, kann jedoch nur ein ausgemachter Schwachkopf.

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