Allianz bekennt sich schuldig

Die Allianz hat sich im Rechtsstreit um Structured Alpha geeinigt. Quelle: Allianz

Der Skandal um den US-Hedgefonds Structured Alpha hat wie erwartet massive Folgen für die Allianz. Am späten Dienstagnachmittag teilte der Münchener Versicherer mit, im Rechtsstreit mit den US-Behörden einen Vergleich erzielt zu haben. Demnach bekennt sich die US-Dependance von Allianz Global Investors (AGI) des Wertpapierbetruges für schuldig. Zudem muss der Versicherer eine Strafe in Milliardenhöhe zahlen.

„In der Einigung mit der SEC wird festgestellt, dass die AGI U.S. gegen einschlägige amerikanische Wertpapiergesetze verstoßen hat“, heißt es in der Mitteilung der Allianz. Zudem gehe aus der Einigung mit dem US-Justizministerium hervor, „dass das kriminelle Fehlverhalten in Bezug auf die Structured Alpha Fonds auf einige wenige Personen in der Abteilung für Strukturierte Produkte von AGI U.S. beschränkt war, die nicht mehr bei dem Unternehmen beschäftigt sind.“ Zudem hätten Untersuchungen des Department of Justice „keinerlei Hinweise auf Kenntnis von oder Beteiligung an dem Fehlverhalten bei der Allianz SE oder einem anderen Unternehmen der Allianz Gruppe ergeben“.

Das US-Justizministerium wirft dem Chef-Investor für mehrere „Structured Alpha“-Fonds, Greg Tournant, und zwei Fondsmanagern vor, sie hätten die Entwicklung der Fonds über Jahre hinweg manipuliert und die mit den Anlagen verbundenen Risiken untertrieben. Tournant selbst wurde bereits 2021 entlassen und werde nun der Verschwörung, des Wertpapier- und Anlagebetrugs und der Behinderung der Justiz beschuldigt. Er habe sich in Denver den Behörden gestellt, erklärte ein Ministeriumssprecher gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Tournant wurde in früherem Marketingmaterial von AGI als Chief Investment Officer US Structured Products und als Lead Portfolio Manager geführt. Laut den Dokumenten der US-Finanzaufsicht wurde der Investment-Profi offiziell „wegen Verstoßes gegen Firmen-Vorschriften entlassen, die darauf abzielen, die Einhaltung von Branchenvorschriften und -standards in Bezug auf die Vorbereitung und Bereitstellung von Kundenkommunikationen sicherzustellen“.

Darüber hinaus soll der Fondsmanager Stephen Bond-Nelson „wegen Verstoßes gegen die Compliance-Richtlinien des Unternehmens entlassen“ worden sein. Zudem habe mit Trevor Taylor Insidern zufolge ein dritter Fondsmanager das Unternehmen ebenfalls im Dezember 2021 verlassen.

Versicherer sucht neuen Partner in den USA

Das Schuldeingeständnis von AGI U.S. führt dazu, dass das Unternehmen nach einer Übergangsfrist „von in den USA registrierten Investmentfonds und bestimmten Pensionsfonds ausgeschlossen“ werde. Die Allianz geht davon aus, dass die US-Aufsichtsbehörde SEC noch im Laufe des Tages Ausnahmegenehmigungen („Waivers“) erteilt, die sicherstellen, dass die Einigung der AGI U.S. mit dem DOJ die Geschäftsaktivitäten von Pimco und der Allianz Life U.S. nicht beeinträchtigen werden.

Zudem hat die Allianz nach eigenen Angaben ein Memorandum of Understanding über eine langfristige strategische Partnerschaft unterzeichnet, welche eine Übertragung der Investmentmanagement-Aktivitäten von AGI U.S. mit einem verwalteten Vermögen im derzeitigen Umfang von etwa 120 Mrd. US-Dollar auf einen neuen US-Partner vorsehe. Allerdings beinhalte das Memorandum nicht die Aktivitäten der Abteilung für Strukturierte Produkte, die bereits aufgelöst wurde. Als Gegenleistung für die Übertragung soll Allianz Global Investors eine Beteiligung an der erweiterten Einheit sowie langfristige globale und wechselseitige Vertriebsvereinbarungen erhalten. Der Abschluss endgültiger Vereinbarungen soll laut Allianz in den nächsten Wochen geschehen.

Laut Vergleich mit dem US-Justizministerium ist die Allianz zudem bereit, eine Strafe von 2,33 Mrd. US-Dollar zu zahlen und die Anleger mit 3,24 Mrd. US-Dollar für ihre Verluste zu entschädigen. Von der Strafe würden dem Konzern allerdings 1,89 Mrd. Dollar erlassen, weil sie den Anlegern – darunter Pensionsfonds für Lehrer im US-Bundesstaat Arkansas – bereits mehr Entschädigungen gezahlt habe. Weitere 463 Mio. US-Dollar würden zugunsten der Staatskasse eingezogen. In einem separaten Vergleich zahlt die Allianz zudem 675 Mio. an die US-Wertpapieraufsicht SEC. Einen Betrag von 174,3 Mio. Dollar als Gewinnabschöpfung überweist der Versicherer an das US-Justizministerium.

Allianz bildet milliardenschwere Rückstellungen

Bereits vor wenigen Tagen hatte die Allianz mitgeteilt, noch einmal rund 1,9 Mrd. Euro für die finanziellen Folgen des Skandals zurückzustellen. Insgesamt belaufen diese sich nun auf 5,6 Mrd. Euro. Zudem habe sich die Allianz nach eigenen Angaben mittlerweile mit allen rund zwei Dutzend Klägern auf entsprechende Vergleiche geeinigt. Allein mit dem Lehrerpensionsfonds aus Arkansas (ATRS) hat ein besonders prominenter Kläger bei einem Vergleich mit der Allianz 643 Mio. US-Dollar und damit 83 Prozent seiner Forderungen erhalten.

Der Pensionsfonds hatte 1,6 Mrd. US-Dollar in drei Hedgefonds des Vermögensverwalters Allianz Global Investors (AGI) investiert und forderte eine Entschädigung für Kursverluste von 774 Mio. Dollar. Nach Abzug von Kosten und Anwaltskosten bleiben dem ATRS insgesamt 507 Mio. Dollar. Marktbeobachter sahen in dem Vergleich bereits einen Präzedenzfall für andere Vergleiche. Insgesamt hatten die 25 Kläger rund 6,3 Mrd. US-Dollar von der Allianz-Tochter AGI gefordert.

Die Einigung mit den Behörden scheint auch erhebliche Auswirkungen auf die Bilanzen zu haben. So verbuchte die Allianz im ersten Quartal 2022 einen leichten Gewinnrückgang von 2,9 Prozent auf 3,2 Mrd. Euro. Wegen der finanziellen Folgen des Skandals um den US-Hegdefonds dürfte davon wohl nur ein Bruchteil übrig bleiben.

Für Konzernchef Oliver Bäte dürfte die Einigung mit den US-Behörden eine Entlastung sein: Auf der Hauptversammlung sagte er zuletzt: „Wir bedauern die Verluste zutiefst und nehmen das Verfahren sehr ernst.“ Die Aktie wurde beeinträchtigt, gab er zu und versprach, das Thema „bald abzuschließen“. Die Untersuchung der beauftragten Kanzlei hätte aber „bisher keine Pflichtverletzungen“ von Vorständen zutage gefördert.

Kritik gab es dennoch von den Aktionären: So habe sich der Umgang der Allianz mit diesem Thema „scheibchenweise als Debakel entpuppt, nachdem die Allianz die Klagen der geschädigten US-Investoren im Herbst 2020 noch scharf zurückgewiesen hatte. Die Structured Alpha Fonds waren hochriskant und lieferten einen entsprechend hohen Beitrag zur Gewinn-und-Verlust-Rechnung von AGI“, kritisierte unlängst Janne Werning von Union Investment.

Sein Fazit: „Das Risikomanagement, das eigentlich die Kernkompetenz eines Versicherers sein sollte, muss versagt haben, wenn ein kleines Team mit einem einzelnen Produkt einen solchen Schaden für den Allianz-Konzern und seine Aktionäre anrichten konnte. Das erinnert ein wenig an die Sorglosigkeit der Investmentbanken vor der Finanzkrise.“

Autor: VW-Redaktion

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