R+V-Vorstand sieht großes Umdenken in der Lebensversicherung

Wohin führt der Weg der Lebensversicherung? Der gesetzlich vorgeschriebene Höchstrechnungszins für die Versicherungsbranche sinkt ab 2022 auf 0,25 Prozent. Das macht es für alle Anbieter immer schwieriger, mit den klassischen Garantiemodellen noch eine attraktive Verzinsung für die Kunden zu erwirtschaften. Quelle: Gundula Vogel/ Pixabay

Klimawandel, Corona, Digitalisierung, Finanzmärkte unter Druck. „Die Welt ist in Unruhe“, sagt Jens Hasselbächer. Das hat Folgen für das Lebensversicherungsgeschäft. „Praktisch über Nacht sind neue, kreative Lösungen gefragt, um dem sozialpolitischen Ansatz unserer Branche – nachhaltige und planbare private und betriebliche Altersvorsorge für jedermann zu ermöglichen – gerecht zu werden.“ Im Gastbeitrag schreibt der R+V-Vorstand, wie Leben-Produkte ihre Anziehungskraft wiederbekommen.

Tatsache ist: Die Zinsen sind derzeit historisch niedrig, und das wird wohl auch noch eine ganze Weile so bleiben. Dem trägt auch das Bundesfinanzministerium Rechnung: Der gesetzlich vorgeschriebene Höchstrechnungszins für die Versicherungsbranche sinkt ab 2022 auf 0,25 Prozent. Das macht es für alle Anbieter – auch für die R+V – immer schwieriger, mit den klassischen Garantiemodellen noch eine attraktive Verzinsung für die Kunden zu erwirtschaften.

Klassische Garantien haben ausgedient

Klassische Garantien bieten zwar ein hohes Maß an Sicherheit, haben dadurch aber auch im aktuellen Zinsumfeld ein deutlich geringeres Renditepotenzial als chancenorientierte Produkte. Folglich sind sie bei den Kunden mittlerweile weniger gefragt. Denn die wollen weiterhin attraktive Renditen, gleichwohl verbunden mit einem gewissen Sicherheitsniveau. Neue, marktkonforme Produkte sind daher das Gebot der Stunde. Auch die R+V hat ihr Produktportfolio in der privaten und betrieblichen Vorsorge mittlerweile neu ausgerichtet – mit dem Fokus auf Versicherungen, bei denen man freier in der Kapitalanlage ist und somit höhere Renditechancen erzielen kann. Das sind in der privaten Altersvorsorge vor allem fondsgebundene Produkte und Rentenversicherungen mit neuen Garantien.

Es zeichnet sich ein Umdenken ab, da das bisher außerordentlich hohe Garantieniveau der Betriebsrenten angesichts von Null- und Minuszinsen praktisch kaum noch Renditemöglichkeiten zulässt. Die mögliche Lösung für die Zukunft: eine beitragsorientierte Leistungszusage des Arbeitgebers, gepaart mit einer stärker chancenorientierten Kapitalanlage der eingezahlten Beiträge. Die R+V beispielsweise hat mit der FirmenRente Safe+Smart zur Jahresmitte 2021 ein entsprechendes Produkt auf den Markt gebracht. Der Grundgedanke dabei: Der Arbeitgeber kann das Garantieniveau selbst bestimmen – oder auch der Arbeitnehmer, wenn er die Wahlmöglichkeit vom Chef übertragen bekommt. Zwischen 55 und 90 Prozent der Beiträge fließen stets in sicheres Kapital. Während dieses fest verzinst ist, kann das übrige Chancen-Kapital von der Wertentwicklung am Aktienmarkt profitieren.

Überdies setzt die R+V vertrieblich künftig verstärkt auf das Thema Biometrie – hierzu zählen Produkte zur finanziellen Absicherung bei Todesfall und gesundheitsbedingtem Verlust der Arbeitskraft. Und der Kundenbedarf auf diesem Gebiet ist riesig, denn die Mehrheit der Bundesbürger hat hier noch keine Absicherung. Aber gerade das Risiko, ernsthaft zu erkranken und seinen Beruf nicht mehr ausüben zu können (mit entsprechenden drastischen finanziellen Folgen), sollte nicht unterschätzt werden. Corona-bedingt ist hier gerade eine höhere Sensibilität für das Thema entstanden.

Glaubwürdigkeit gefragt

Eine umfassende Produktpalette in der privaten und betrieblichen Vorsorge ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Genauso wichtig ist auch eine bedarfsgerechte Beratung, die sich an der jeweiligen Lebenssituation der Menschen orientiert – und dabei ganzheitlich den Absicherungs- wie auch den Vorsorgebedarf im Blick behält. Wichtig ist, dass die jeweilige passgenaue Produktlösung zur Hand ist und der Kunde entsprechend beraten wird – von chancen- bis sicherheitsorientiert und mit fest planbaren monatlichen Auszahlungen, die tatsächlich auch bis zum Lebensende finanzielle Sicherheit bieten. Denn die Lebenserwartung der Deutschen steigt seit Jahren; das sollte jeder bei der Planung fürs Alter berücksichtigen.

Und noch ein weiterer Faktor prägt mittlerweile den Vertrieb von (Lebens-)Versicherungen und wird immer stärker zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb: die Haltung des Unternehmens. Sprich: Steht der Anbieter glaubhaft auf der Seite der Kunden – oder hat das Unternehmen vorrangig Aktionärsinteressen im Blick?

Aber wohin wird sich die Altersvorsorgeberatung in den nächsten Jahren entwickeln – konkret schon in der kommenden Legislaturperiode? Wird die dringend notwendige grundlegende Riester-Reform noch gelingen? Wird die Idee eines neuen Vorsorgeprodukts, etwa einem Staatsfonds nach skandinavischem Vorbild, in die Tat umgesetzt – mit oder ohne Beteiligung unserer Branche? Werden neue dirigistische Vorgaben den Lebensversicherern die Arbeit erschweren? Oder wird unsere Branche – die bei der Altersvorsorge der Deutschen eine ansehnliche Erfolgsbilanz aufweisen kann – auch künftig im gewohnten Umfang ihrer sozialpolitischen Verantwortung im Vorsorgemarkt nachkommen können und dürfen?

Vorsorge lebt von der Planbarkeit. Vom Vertrauen. Von einer kompetenten Beratung – sei sie nun persönlich oder mittlerweile auch digital. Und davon, dass der Kunde sich in jeder Lebenslage gut aufgehoben und betreut fühlt. Denn darum geht es in unserem Geschäft ja am Ende: den Kunden auf seinem gesamten Lebensweg begleiten, ihm passgenau Schutz und Sicherheit zu bieten sowie finanzielle Planbarkeit bis ins hohe Alter. Und letztlich zählt dabei vor allem aber eines: der Kundenwunsch.

Autor: Jens Hasselbächer, Vorstand für Vertrieb und Marketing R+V Versicherung