Sind deutsche Lebensversicherer nur pseudo-nachhaltig?

Sind die Versicherer bei der Nachhaltigkeit schlecht oder gut? Bild von Fathromi Ramdlon auf Pixabay.

Stets bemüht oder zu Unrecht kritisiert – ein Rating hat sich mit der Geldanlage führender Lebensversicherer auseinandergesetzt und ein harsches Urteil gezogen. Die Unternehmen wehren sich, die Kritik im fairfinanceguide sei überzogen, der eigene Weg richtig und nachhaltig.

Sowohl Banken wie auch Lebensversicherungen haben durch ihre Investitionen und Finanzierungen einen “gewaltigen Einfluss” auf Gesellschaft und Umwelt, stellt die Nichtregierungsorganisation (NGO) Facing-Finance fest, die das Ranking fairfinanceguide herausgibt. Nach Ansicht der NGO tragen Kapitalunternehmen durch ihre Geschäfte  “häufig” zu “Umweltzerstörung, Klimawandel, Armut und Ungerechtigkeit bei”, da sie “meist kurzfristige Profite über eine langfristige nachhaltige Entwicklung stellen”. Ihr Ranking lässt die Lebensversicherer nicht gut aussehen.

Auszug aus dem fairfinanceguide. Quelle: Fair Finance

Kritik an den Kritikern

Statt nach der Nachhaltigkeitsohrfeige stumm die andere Wange hinzuhalten, gehen die Versicherer in die Offensive. Die Einschätzungen von Fair Finance seien teilweise nicht nachzuvollziehen und der gewählte Ansatz zu klein.

“Die Facing-Finance Studie bildet unseren ESG-Ansatz, der auf ganzheitliche ESG-Integration in das gesamte Portfolio setzt, nicht adäquat ab”, schreibt die Allianz. […] Das Ziel von Facing-Finance sei es, Investoren zu “mehr ESG Integration und Ausschlüssen zu treiben”. Viele Kriterien seien zwar “per se sinnvoll”, lassen sich aber in der Praxis so “nicht 1 zu 1 umsetzen”.

Der eigene Ansatz integriere ESG sowohl “gesamthaft” wie auch “langfristig” und gehöre mit dem Ziel der Klimaneutralität zu den “klimafreundlichsten weltweit”. Bei den Geschäftspartnern setze die Allianz auf Dialog statt Ausschluss. “Als großer Geldgeber hört man uns zu und stellt sich auf unsere ESG-Anforderungen ein.”

Das Abschneiden der Debeka und der Leipziger

Schlechter als die Allianz schneidet die Debeka ab. Bei der Berücksichtigung sozialer und ökologischer Kriterien in der Kapitalanlagestrategie stehen die Koblenzer “noch am Anfang”, wird kritisiert. Die Debeka erreiche mit lediglich 26 Prozent ein “sehr schwaches Ergebnis”, habe sich aber im Vergleich zum Vorjahr “erheblich verbessert”. Es wird unter anderem kritisiert, dass Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Naturschutz noch keinen Eingang in die Investitionsrichtlinien gefunden hätten.

Die Kritisierte macht keinen Hehl daraus, dass sie sich noch nicht am Nachhaltigkeitsziel sieht. “Die Debeka ist sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und berücksichtigt bei der Kapitalanlage seit Jahren eigene ESG-Kriterien. Wir sind überzeugt, dass der von uns eingeschlagene Weg durch ein normbasiertes Screening und geschäftsfeldbasierte Ausschlusskriterien auch für ein breit diversifiziertes Portfolio eines Versicherers anwendbar ist.” Die Ergebnisse der regelmäßigen ESG-Screenings in Zusammenarbeit mit MSCI-ESG würden das Unternehmen in dieser Strategie “bestärken”. Gleichwohl sieht die Debeka ihre Aktivitäten “als Teil eines laufenden Prozesses zur Weiterentwicklung unserer unternehmensinternen Nachhaltigkeitsansätze”.

Von den getesteten Versicherern schneidet die Alte Leipziger (AL) am schlechtesten ab. Das Unternehmen stehe erst am “Anfang der Entwicklung einer eigenen ESG-Strategie”. Im Kern wird kritisiert, dass die Investment-Kriterien nicht klar zu erkennen sind. Die AL-Kapitalverwaltungsgesellschaft habe die Ausübung der Stimmrechte an BMO Global Asset Manager übertragen, dieser Dienstleister führe den Dialog mit Unternehmen zu ESG-Themen. Offenbar ist das Facing-Finance nicht transparent genug. “Die Alte Leipziger sollte die Kriterien, die BMO für seine Engagement- und Stimmrechtsaktivitäten anlegt […] ebenfalls als Grundlage für das Investment formulieren und veröffentlichen, dann würde sie im fairfinanceguide wesentlich besser abschneiden.”

Das niedrige Ranking überrascht, hat doch der AL-Finanzvorstand Frank Kettnaker gegenüber VWheute in der jüngeren Vergangenheit mehrmals deutlich gemacht, wie sehr ihm und dem Konzern am Thema Nachhaltigkeit liegt. Er ließ es sich demnach nicht nehmen, auf das Ranking persönlich zu reagieren. Es “treffe nicht zu”, dass die ALH-Gruppe erst am Anfang der Entwicklung einer eigenen ESG-Strategie stehe. Die Gruppe habe für die einzelnen Anlageklassen – Festverzinsliche Wertpapiere, Immobilien und Infrastruktur – im Deckungsstock bereits Verfahren zur Identifizierung, Bewertung, Steuerung und Überwachung von Nachhaltigkeitsrisiken implementiert.

Der neue Nachhaltigkeitsbericht im März werde ausführlich darstellen, mit welchen Maßnahmen die ALH-Gruppe ihr Kapitalanlage-Management an Nachhaltigkeitskriterien ausrichtet, erklärt Kettnaker. Außerdem weist er darauf hin, dass die Gruppe sehr wohl zu den Kriterien für Engagement- und Stimmrechtsaktivitäten informiere. “Die Einschätzung des Fair Finance Guide ist deshalb auch an dieser Stelle für uns nicht nachvollziehbar“, schließt Kettnaker.

Im Ergebnis gibt es von den Versicherern also Kritik an den Kritikern, was kein Beinbruch ist. Am Ende wollen beide Seiten dasselbe, nämlich einen (komplett) grünen Anlagehorizont. Dass es der einen Seite nicht schnell genug geht, währen die andere sich zu Unrecht gegängelt sieht, ist Teil des Prozesses. Wichtig ist, dass alle dasselbe Ziel haben.

Autor: Maximilian Volz

2 Kommentare

  • Die Frage ist schon falsch formuliert wenn man auf das Anlageportfolio schaut! Aktien oder Anleihen einer Firma nicht mehr zu kaufen bringt schlicht überhaupt nichts auf einem effizienten Kapitalmarkt! Versicherer haben Einfluss in ihrer eigenen Wertschöpfung bei Gebäuden, Reisen etc. aber für die Klimaneutralität der Realwirtschaft ist der Gesetzgeber zuständig und nicht eine moralisierender Investor getrieben von nicht demokratisch legitimierten NGOs

  • Mir sind die NGOs suspekt, die aus einer Überzeugung eine Ideologie und daraus dann ein Geschäftsmodell machen, bei denen die NGO-Mitarbeiter sehr kräftig verdienen. Beispiel: Kampagnen-Mitarbeiter eines großen Kampagnen-Treibers, finanziert durch viele Spenden: fast 5.000 Euro brutto pro Monat. Das ist weit über dem durchschnittlichen Einkommen für vergleichbare Positionen in Wettbewerbsunternehmen. Das hat ein G’schmäckle.

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