Walter Botermann: “Run-off ist nur für die Versicherer sinnvoll, deren Aktivitäten in der Lebensversicherung von untergeordneter Bedeutung sind”

Die Allianz ist mit Blick auf die Höhe der Dividendenzahlungen der absolute Spitzenreiter in der Branche - deutlich dahinter folgen die Axa mit 4,2 Mrd. Euro sowie die Zurich mit 3,3 Mrd. Euro. Quelle: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay, Quelle: Deutsche Börse AG

Etablierte Lebensversicherer stehen vor einer Modifizierung des Geschäftsmodells. Die Ansätze sind durchaus vielversprechend. Ein Gastbeitrag von Walter Botermann über Projekte, Produkte und neue Perspektiven in der deutschen Altersvorsorge.

Das Thema Altersversorgung oder besser: Die Sorge vor Altersarmut ist inzwischen bei der Generation der unter 40-Jährigen angekommen. Die immer noch sehr großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei den gesetzlichen Rentenversicherungsansprüchen und den betrieblichen und privaten Vorsorgemaßnahmen sind eine zusätzliche Herausforderung, die im Rahmen des Ruhestandsmanagements zu lösen sind. V.E.R.S. Leipzig GmbH und KPMG definieren in einer Veröffentlichung als Ziel der Ruhestandsplanung das individuelle Wohlbefinden und die Lebensqualität im Alter. Neben Fragen der gesundheitlichen Stabilität ist dabei die finanzielle Absicherung sehr wichtig.

Ein besonderer Aspekt liegt im Rahmen der Berufsplanung, beispielsweise in einem internationalen Umfeld ist der damit einhergehende Aufbau der Altersversorgung mithilfe von digitalen Assistenten sicherlich (heute) noch nicht Standard. Aber gerade die komplexen Fragestellungen rund um die verschiedenen europäischen Rentenversicherungsformen der unterschiedlichen betrieblichen Vorsorgeprogramme und der möglichen privaten Altersvorsorgestrategien gewinnen an Bedeutung und qualifizieren Arbeitgeber immer stärker im Wettbewerb um hervorragende Talente.

Regulierte Versicherungswelt versus Freiheit zu scheitern

Die Zeitspanne von einem übersichtlichen, regulierten deutschen Versicherungsmarkt, in dem jeder Marktteilnehmer seinen festen Platz hatte, bis hin zur Deregulierung 1994 war gefühlt sehr kurz. Ein erstes, ungläubiges Staunen gab es, als nach der Jahrtausendwende die Schwierigkeiten einer Lebensversicherung nicht optimal geregelt wurden. Ab da wusste jeder Teilnehmer, dass sich etwas Grundsätzliches verändert hat. Seit den Börsenrückschlägen von 2001 bis 2003 und der Finanzkrise von 2008 bis 2009 hat sich das Zinsniveau immer weiter reduziert.

Die Garantien der Lebensversicherer, die über Jahrzehnte gegeben wurden, stellen aktuelle Herausforderungen dar. Viele Unternehmen, die eine langjährige Stärkung der Ertragskraft und der Eigenmittel betrieben haben, werden diese Herausforderung meistern. Es gibt aber auch hier seit Jahren die Frage der Handlungsoptionen: Marktaustritt, Modifizierung des Geschäftsmodells, weitere Stärkung der Ertragskraft und Produktveränderungen sind hier bekannte Möglichkeiten.

Die Diskussion über die Riesterrente ist von den aktuellen Regierungsparteien bisher eher ideologisch als inhaltlich geführt worden. Daher wird in mehreren Parteiprogrammen von einer staatlichen Zusatzversorgung gesprochen. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis auf das schwedische Modell sicherlich nicht falsch, es ist aber vor allem auch eine zusätzliche Beitragsleistung aus dem vorhandenen Arbeitseinkommen.

“Nordeuropäische Altersversorgungssysteme sind eine Herausforderung, der sich die Versicherungswirtschaft stellen kann.”

Walter Botermann, Vorsitzender der Aufsichtsräte der Alte Leipziger-Hallesche

Eine zusätzliche staatliche Sparform kann es nur geben und wird nur dann überwiegende Akzeptanz finden, wenn gleiche Rahmenbedingungen wie für private Anlageformen geschaffen werden. Die Versicherungswirtschaft hat beispielsweise in den letzten zwei Jahrzehnten sehr erfolgreich fondsgebundene Rentenversicherungen entwickelt und angeboten. Die Ergebnisse dieser Anlagen können in jedem Fall mit einem Staatsfonds konkurrieren und führen zu einer angemessenen Verzinsung. Gerade nach den für viele Menschen enttäuschenden aktuellen Ergebnissen der staatlich durchgeführten Maßnahmen, wie Einkauf von Impfstoffen
und Schutz der Menschen in Alten- und Pflegeheimen, ist das Vertrauen in allein staatlich organisierte Maßnahmen begrenzt. Daher wird ein Zwangssparen in einen staatlich organisierten Fonds auf Misstrauen stoßen.

Sofern es gelingt, die Vermeidung von Altersarmut ideologiefrei anzugehen, können staatliche Rentenversicherungssysteme durch eine Fortentwicklung von risikoorientierten Rentenversicherungsprodukten ergänzt werden. Weitere Sparbausteine, wie der Erwerb einer selbstgenutzten Immobilie, bieten jedem individuelle Lösungsstrategien für ein auskömmliches finanzielles Ruhestandsmanagement. Daher ist ein positiver Blick auf die Lebensversicherungswirtschaft und ihre Angebote weiter angebracht.

Autor: Walter Botermann, Vorsitzender der Aufsichtsräte der Alte Leipziger-Hallesche

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Juni-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

drei + 7 =